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Rückblick

Früher war alles schlimmer

Liebe Leserinnen und Leser,

in was für einer abscheulichen Zeit bin ich doch aufgewachsen. Chauvinismus am Arbeitsplatz, Tierquälerei im Zirkus. Wie selten wurde das öffentlich diskutiert oder angeprangert. Denn es gab kein Facebook oder Twitter, in dem sich die Opfer sexistischer Angriffe zusammengeschlossen und den gesellschaftlichen Aufschrei erzeugt hätten; keine Tierrechtsfanatiker wie „Peta“ oder „Vier Pfoten“, die im Netz mit öffentlichen Petitionen und mit millionenschweren Gruppen ihr Ziel vorantrieben, Tierdressuren aus der Manege zu verbannen.

Als Kind habe ich den Nervenkitzel genossen, wenn der Löwe durch den brennenden Reifen sprang; wenn Elefanten ihre tonnenschweren Körper auf den Hinterbeinen balancierten, klatschte ich vor Begeisterung. Aus heutiger Sicht ergötzte ich mich an übelster Tierquälerei.

Später als junger Mann, habe ich geschwiegen, als der Chefredakteur vor versammelter Mannschaft eine neue Kollegin schalt, sie solle sich ihr Geld vielleicht besser am Straßenrand verdienen. Die Geschichten, welche sie in der Themenkonferenz angeboten hatte, waren nicht nach seinem Geschmack. Keiner hat sich getraut, diesem Frauenquäler die Meinung zu sagen.

Das Internet hat Transparenz erzeugt und den Pranger des Mittelalters zurückgebracht. Die digitale Welt reinigt die analoge vom Bösen? Könnte man meinen. Denn jede Gedemütigte kann sich Gehör verschaffen, jeder Hilferufende eine Hilfskampagne ins Rollen bringen.

Doch es hat sich gezeigt, der Giftspritzer und Menschenfeinde gibt es viel mehr, als wir in unserer analogen Lebenswirklichkeit erahnen konnten. Sie missbrauchen das Netz als mächtiges Sprachrohr und ziehen die Frustrierten und Wankenden auf ihre Seite.

Früher war alles schlimmer, das stimmt. Aber wir sind auf dem besten Wege, es wieder zu verkehren.

Ihr Hubert Jakob Denk

Erschienen in, Bürgerblick 119/ Oktober 2018