Sonntag, 22. Mai 2022
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Blick von einer Anhöhe bei Höch über den Inn auf die Alpenkette. (Foto: mediendenk)
Weihnachten im zweiten Seuchenjahr

├ťber allen Gipfeln ist Ruh

Die Welt ist laut geworden.

"Wir brauchen einen zweiten Planeten", verabschiedet sich ein Freund. Er meinte nicht wegen des drohenden Klimakollapses, nein, er m├Âchte von Geimpften und Impfpredigern seine Ruhe haben. Die wiederum w├╝nschten sich, die trotzigen, lauten Corona-Spazierg├Ąnger blieben Zuhause. Er geh├Ârt nicht dazu.

"Weihnachten bitte keine Besuche", ist zum zweiten Mal der Wunsch der ├ältesten in der Familienrunde. Kein gro├čer Weihnachtsbraten, kein geschm├╝ckter Christbaum. Ist das wirklich wichtig? Weniger Tradition ist nachhaltig und klimafreundlich, werden manche sagen. Ich f├╝ge hinzu, diese etwas anderen Weihnachten in der Seuche sind eine Chance: mehr Stille, mehr Zeit f├╝r sich selbst und nachdenken. Worauf kommt es an?

Meine These: Wandel ist der Weg aus der Krise. Der Ampel-Wahlspruch "Mehr Fortschritt wagen" bedeutet letztendlich Traditionen dort zu brechen, wo sie schaden. Spoiler: Weihnachtsdiktatur. Wir k├Ânnen nicht an einem Tag nachholen, was wir ├╝bers Jahr vers├Ąumt haben. "Warum treffen wir uns nicht am 24. Juli in einem Biergarten und beschenken uns dann?", habe ich vorgeschlagen. Und nachgesehen: Perfekt, es ist ein Sonntag. Geschenke kaufen ohne Ged├Âns und Gebimmel von Weihnachtswerbung. "Sich nicht diktieren lassen", das k├Ânnte bestimmten Zeitgenossen gefallen. Aber ich vermute, sie meinen etwas anderes.

Mein Reporterleben ist rastlos wie eh und je. Mit dem Unterschied zu fr├╝her vielleicht, dass ich Worte l├Ąnger auf die Waagschale lege, bevor ich sie schreibe. Das ist nie verkehrt. Zur Ruhe kommen? In der Woche vor Weihnachten war in Deggendorf ein gro├čer Mordprozess angesetzt. "Wie kann die Justiz nur auf diese Idee kommen?", habe ich mich gefragt - und gefreut, dass er ausgefallen ist. Der Angeklagte hat Corona, ein Ausbruch im Gef├Ąngnis. Doch ich freute mich zu fr├╝h, dass Nachrichtenstille einkehrte. Omikron und der Rottaler Impfskandal breiten sich aus. Letzterer beorderte 1.000 Menschen in die Niederbayernhalle zu unfreiwilligen Blutspende. Auf dem Weg dorthin, im Abendrot, habe ich in H├Âch von der Hauptstra├če abbiegen und anhalten m├╝ssen, so fasziniert war ich von dieser Stimmung: ├ťber der nachtgrauen Landschaft spannt sich der blaue Scherenschnitt der Alpenkette, der Watzmann spitzt heraus; dar├╝ber glimmt der Himmel, als w├╝tete hinter dem Horizont eine Feuersbrunst. Ein herrlicher Moment. Die kalte, klare Winterluft sp├╝ren, Stille, der ungetr├╝bte Fernblick. Mehr braucht Weihnachten nicht. Und Zuhause bin ich auf ein passendes Schubertlied gesto├čen, denn alle weihnachtlichen sind mir gerade zu kitschig. 

"├ťber allen Gipfeln ist Ruh" hat Goethe 1780 an die Holzwand einer Jagdh├╝tte bei Ilmenau, Th├╝ringen, geschrieben. Man w├╝nschte es sich auch in den T├Ąlern.

Wandrers Nachtlied

├ťber allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Sp├╝rest du
Kaum einen Hauch;
Die V├Âglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.


Vorsatz f├╝r 2022: Lasst uns aufbrechen zu neuen Gipfeln. Das Wagnis wird anstrengend werden, ohne Zweifel. Aber oben angelangt wird der Blick uns entsch├Ądigen.

Hubert Jakob Denk