
· | Niederbayern >> Saturday, 20. June 26
Bollerwagen, Pfefferspray und ButterbrezenMittags in einem Passauer Café. Hinter der Theke steht ein Student der Staatswissenschaften. Die Nacht war kurz. Um sechs Uhr morgens traf er sich mit zehn anderen im Stadtpark "Klostergarten." Elf Leute, ein Bollerwagen, eine Musikbox. Der harte Kern von „Studis gegen Rechts“. Jetzt serviert er Kaffee, Zimtschnecken und Butterbrezen. Der Weg zur Dreiländerhalle liegt diesen Samstagvormittag hinter ihm. Fast vier Kilometer hinauf nach Kohlbruck. Eine gute Stunde Fußmarsch. Wie lange es genau gedauert hat, weiß er nicht. „Ich hab nicht auf die Uhr geschaut“, sagt er. Um 11 Uhr begann seine Schicht. Bis 19 Uhr steht er im Laden. Im Radio hat er gehört, dass am Vormittag etwa 1.000 Menschen demonstriert haben sollen. Der Führungsstab der Polizei will am Abend eine Pressemitteilung mit der Bilanz herausgeben. Der Protest sei wichtig gewesen, sagt der Student. Dann blickt er zu seinen Kolleginnen und Kollegen. Viele stammen aus anderen Ländern oder sind Kinder von Zuwanderern. Ohne sie würde das Café nicht funktionieren. „Wenn die AfD regieren würde, gäbe es den Laden wahrscheinlich nicht mehr in dieser Form“, sagt er. Kundschaft mit AfD-Sticker bedienen oder nicht? Die Antwort bleibt offen, ob Ausgrenzung eine hilfreiche Haltung ist. Wenige Minuten später kommt ein Kommilitone herein. Wirtschaftswissenschaften. Doppio Espresso. Das Wochenende verbringt er nicht am Badesee, sondern in Seminaren. Juristen und Wirtschaftsstudenten lernen oft dann, wenn andere frei haben. „Welche Demo?“, fragt er erstaunt. Von Protesten gegen einen AfD-Parteitag habe er nichts mitbekommen. Er sei nicht ständig im Internet unterwegs, Plakate habe er keine gesehen. Er gehe zur Wahl, aber interessiere sich sonst nicht sonderlich für Politik. Die Szene zeigt, wie unterschiedlich selbst unter Studenten auf denselben Tag geblickt wird. Die rund 10.500 Studierenden machen in Passau etwa ein Fünftel der Bevölkerung aus. Die einen stehen morgens mit dem Bollerwagen auf der Straße. Die anderen lernen fürs nächste Seminar und erfahren erst zufällig davon. Währenddessen läuft die politische Inszenierung am Kohlbrucker Messegelände unter starkem Polizeiaufgebot auf Hochtouren. Vertreter von Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Initiativen lassen sich fotografieren. Stadtratsmitglieder der Grünen präsentieren sich mit einer Europafahne. Gruppenbilder entstehen. Sie werden am nächsten Tag in sozialen Netzwerken und Medien auftauchen. Kritiker sehen darin Symbolpolitik. Befürworter sprechen von sichtbarer Haltung. Die Stadt selbst wirkt an diesem heißen Samstag erstaunlich unaufgeregt. Touristen sitzen in Straßencafés. Der Verkehr rollt. Denn die eigentliche Auseinandersetzung findet weit draußen statt; am Rand des Neuburger Waldes, auf dem Messegelände in Kohlbruck.
Passau verkehrstechnisch "abgeschnitten"
Pfefferspray, ein Leichtverletzter
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