Dienstag, 04. Oktober 2022
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Passauer Land >> Sonntag, 21. November 21

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Starker Auftritt, große Stimme: Opernsängerin Eva Bodorová. Das Publikum lag ihr zu Füßen, sie unterdrückte Freudentränen. (Foto: mediendenk)
Nachtkritik aus dem Opernhaus

Im Bann der Königin

Eine Gesellschaft am Abgrund der Pandemie, Gesichter bedeckt vom Mund-Nasenschutz. Auf der BĂŒhne spielt eine Frau, groß und markant, im scharlachroten Kleid eine Königin. Ihre Sopranstimme voll Liebreiz und Schmerz lĂ€sst zweieinhalb Stunden lang vergessen, wie verrĂŒckt die Welt da draußen geworden ist. 

Die EnttĂ€uschung, dass die Philharmonie im Orchestergraben wieder im kleinen Pandemieformat spielt, Klavier, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass, ist vergessen, als der Vorhang sich öffnet. Ein schwarzer BĂŒhnenraum mit unglaublicher Tiefe entfaltet sich, fĂŒllt sich mit zwei Dutzend MĂ€nner und Frauen; schwarze MelonenhĂŒte, schwarze AnzĂŒge, blaue und grĂŒne Glitzerkleider. Es sind die Mitglieder des kraftvollen und schauspielstarken Theaterchors. 

Die Operndiva im Scharlachrot verkörpert die Figur von Königin Elisabeth I. Jenseits ihrer strahlenden Stimme fesselt sie mit treffender Mimik und Körpersprache. Eva BodoverĂĄ, eine preisgekrönte Slowakin, ist ein sensationeller Gewinn fĂŒr das Opernensemble. An diesem Abend sind mit ihr vier vortreffliche Stimmen auf der BĂŒhne vereint: Mezzosopranistin Iryna Zhytynska, gebĂŒrtig in der Ukraine, die als Herzogin von Nottingham auftritt; Hausbariton Kyung Chun Kim, der Ehemann der Herzogin; der spanische Tenor Vicent Romero, der als Titelfigur „Roberto Devereux“ die Liebestragödie ins Rollen bringt. Die Königin ist ihm verfallen, aber er himmelt heimlich die Ehefrau seines besten Freundes an, die Herzogin von Nottingham. 

Die Belcanto-Oper "Roberto Devereux“ schrieb Gaetano Donizetti (1797-1848), der aus einem Ort stammt, der fĂŒr schwarze Tage der Pandemie steht: Bergamo. Die Inzenierung trĂ€gt die Handschrift des Schweizer Regisseurs Urs HĂ€berli, der diesem Opernhaus schon eine Reihe AuffĂŒhrungen, „Carmen“ bis „Amadeus“, beschert hat, die Aufsehen erregten.

Zu Beginn der Premiere tritt Intendant Stefan Tilch mit der Botschaft vor den Vorhang, dass die vierte Welle auch das Theater getroffen habe. Er verweist auf die kleine Kammerorchesterbesetzung.

Das begeisterte Publikum spendet zahlreichen Zwischenapplaus, was sensible Opernfreunde als störend empfinden könnten. â€žBravo!“ schallt es beim Schlussapplaus aus den von weißen und schwarzen Masken gedĂ€mpften MĂŒndern. Und das Kammerorchester, keine Frage, war echt klasse. 

hud