Dienstag, 04. Oktober 2022
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Krankenwagen vor dem Landgericht Deggendorf. Der wegen Mordes Angeklagte ist heute wegen einer ärztlichen Untersuchung verspätet eingetroffen. (Symbolbild: mediendenk)
Freyunger Verbrechen

Mordprozess: Angeklagter möchte, dass Bruder sein Schweigen bricht

Sachkundige Beobachter sind davon ausgegangen, dass es heute nicht zu den geplanten PlÀdoyers im Mordprozess um ein Freyunger Verbrechen kommen wird. Es wurden und werden von der Verteidigung eifrig BeweisantrÀge gestellt, um die Position ihres Mandanten zu verbessern. Seit der Mittagspause dreht es sich um die Frage, ober der Bruder des Angeklagten, der bisher in allen Verfahren von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hat, doch noch aussagen soll.

Der Vorsitzende Richter hat sich bei Verhandlungsbeginn nach dem Wohlbefinden des Angeklagten erkundigt. Der Gefangenentransporter aus Straubing traf mit einer halben Stunde VerspĂ€tung ein. Ein Verkehrsstau? „Er hat den Arzt gerufen und sich heute FrĂŒh untersuchen lassen“, erklĂ€rt einer der beiden Justizwachtmeister aus Straubing, warum ihr SchĂŒtzling zu spĂ€t ist.

„Ich habe noch einiges in petto“, kĂŒndigt einer der beiden Strafverteidiger, ein Uni-Strafrechtsprofessor, wĂ€hrend der morgendlichen Wartezeit den Medienleuten an. Seine BeweisantrĂ€ge, zu denen die Kammer jeweils beraten und befinden muss, lassen das Verfahren nicht wie geplant zu Ende kommen. Am Dienstag war erst nach 22 Uhr Schluss. Sein dritter Anlauf, die GlaubwĂŒrdigkeit des Hauptbelastungszeugen zu erschĂŒttern, ist heute gescheitert. Er ĂŒberraschte danach mit einer neuen ErklĂ€rung: Der Bruder des Angeklagten habe ihm per Whatsapp Informationen zugespielt, die wichtig seien fĂŒr dieses Verfahren.

Der Bruder zĂ€hlt als SchlĂŒsselfigur, als enger Vertrauter des TĂ€ters, als mutmaßlich Eingeweihter. Im Deggendorfer Wiederaufnahmeverfahren geht es erstmals um den Verdacht, dass er möglicherweise das Tatmesser dem TĂ€ter zugespielt, geschenkt hat. Ein sogenannters Damastmesser, das aus einem Freyunger MilitĂ€rladen abhanden gekommen ist. Per Whatsapp erklĂ€rt der als Messerdieb VerdĂ€chtige dem Anwalt auf Nachfrage, dass er zu keiner Zeit seinem Bruder ein Messer geschenkt habe. Diese Aussage im Whatsapp-Dialog möchte der Verteidiger verwertet haben, denn dies schĂŒtzt seinen Mandanten vor dem Verdacht, er habe das Messer als Mordinstrument  bereitgehalten. Im ersten Verfahren hatte er sich darauf eingelassen, dass er im Streit irgendwann ein Messer in der Hand hatte, eines aus der KĂŒche.

Soll der Bruder des Angeklagten nun vor Gericht doch noch aussagen?

Es wĂ€re ein Einfaches fĂŒr das Gericht gewesen, den Bruder des Angeklagten anzurufen und zu befragen, ob er tatsĂ€chlich aussagebereit ist. So sieht es der Landshuter Verteidiger, der - im Gegensatz zu seinem forsch auftretenden Kollegen - diesen Beweisantrag gut vermittelt der Kammer gestellt hat. Sein Anliegen wird am Ende des Prozesses erfolgreich sein. Aber zunĂ€chst kehrt auch bei ihm die Kammer mit dem Beschluss zurĂŒck, den Antrag abzulehnen. Die Aussage zu verweigern, das habe sich der Bruder des Angeklagten mit Beistand eines Anwalts "bei vollem Bewusstsein" gut ĂŒberlegt. An ihn jetzt mit einer Ladung heranzutreten sei, könne als Versuch gewertet werden, ihn unter Druck zu setzen oder in seiner Haltung zu erschĂŒttern. Diesen Schritt will die Kammer nicht mitgehen.

Der Landhuter Rechtsanwalt wiederholt nach dieser Ablehnung seinen Antrag, aber neu formuliert: Die Verteidigung wolle den Zeugen selbst vorladen, denn er sei ein "zentrales Beweismittel", der "vermeintliche Ursprung und Wurzel dieses Verfahrens" (Anm.d. Red.: Auf ihn stĂŒtzt sich die Aussage von Hauptbelastungszeugen, das Opfer habe beim Messerangriff geschlafen). 

Dem neuen Vorstoßwird stattgegeben. Ob der Bruder, der bisher jede Aussage verweigerte, tatsĂ€chlich kommt, wird sich am kommenden Freitag, 5. August, zeigen. Das Urteil ist mit neuem Terminplan auf den 1. September verschoben worden. Der Staatsanwalt und eine Vertreterin der Nebenklage sollen nach der Aussage des mutmaßlich letzten Zeugen plĂ€dieren, die restlichen PlĂ€doyers erfolgten am 19. August stattfinden.

Die Premiere in diesem Mordprozess, dass der Bruder des Angeklagten aussagt, könnte aber möglicherweise zur Folge haben, dass bereits gehörte Zeugen erneut in den Zeugenstand treten mĂŒssen; wenn WidersprĂŒche auftreten, die Mosaiksteine dieses Verbrechens nicht mehr zusammenpassen. Der Familienangehörige selbst begibt sich als Mitwisser der Tat in eine riskante Lage. Wer sich zur Aussage verpflichtet, darf nichts verschweigen und muss bei der Wahrheit bleiben; es sei denn, er wĂŒrde sich oder den Familieangehörigen belasten, dann hat er das Auskunftsverweigerungsrecht. 

hud