Sonntag, 14. August 2022
·

Passauer Land >> Donnerstag, 28. Juli 22

bild_klein_20373.jpg
Feuerwehrleute ziehen unter einem Bürgerblick-Video über die Redaktion her und fordern Konsequenzen: Der Drohneneinsatz sei "milde ausgedrückt", "sehr gewagt." (Quelle: öffentliche Kommentarspalte Facebook-Bürgerblick)
In eigener Sache

Pöbelnde Feuerwehrleute

Facebook und Co. sind zu weltöffentlichen KlotĂŒren fĂŒr Hasskritzler und Schmierer geworden. Soll man sich als Journalist verabschieden, wenn mehr Schaden als Nutzen entsteht?

Klimaleugner und Demokratiefeinde, FlĂŒchtlingshasser und LĂŒgenpresse-Rufer, Corona-Skeptiker und Verschwörungstheoretiker, Fanatiker jedweder Couleur, all diese Menschen toben sich zu jedwedem Beitrag auf öffentlichen Kommentarspalten aus. Es ist ein kleiner, aber lauter Kreis.

BĂŒrgerblick wird im Gegensatz zu Großverlagen mit keinem Cent fĂŒr die gelieferten Facebook-Inhalte entschĂ€digt. Umso Ă€rgerlicher ist es, sich mit faktenfreier Kritik, Beschimpfungen und Beleidigungen herumschlagen zu mĂŒssen. Sollte man auf diese Plattform besser ganz verzichten? Bei 10.000 AnhĂ€ngern ist Schluss, habe ich  irgendwann entnervt gesagt. Jetzt sind es fast 13.500.

„Alle, die ich nicht respektiere, duze ich”, geht mich ein Pöbelnder persönlich an. Die EintrĂ€ge zu ignorieren ist schwierig, denn man sollte diese Spalten moderieren. Oft habe ich dazu keine Lust. Manchmal greife ich zur Satire oder begegne den Angriffen mit einem Augenzwinkern. Hass mit Höflichkeit zu begegnen hat Charme. Aber heute tobte ich vor Wut. Die Telefonate haben meinen Nachbarn, einen Schichtarbeiter aus dem Tagschlaf gerissen. Sorry nochmals.

Die Verrohung im Netz macht etwas mit uns allen. Stellen Sie das auch fest: Der friedliche, fruchtbare Diskurs geht auch im analogen Leben zunehmend verloren. AggressivitĂ€t und Rechthaberei nehmen zu. Ich merke es an mir selbst, denn als Journalist bin ich den Angriffen intensiver ausgesetzt als ein NormalbĂŒrger, der nur mitliest.

Jeder pumpt sich auf in seiner Blase. Ob Meinungen befundet oder gebildet sind, interessiert nicht. An der Netztastatur fĂŒhlt sich jeder wie ein Chefredakteur. Ob Tatsachenbehauptungen falsch sind, sei’s drum. Die Schwelle zum Strafrecht ist hoch.

"BĂŒrgerblick gefĂ€hrdet EinsatzkrĂ€fte"

bild_klein_20376.jpg
... und die Hubschrauberszene.
Was mich so empört hat? Der stellvertretende ZugfĂŒhrer der Passauer Feuerwehrhauptwache hat auf Facebook verbreitet, BĂŒrgerblick habe mit einem Drohnenflug EinsatzkrĂ€fte gefĂ€hrdet. Er schreibt das einfach so, ohne nachzufragen, nennt es "milde ausgedrĂŒckt", die Aktion "sehr gewagt". Zu einer groß angelegten Vermisstensuche mit Hubschrauber und Booten hatten wir ein Videoclip veröffentlicht, die Öffentlichkeit aufgeklĂ€rt und die Neugierde befriedigt: Ein Bub wurde vermisst, er ist wieder da, alles gut.  

Der anschuldigende Kommentar gibt passionierten Pressepöblern einen Kick. Klar, es verschafft Genugtuung, unliebsamen Medien eins auszuwischen. Michael W. von der Feuerwehr in Sonnen stimmt mit ein. Er fordert Konsequenzen, die Sache mĂŒsse ein „Nachspiel“ haben.

bild_klein_20375.jpg
Das Wohnzimmerfenster...
99,9 Prozent der 13.471 BĂŒrgerblick-AnhĂ€nger verfolgen die VorwĂŒrfe schweigend. Das Verhalten dieser Redaktion sei „rĂŒcksichtslos“, schreibt einer - löscht es wieder.

Die schlichte Wahrheit: Das Video hat Lukas M., einer der ersten BĂŒrgerblick-Grafiker, von seinem Wohnzimmerfenster aus in der Altstadt gedreht; oberes Stockwerk, traumhaftes Panorama zum Fluss. Er war mit dem tief fliegenden Rettungshubschrauber fast auf Augenhöhe.

bild_klein_20374.jpg
... der Ausblick
Wer weltöffentlich Lesbares, in diesem Fall RufschĂ€digendes, verbreitet, sollte sich zuvor erkundigen. Die Sorgfaltspflicht gilt nicht nur fĂŒr Journalistinnen und Journalisten.

Facebook ist eine Gift- und Dreckschleuder, weil bestimmte Mitglieder wie diese Feuerwehrleute und einige wenige andere die Plattform missbrauchen.

Aber woher rĂŒhrt das Problem der Genannten mit der Presse? Mutmaßung, Spurensuche, ein Beispiel: Es gab 2015 Feuerwehrleute, die widerwillig in der FlĂŒchtlingshilfe am Hauptbahnhof dienten, der „Willkommenskultur” nichts abgewinnen konnten. Die Haltung dieses Magazins passte ihnen nicht. Ich habe gehört, wie sie FlĂŒchtlinge verspotteten, aber das nie thematisiert. Kritik an der Feuerwehr ist in Bayern eine TodsĂŒnde.

Hubert Jakob Denk