Samstag, 19. September 2020
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Bayern >> Sonntag, 08. MĂ€rz 20

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Polizeieinsatz wegen Corona, aber anders als vermutet: Ruhestörung! 80 Studenten feiern in Ancona zu laut eine "Corona-Party". (Foto: Mayerhofer/ mediendenk)
BB-Reporter Mayerhofer aus Norditalien

Sperrketten, Desinfektionstrupps und Corona-Partys

Passau/ Ancona - Der Passauer BĂŒrgerblick-Reporter und Medienstudent Tobias Mayerhofer ist beim Auslandssemester in Italien von der Corona-Krise ĂŒberrascht worden. Er lebt seit Anfang Februar in der Hafenstadt Ancona in der Provinz Marken, die ans Sperrgebiet grenzt. Die letzten Angaben: 84 Infizierte, 4 Tote. Vermutung: Die italienische Lebensart ist ein guter NĂ€hrboden fĂŒr das Virus.

Ancona hat doppelt so viele Einwohner wie Passau und die Provinz ist mit 1,5 Millionen Einwohnern etwas grĂ¶ĂŸer als Niederbayern. Der Ausnahmezustand im Land hat Ausmaße erreicht, die uns wahrscheinlich noch bevorstehen. In GesprĂ€chen mit Kommilitonen anderer LĂ€nder hat Mayerhofer zudem erfahren, dass selbst LĂ€nder wie Tschechien ihrer Bevölkerung strikte Regeln auferlegen. AuszĂŒge aus seinen Aufzeichungen:

Freitag, 6.MĂ€rz

Allabendlicher Trubel am Hauptplatz
„Das Gesundheitsministerium meines Landes, hat mir eine SMS geschickt, wie ich mich am besten verhalten soll“, erzĂ€hlt mir Lucie, eine 24-jĂ€hrige Tschechin bei einem Cappuccino am Hafen. Sie hatte sich vor ihrem Auslandsaufenthalt in eine SMS-Liste eingetragen, die LandesbĂŒrger im Ausland auf dem Laufenden hĂ€lt. Das Coronavirus war zu der Zeit noch kein Thema, sie wollte einfach informiert sein. Die Nachricht aus der Heimat erreichte sie ĂŒber die Nummer, die sie normalerweise warnt, wenn ihr Datenvolumen ĂŒberschritten ist. Absender „der tschechische Gesundheitsminister“. Wer aus einem Krisengebiet einreise und sich nicht melde, dem drohten Strafen in sechsstelliger Höhe.

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Ancona, Hafenstadt an der OstkĂŒste, angrenzende Provinz an das QuarantĂ€negebiet. (Foto: Mayerhofer/ mediendenk)
WĂ€hrend wir beobachten, wie im Hafen Lastwagen und Autos auf die FĂ€hre rollen, ist der Kellner bereits zum zweiten Mal damit beschĂ€ftigt, den Nachbarstisch mit Desinfektionsspray und PapiertĂŒchern zu reinigen. Ansonsten ist an diesem Tag nichts davon zu spĂŒren, dass Italien das europĂ€ische Land mit der höchsten Infektionsrate ist, zumindest hier in Ancona. Die Supermarktregale sind gut gefĂŒllt, Kneipen und Bars fĂŒllen sich in den NĂ€chten, niemand trĂ€gt Schutzmasken. Einheimische wollen beobachtet haben, dass das Verkehrsaufkommen deutlich gestiegen sei. Sie machen es daran fest, dass viele die öffentlichen Verkehrsmittel meiden. Beim abendlichen VergnĂŒgen scheint diese Angst vor der Infektion verschwunden zu sein. Der lokale Hotspot des Nachtlebens, der Piazza di Papa, ist proppenvoll.

WangenkĂŒsse und Umarmungen
Auf dem Stadtplatz wird viel diskutiert, Sorgen werden ausgetauscht, ĂŒber GrĂŒnde gemutmaßt: Ist es die MentalitĂ€t der Italiener, die dazu fĂŒhrte, dass der Virus sich hier besonders schnell verbreiten konnte? Das laute und schnelle Reden, das Anfassen? Sind es lasche Kontrollen und die GleichgĂŒltigkeit, mit der viele Einheimische auf die aufkeimende Epidemie reagiert haben? Ist das Gesundheitssystem darauf vorbereitet, diese Epidemie zu verkraften? Die Suche nach ErklĂ€rungen und Antworten beschĂ€ftigt jeden. Man spricht ĂŒber schĂŒtzende Maßnahmen, aber die BegrĂŒĂŸung mit WangenkĂŒssen und Umarmungen bleiben Standard.

Per E-Mail hat die UniversitĂ€t die Eingeschriebenen informiert, dass sie bis 15. MĂ€rz geschlossen bleibt. Doch bei dieser Frist wird es wohl nicht bleiben. Die Zahl der Infizierten in der Region Marken ist weiter rasant angestiegen; landesweit von 3.800 auf 4.600 innerhalb von 24 Stunden. Lehrveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht werden wahrscheinlich keine mehr stattfinden, Vorlesungen vielleicht via Video – falls die UniversitĂ€t das bewerkstelligen kann.  


Samstag, 7. MĂ€rz.

Ticketverkauf mit Gummihandschuhen
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Sperrkette im Stadtbus - damit der Fahrer vor Ansteckung geschĂŒtzt ist. (Foto: Mayerhofer/ mediendenk)
Von einheimischen Studenten bin ich mit den Auslandsstudenten zu einem Ausflug in die Berge eingeladen worden. Mit Bus und Bahn. Was mir sofort auffĂ€llt: Im Bus ist der Zugang zum Fahrer mit einer rot-weißen Kette versperrt, der Einstieg ist nur hinten möglich. Ein Aushang klĂ€rt auf, dass es sich um eine Schutzmaßnahme fĂŒr den Fahrer wegen des Coronavirus handelt. Ein junger Mann auf den hinteren Sitzen zieht sich sein Halstuch ĂŒber Mund und Nase; wahrscheinlich hofft er, das könne vor Ansteckung schĂŒtzen. Am Bahnhof angekommen, empfĂ€ngt der TicketverkĂ€ufer die FahrgĂ€ste mit blauen Gummihandschuhen. Nach dem Ticketkauf werden wir von zwei Polizeibeamten kontrolliert. Den Grund erfahren wir nicht. Zum ersten Mal fĂŒhlen wir uns wie in einem Krisengebiet. Als wir den Zug besteigen, begegnet uns eine Frau in gelber Warnweste und Mundschutz, die durch die GĂ€nge lĂ€uft, Sitze und Armlehnen desinfiziert. Die Gefahren des Coronavirus zu verdrĂ€ngen, ist fast unmöglich geworden.

 Jugend feiert Corona-Partys
„Coronavirus does not scare us and we want to have fun anyway. We invite you all to our house this Saturday, to have a little party“, lautet die Einladung in der WhatsApp-Gruppe der Austauschstudenten. Von Corona nicht einschĂŒchtern lassen, Spaß haben, Party – das zieht. Wir beschließen hinzugehen, obwohl uns hinterher klar ist, dass solche AktivitĂ€ten nicht zur EindĂ€mmung beitragen. „Wahrscheinlich sind wir bereits infiziert“ sagt Roxanna, eine Austauschstudentin im Zug. Das Immunsystem junger Menschen komme mit dem Virus, so haben wir in vielen Berichten gelesen, gut klar. Es seien die Ă€lteren Menschen, die gesundheitlich SchwĂ€cheren, beruhigen wir uns. Moralisch eine durchaus fragwĂŒrdige Einstellung. Aber wie den korrekten Umgang ĂŒben?

In der RĂŒckschau war es wohl der 4. MĂ€rz, an dem sich die Sichtweise auf die Dinge bei vielen von uns hier verĂ€ndert hat. An diesem Tag ließ der Staat die offizielle Nachricht verlautbaren, dass Museen, Kinos, Theater geschlossen bleiben; dass öffentliche Veranstaltungen abgesagt sind, sollten die Verantwortlichen keinen Sicherheitsabstand von einem Meter zwischen Besuchern garantieren können. Der „Keine Panik, alles wird gut“-Glauben ist dem Bewusstsein gewichen, dass die Lage ernst ist. Die Menschen in meinem Umfeld sprechen seitdem viel mehr ĂŒber den Virus, kaufen Desinfektionssprays und waschen sich sehr oft die HĂ€nde.

Nachtrag, Sonntag, 8. MĂ€rz

Norditalien mit 16 Millionen Einwohner ist unter QuarantĂ€ne gestellt worden. Die „Tagesschau“ meldet, dass die Zahl der Toten in Italien innerhalb eines Tages um 133 gestiegen sei; Vertreter der Tourismusbranche klagen ĂŒber Einbußen von 80 Prozent. Das öffentliche Leben erlahmt. Denn je enger und zahlreicher die Menschen zusammenkommen, desto rasanter steigt die Verbreitung. 

Fortsetzung folgt.




 

 
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