Tuesday, 12. May 2026
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Niederbayern >> Monday, 11. May 26

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Als der BB-Fotograf um 8 Uhr kam, war der Storch weg: Abflug Richtung Donautal. Hier bei der Rast im April 2024. (Foto: mediendenk)
Schützen und essen

Berliner Frühstücksei, Passauer Storch und das Paradoxon der Tierliebe

Passau/ Berlin – Es ist 6.15 Uhr morgens, als das Telefon klingelt.

Am anderen Ende ein aufgeregter Freund: Auf dem alten Schlot der ehemaligen Innstadtbrauerei sei ein Storch gelandet. Keine Frage: ein beeindruckendes Bild. Der majestätische Vogel auf dem Industriedenkmal wirkt wie ein gutes Zeichen, ein Lebenszeichen der Natur mitten in der Stadt.

Tatsächlich ist er kein völlig neuer Gast: Schon vor zwei Jahren hat er es bei uns im Magazin Nr. 175 auf eine Doppelseite geschafft. Solche Anrufe bekommen wir immer wieder: ein Storch auf dem Kamin, ein Bienenschwarm in der Altstadt, eine Entenmutter mit Küken in der Innstadt auf einem Flachdach, die es nicht allein hinunter zum Fluss schafft. Jedes Mal organisieren Menschen Hilfe, rufen bei Feuerwehr, Naturschutz oder Redaktion an.

Und doch bleibt nach dem Auflegen eine beklemmende Frage: Sind das dieselben Menschen, die später ohne jeden Zweifel Entenbraten im Restaurant bestellen oder gegrillte Hühnerschenkel an der Ecke holen? Bedienen nicht auch wir Journalistinnen und Journalisten Geschichten von glänzender Tierliebe – und blenden zugleich eine viel bedrückendere Wirklichkeit aus?

Brandenburgs Eierindustrie "Landkost" am Boden

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Egal ob Bio oder Bodenhaltung, ein regionales Ei wird der Berliner derzeit im Supermarkt kaum mehr finden. Auch Brandenburger Edeka-Märkte wurden notgedrungen bestückt mit Eiern aus Niedersachsen. (Foto: mediendenk) Acht
Im aktuellen Heft (Magazin Nr. 195) erzählen wir eine andere Tiergeschichte, die im Alltag weit weniger Anrufe auslöst und es bislang kaum in die überregionalen Medien geschafft hat, obwohl die Auswirkungen gravierend sind: die Massentötung von rund zwei Millionen Hühnern in der Geflügelindustrie in Brandenburg und Bayern, entsorgt als „Bestand“ und „Biomasse“. Die Folgen bemerkt nur der aufmerksame Verbraucher im Supermarktregal: In der Bundeshauptstadt* und der Region gibt es derzeit keine „regionalen“ Eier aus Brandenburg (Länderkennung 12) mehr. Dort sitzt Europas größte Eierindustrie, die sich hinter den Labels „Landkost“ und „Deutsche Frühstücksei“ verbirgt. In diesem Bundesland ist sie derzeit weitgehend ausgelöscht. Hintergrund: Massentierhaltung begünstigt Seuchen, es kam zu einem explosionsartigen Ausbruch. Es wird Wochen dauern, bis die fensterlosen Megaställe in Bestensee im Landkreis Dahme‑Spreewald wieder mit (Anm. d. Red.: erbärmlichem) Leben gefüllt sind. Die Verantwortlichen schwiegen. 

Hinweis: Alle Interessierten in Berlin und Brandenburg, die unser aktuelles Heft zur Tragödie in der Brandenburger Geflügelindustrie lesen und unsere Recherche unterstützen wollen, erhalten das E-Paper einmalig zum Sonderpreis von drei statt sechs Euro. Versand erfolgt per E-Mail mit link zum Download.

Zurück zum stolzen Storch auf dem Kamin und den Millionen eingesperrten Hühnern auf Gitterböden: Die Forschung spricht vom „Meat Paradox“, dem Widerspruch zwischen Tierliebe und Fleischkonsum; unser Gehirn lernt, genau diesen Konflikt auszublenden. Wie wir das schaffen, warum wir beim Storch auf dem Kamin weicher werden als beim Huhn in der Kühltheke und warum auch wir Journalistinnen und Journalisten bei der Einordnung versagen – das sprengt hier den Rahmen und wird Lesestoff im Heft.

red