Samstag, 30. Mai 2020
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Bayern >> Dienstag, 17. Dezember 19

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Die alten Linden an der Wörthstraße kennen die Geschichte vom Haus Nummer 7 und erleben dessen vorzeitiges Ende. (Foto: mediendenk)
Nachruf f√ľr W√∂rthstra√üe 7

Diese Barbaren!

Das Haus, das ich als Mieter mit einer Wohngemeinschaft seit mehr als zwei Jahrzehnten bewohne ist fast 150 Jahre alt. Jeder, der es betritt, ist angetan vom ungew√∂hnlichen Flair, der Mischung aus Alt und Neu. Warum ich davon erz√§hle? Weil in meiner Heimatstadt der w√ľrdelose Umgang mit wertvoller, alter Bausubstanz einen neuen H√∂hepunkt erreicht hat.

Die Stadt schafft just Tatsachen im Klinikviertel und hat mit der Zerst√∂rung des Wohnhauses W√∂rthstra√üe 7, einer 100 Jahre alten anspruchsvollen Architektur begonnen. Das Geb√§ude steht im Besitz einer Stadttochter, des Klinikumbetriebs. Klinikleiter Stefan Nowak hat wohl angewiesen, dass der Abbruch sofort zu beginnen hat. Man bef√ľrchtet weitere Widerst√§nde, die Vorweihnachtszeit wird als geeignet angesehen, diesen zuvorzukommen. Am Montag sind die ersten Doppelfenster und Fensterl√§den bereits herausgerissen worden. 

Damit Sie verstehen, warum mich das erz√ľrnt, muss ich Ihnen von "meinem" Haus erz√§hlen. Ich habe es 1998 mit zwei Freunden gemietet. Die Handwerker waren gerade dabei, das nach dem Tod der Eigent√ľmerin leerstehende Geb√§ude im Auftrag der Erben von √Ėl- auf Gasheizung umzur√ľsten. Es hat uns fasziniert, dass ansonsten beim Innenleben die Zeit stillgestanden ist. Im Original sind aus der nicht genau datierbaren Bauzeit zwischen 1870 und 1890 vorhanden: die massiven Kassettenholzt√ľren, deren Riegelschl√∂sser klemmen und klacken; die hohe, schwere Haust√ľre, deren Angeln m√ľde geworden sind, aber durch deren vergitterte Oberlichte man die Veste Oberhaus wie in einem gerahmten Gem√§lde erblicken kann; die kunstvoll bemalten Decken im Obergeschoss, deren √Ėlfarben bis heute nicht bl√§ttern, die B√∂den aus m√§chtigen Eichenholzdielen, die von alten Lacken befreit Behaglichkeit verbreiten; die fast 2,70 Meter hohen R√§ume, die hochgewachsene Menschen sich heute in Neubauwohnungen w√ľnschen w√ľrden. Auch das sei erw√§hnt: Ausgebaut worden sind leider die Originale der h√∂lzernen Doppelfenster, die wie die St√ľrze im Rundbogen geformt waren, es w√§ren heute unbezahlbare Einzelanfertigungen.

Der Architekt des 19. Jahrhunderts durfte wohl ohne √∂konomische Fesseln gestalten. Er hat ein Geb√§ude geschaffen, das der heutige Betrachter als ‚Äěitalienische Villa‚Äú bezeichnet. Hohe R√§ume, von Handwerkern Ma√ügefertigtes statt genormte Industrieware, eine lebendige Fassade mit hervorspringenden Bauteilen und Fensterverzierungen, die sich in keinem Stockwerk gleichen. Wundersch√∂n, wertvoll, erhaltenswert.

Im Sommer habe ich mir im Klinikviertel erstmals das Geb√§ude W√∂rthstra√üe 7 genauer angesehen, dessen Abriss zur Debatte stand. Als Mieter eines historischen Hauses zog ich den Vergleich: Was f√ľr ein herrliches Wohnschloss! Neidisch blickte ich auf die Originale der Doppelfenster, aufw√§ndiger gebaut als unsere verlorenen; geschnitzte Fensterl√§den, Risalite und Fassadenschmuck pr√§chtiger als die erhaltenen Strukturen unserer Gr√ľnderzeitvilla ‚Äď verschwenderisch gestaltet in allen Himmelsrichtungen. Unser Architekt hat sich zumindest auf der von der Stra√üe nicht einsehbaren Nordseite den Fassadenschmuck erspart. Die tannengr√ľn lackierten Haust√ľren sind h√ľbscher gestaltet wie unsere wuchtige, mit einer gemauerten, fein gegliederten √úberdachung. Meine laienhafte Bewertung kann damals nicht falsch gewesen sein, denn bald sollten sich ein starker Verein, Historiker und Bauexperten vehement f√ľr dieses steinerne Erbe einsetzen. 

Wie wir seit Montag erfahren m√ľssen, waren alle Anstrengungen, die W√∂rthstra√üe 7 zu retten, vergeblich. Sie haben begonnen die Fenster herauszurei√üen, vollendete Tatsachen zu schaffen. Die Besonderheit dieses Geb√§udes besteht in seiner vollst√§ndigen bauzeitlichen √úberlieferung: Vom T√ľrgriff bis zu den Fensterl√§den sind alle Details im Original aus den Goldenen Zwanziger Jahren erhalten. Was f√ľr eine Fundgrube f√ľr historische Baustoffh√§ndler! Was macht Klinikleiter Nowak? Er l√§sst die 100 Jahre alten bestens erhaltenen Fenster ‚Äěentsorgen‚Äú wie Sperrm√ľll. Nachtrag: insgesamt 69 Fenster z√§hlt der von G√§rtchen umgebene Bau, je 28 gen Norden und S√ľden, weitere 9 auf der Ost- und 4 auf der Westseite; es gibt sechs Hauseing√§nge, nummiert mit Emailleschildchen.

Die Stimmen von acht Stadtr√§ten (drei CSUler, drei SPDler, ein Freier W√§hler und ein FDPler) hatten ausgereicht, im Klinikumsausschuss den Mehrheitsbeschluss f√ľr den Abriss zu fassen. Sie waren dem Vorschlag des Oberb√ľrgermeisters und des Klinikleiters gefolgt. Ein B√ľrgerantrag, knapp 600 Unterschriften, Lichterketten ‚Äď nichts hatte die Abrissbef√ľrworter umstimmen k√∂nnen. W√§hrend die Besch√ľtzer des historischen Erbes, an der politischen Spitze Vizeb√ľrgermeister Urban Mangold und Historiker Matthias Koopmann, tags darauf berieten, wie der Beschluss m√∂glicherweise rechtlich noch angefochten werden k√∂nnte, ordnete Nowak bereits die rasche Zerst√∂rung an. 

Diese Barbaren! 

Wie leicht k√∂nnte man diesen steinernen Schatz den Nachfahren erhalten, ihn wie unsere kleine Gr√ľnderzeitvilla behutsam modernisieren und wieder seinem Zweck zuf√ľhren: behagliches Wohnen. Meinetwegen exklusiv f√ľr das k√ľnftige Personal des wachsenden Klinikums. ‚ÄěGraue Energie‚Äú von solcher Anmut zu zertr√ľmmern nenne ich eine gro√üe Dummheit. Einen Oberb√ľrgermeister, der sich als Klimasch√ľtzer gibt mit einem hauseigenen Konzept, aber ‚Äěgraue Energie‚Äú in diesem Ausma√ü vernichtet, kann ich nicht ernst nehmen. Es ist die ‚ÄěArroganz der Macht‚Äú, die jetzt die Tatsachen schafft, emp√∂rt sich Forumsvorsitzender Friedrich Brunner heute im Telefonat. Ich kann ihm nur recht geben. 

Wie Altes mit Neuem verbunden werden kann, wie Ehrw√ľrdiges erhalten werden kann, daf√ľr hat mir Historiker Koopmann ein wunderbares Beispiel geliefert. Die Erbauer des Barockdomes nach dem Stadtbrand 1662 f√ľhrten es vorbildlich vor. Sie intergrierten den Teil der Kathedrale, der nicht eingest√ľrzt war, in das neue Bauwerk. H√§tten Dupper oder Klinikleiter Nowak damals Regie gef√ľhrt, der gotische Chor, das alte Gesicht der Kathedrale gen Osten, w√§re Geschichte. 

Mich begeistern alte Kunst und neue Technik. Als die Entscheidung anstand, die verzogene, zugige Haust√ľr gegen eine neue zu tauschen, √ľberredete ich die Eigent√ľmerin einen Restaurator ranzulassen. Mit installierten Windstoppern und digitalem Zahlenschloss bewegt sich die betagte T√ľr jetzt ins zweite Jahrhundert. Bewegungsmelder dosieren in Treppenhaus und Gemeinschaftsr√§umen stromsparend warmes LED-Licht; √ľber das digitale Netzwerk gesteuerte Heizk√∂rperthermostate drosseln den Energieverbrauch. Dass die Heizungsrohrverleger Ende der 1990er bei der Umr√ľstung von √Ėl auf Gas r√ľcksichtslos ein Dutzend der sechseckigen Originalfliesen im Flur zerst√∂rt haben, ist unverzeihlich. Meine Suche im Netz nach Ersatz war bislang erfolglos. Ja, Sie sehen, ich habe dieses geschichtstr√§chtige Haus liebgewonnen als w√§re es mein eigenes. Deshalb geht mir der Verlust von H√§usern wie der W√∂rthstra√üe 7 nahe. Wer solchen H√§usern Wertsch√§tzung entgegenbringt wie ein Oldtimerfan seinem besten St√ľck in der Garage, wer sie mit moderner Technik und alter Handwerkskunst verw√∂hnt, den belohnen sie mit einem unvergleichlichen Charme. Das wei√ü ich eben aus eigener Erfahrung. Ob zeitgen√∂ssische Bauten in 100 oder 150 Jahren in selbiger W√ľrde altern, bezweifle ich. Umso gr√∂√üer ist der Frevel, der gerade geschieht.

Die Eigent√ľmerin unserer Gr√ľnderzeitvilla war zun√§chst ver√§rgert dar√ľber, dass ich das Haus hinter ihrem R√ľcken vor zehn Jahren als Einzeldenkmal unter Schutz stellen lie√ü. Es gab einen triftigen Grund, der mich zu diesem Schritt motivierte: 2006 hatte ich erfahren, dass die Stadt unser damals gut 100 Jahre altes Geb√§ude in den 1970er Jahren abrei√üen lassen wollte. In der Innstadt war eine vierspurige Autopiste √§hnlich der am Anger geplant. ‚ÄěDanke, Forum Passau!‚Äú, muss ich heute sagen. Die vom Stadtrat geplante Abrisswelle war die Geburtsstunde dieses Vereins gewesen. Dessen junge Mitglieder stemmten sich gegen die Zerst√∂rung des kulturellen Erbes mit derselben Vehemenz wie heute junge Klimasch√ľtzer gegen die Rodung eines Bannwaldes. Das hat unsere Gr√ľnderzeitvilla vorm Abriss bewahrt. Meine Hausbesitzerin hat mir meinen Alleingang mit dem Denkmalschutz sp√§testens nach der Jahrhundertflut 2013 verziehen: Einzeldenkm√§ler sind bei der staatlichen Flutsanierungsbeihilfe mit einer h√∂heren Zuwendung bedacht worden.

Die Villen an der Kapuzinerstra√üe, so zeigen alte Bilder, hatten fr√ľher noch einen ‚ÄěWohnzimmerteppich‚Äú vor den Haust√ľren, Pflaster statt Asphalt. Das Auto und seine Anspr√ľche verwandelten unsere Stra√üe vielerorts zum H√§sslicheren. Architekten der Neuzeit zeigen dem Verkehr die kalte Schulter: fensterloser, nackter Beton anstelle √ľppig gestalteter Fassaden. 

‚ÄěWir erleben einen R√ľckfall in die 1970er Jahre‚Äú, sagt Koopmann und zitiert aus einem aktuellen Positionspapier des Deutschen St√§dtetages, das die Passauer Gesandten ihren Kolleginnen und Kollegen offenkundig nie zu Geh√∂r gebracht haben: Demnach sollen St√§dte nachhaltig im Sinne eines ‚ÄěBauens im Bestand‚Äú unter Wahrung des kulturellen Erbes ganzheitlich und behutsam gestaltet werden. ‚ÄúSo k√∂nne das bauliche kulturelle Erbe im Rahmen einer ganzheitlichen Baukultur seine positive Wirkung entfalten und durch die Pr√§gung des baulichen Umfelds R√§ume, Lebens- und Begegnungsorte und Bezugspunkte f√ľr Mensch und Gesellschaft er√∂ffnen und der durchgehenden √Ėkonomisierung vielerlei Lebensbereiche Grenzen setzen", hei√üt es in der gespreizten B√ľrokratensprache.

"Ein schwarzer Tag f√ľr unser Stadtbild! Die Entscheidung war absehbar. Kultur und √Ąsthetik haben leider keinen Stellenwert mehr", hat Di√∂zesanbaumeister Jochen Jarzombek zur W√∂rthstra√üe 7 geschrieben.

Gasthaus Apfelkoch, Holzhaus am Linzer Tor, Peschl-Areal ‚Äď ‚ÄěBauen im Bestand unter Wahrung des kulturellen Erbes‚Äú ist zuletzt in Passau nirgendwo mehr erf√ľllt worden. Im Gegenteil: Die Zerst√∂rung der W√∂rthstra√üe 7 kennzeichnet einen neuen H√∂hepunkt im w√ľrdelosen Umgang mit der Baukunst unserer Vorfahren.

Schade, dass wir 1998 keine Wohnung in der W√∂rthstra√üe 7 bezogen haben. Dann h√§tte jemand den Vertretern der Denkmalpflege T√ľr und Augen ge√∂ffnet. An einem intakten Einzeldenkmal bei√üen sich, zumindest bis jetzt, Abrissbagger die Z√§hne aus.

Hubert Jakob Denk  

 
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