Dienstag, 04. Oktober 2022
·

Passauer Land >> Montag, 19. September 22

bild_klein_20452.jpg
Staatsanwalt Stephan Brunner, Foto vom Prozessbeginn, hielt heute sein zweistündiges Plädoyer. (Foto: mediendenk)
Freyunger Verbrechen

Mordprozess: Eklat beim PlÀdoyer des Staatsanwalts

Deggendorf/ Freyung/ Passau - Am 25. Verhandlungstag im neu aufgerollten Mordprozess um das Freyunger Verbrechen von 2016 ist es heute zu einer Überraschung und zu einem Eklat gekommen.
 
Dominik R., der vom Landgericht Passau wegen Totschlags verurteilt worden ist, sitzt seit sechs Jahren hinter Gittern. Ein Passauer Strafrechtsprofessor, einer der beiden Verteidiger, zieht alle Register, um seinen Mandanten vor einem schlimmeren, einem Urteil wegen Mordes zur bewahren. Heute steckt er Niederlagen ein.
 
Am vorangegangenen Prozesstag, am letzten Mittwoch, hatte die Verteidigung zum zweiten Mal einen Befangenheitsantrag gegen die Große Strafkammer gestellt. Der Angeklagte habe das Vertrauen in die Vertreter dieser Richterbank verloren, wurde angefĂŒhrt. Erneut sollten die Verteidiger mit ihrem Antrag abblitzen.
 
Ein ehemaliger Einbruchskomplize des Angeklagten ist in diesem Wiederaufnahmeverfahren als Kronzeuge der Anklage aufgetreten. Er belastet TĂ€ter Dominik R. schwer. Dieser habe die Mutter seines Kindes nicht – wie im Passauer Verfahren angenommen – im Streit, sondern im Schlaf niedergestochen. So habe er es selbst von ihm gehört.
 
Zu Beginn der Verhandlung hat der Passauer Strafverteidiger einen weiteren Vorstoß unternommen: Er will untersagen, dass die Aussagen dieses Kronzeugen verwertet werden. Er zweifelt deren RechtmĂ€ĂŸigkeit an, spricht ein sogenanntes „Beweisverwertungsverbot“ aus. Die Aussagen seien vor einer Ermittlungsrichterin ohne freie Entscheidung, zudem ohne rechtlichen Beistand gefallen. Der Betroffene stand unter BewĂ€hrung und habe sich in der ZwickmĂŒhle befunden: GefĂ€ngnis oder strafmildernde UmstĂ€nde.
 
Um 10.20 Uhr gibt die Große Strafkammer ihre Entscheidung bekannt: Befangenheitsantrag und Beweisverwertungsverbot – beides abgelehnt. Danach ruft der Vorsitzende Richter den Staatsanwalt auf, sein PlĂ€doyer zu halten. Es wird zwei Stunden dauern und nach zwanzig Minuten unterbrochen durch einen Eklat. Der Staatsanwalt unterbricht seinen Vortrag, da er das Verhalten des Passauer Strafverteidigers als nicht angemessen empfinde. Dieser tĂ€ndelt an Laptop und Handy.
 
Zu dieser Zeit wird ein welthistorisches Ereignis ĂŒbertragen, die Trauerfeierlichkeiten um die britische Queen. Er habe die GerĂ€te genutzt, um sich auf seine Verteidigerrede vorzubereiten, wird der GerĂŒgte sich entschuldigen.
 
Der Staatsanwalt fordert eine Verurteilung wegen Mordes. Er sieht zwei Mordmerkmale als gegeben an, HeimtĂŒcke und niedere BeweggrĂŒnde. Er hat keine Zweifel, dass das Messer gegen eine Schlafende gefĂŒhrt worden ist, nennt Eifersucht als Motiv und unterstellt dem TĂ€ter „uneingeschrĂ€nktes Besitzdenken“ .Letzteres daran festgemacht, dass der TĂ€ter sich, wie es in der Beweisaufnahme mehrmals zur Sprache gekommen ist, an der Leiche vergangen habe. Er habe „der Letzte“ sein wollen.
 
„LebenslĂ€nglich wegen Mordes und besonderer Schwere der Schuld“ - die AnwĂ€lte der Nebenklage, zwei MĂ€nner und eine Frau, schließen sich der Forderung des AnklĂ€gers an. Sie vertreten Kind, Mutter und Vater der Getöteten.
 
Es ist ein ungewöhnlicher Augenblick, als sich als NebenklĂ€gerin die Mutter der Getöteten persönlich zu Wort meldet. Sie kaufe dem Angeklagten seine Reue nicht ab, sagt sie. Ihre "liebenswĂŒrdige Tochter" habe alles fĂŒr ihn getan, ihm bei der Jobsuche geholfen, ihn aufgenommen, als er von den Eltern vor die TĂŒr gesetzt worden ist. Als Großmutter zieht sie die leidtragende Halbwaise dieser Tragödie auf "wie ihr eigenes Kind".
 
Die Strafverteidiger sind am nÀchsten Montag mit ihren PlÀdoyers an der Reihe.
 
hud
 
Text nach telefonischen Infos von Gerichtsreporter Michael Bothner.