Samstag, 30. Mai 2020
·
·

Lokalnachrichten >> Montag, 09. Dezember 19

bild_klein_0000016299.jpg
Wörthstraße 7: Detailaufnahme, Fensterläden mit Schnitzereien. (Foto: mediendenk)
Passauer Klinikviertel

Wörthstraße 7: OB-Anhänger stimmen für Abriss

Die Debatte “Rettung der Wörthstraße 7/ Bürgerantrag” dauert bis zur Entscheidung nur zehn Minuten. Das Live-Video.

Der Bürgerantrag, herausragende Architektur im Klinikviertel zu erhalten, Sanierung und Umbau vor Abriss zu stellen, ist gegen die Stimmen von ÖDP, Grüne und Passauer Liste abgelehnt worden.
Vizebürgermeister Mangold zitierte den Klinikchef, der einst selbst den Erhalt des Gebäudes laut einem PNP-Bericht in Betracht gezogen hatte.

bild_klein_0000016301.jpg
Vor der Abstimmung: OB Dupper, rechte Hand in der Hosentasche, im Gespräch mit Klinikleiter Nowack, verschränkte Arme, und CSU-Seniorstadtrat Ortner. (Foto: mediendenk)
Oberbürgermeister Jürgen Dupper zitierte Passauer Touristen aus der Vergangenheit, die sich im 18. Jahrhundert über den "schlechten Bauzustand" der Stadt ausließen. Es war ein Vergleich „Äpfel mit Birnen“, da das diskutierte Gebäude aus den 1920er Jahren stammt und eher den Zustand der aktuellen Baukultur infrage stellt. Das Haus ist ein Zeitzeuge für großzügige, prächtige hohe Wohnräume in einer angedachten Gartenstadt; eine Zeit, da nicht für Rendite, sondern für Lebensqualität und Schönheit gebaut worden ist.

Stadtrat und Historiker Matthias Koopmann monierte, dass es zu kurz gedacht sei, sich auf dieses Grundstück zu fixieren, denn ein Klinikum der Zukunft mit Vision einer angeschlossenen Medizinfakultät bräuchte ganz andere Räume und wohl eine bessere Verkehrsanbindung.

Da ist etwas Wahres dran: In Passau hat sich oft gezeigt, dass Abriss und Zerstörung wertvoller Architektur sich nach wenigen Jahrzehnten als absurd herausstellten:

  • die Votivkirche gekappt, um dem Verkehr zu dienen, obwohl die Verkehrsstraße später zur Fußgängerzone wurde;
     
  • die Häuser am Anger abgerissen, um eine breite Piste für den Durchgangsverkehr zu schaffen, den man heute besser wieder auslagern möchte;
     
  • das Kapuzinertor abgetragen, das heute wie der Paulusbogen die historische Innstadt von Schwerlastverkehr und zu großen Reisebussen schützen würde, Kontrollen und Beschilderungen sich erübrigten.
     
  • mutmaßlicher Nachtrag in Jahrzehnten: Die Wörthstraße 7 ist als letzter Zeitzeuge der Gartenstadt im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts verschwunden, obwohl sich ab 2040 ein neues Klinikumsviertel mit medizinischer Universität im Passau-Kohlbruck angesiedelt hat; auf den Arealen der Ruinen ehemaliger Autohäuser nördlich und südlich der Neuburger Straße;

Nach dem Verlust des Holzhauses am Linzer Tor dürfte der drohende Verlust der Wörthstraße 7 die Gemüter weiter erhitzen, ja erzürnen. Die Vertreter des Bürgerantrags und vom Forum Passau waren zur Sitzung in großer Zahl erschienen; für rund 30 Zuhörer sind Stühle aufgestellt worden.

Die Stimmung im Hörsaal war angespannt. Der filmende Reporter ist vom OB ermahnt worden, nicht seinen „Presseplatz“ zu verlassen, da er "geheime Unterlagen" auf den Tischen der Stadträte abfilmen könnte. Bei der anschließenden nicht-öffentlichen Sitzung sind vom OB zwei Personalvertreter vom Klinikum des Raumes verwiesen worden. Das werde man sich nicht gefallen lassen und dagegen vorgehen, sagte einer der Ausgewiesenen empört auf dem Weg ins Treppenhaus.
 

Vorbericht, 9. Dezember, 15 Uhr:

Das Passauer Rathaus hat sich zwar geweigert, den Klimanotstand auszurufen, denn man will mit einem eigenen Klimakonzept vorbildlich in die Zukunft gehen. Heute um 17 Uhr wird sich im Hörsaal des Klinikums beweisen, wie ernst es der Stadtregierung ist. Es geht nicht um Verkehr, es geht nicht um den Stromeinkauf der Stadtwerke, es geht um die sogenannte graue Energie: Abriss und Neubau kosten nicht nur mehr Geld als Sanierung, sie haben die schlechtere C02-Bilanz.

bild_klein_0000016298.jpg
Wörthstraße 7: Anmutige Architektur der Goldenen Zwanziger. (Foto: mediendenk)
Dieser Aspekt ist bei dem Wohnhaus Wörthstraße 7 im Klinikviertel bis dato wenig beleuchtet worden. Das Gebäude aus den Goldenen Zwanziger Jahren ist von ausnehmend schöner Architektur, sodass Denkmalschützer, Stadtbildbewahrer und Vertreter eines Bürgerantrags bislang allein mit Verweis auf den historischen Wert dieses Erbes um den Erhalt kämpfen.

Politik und Gesellschaft beschäftigen sich in unserer Region bislang wenig mit der Ökobilanz von Sanierung oder Abriss. Bei der grauen Energie fällt in die Waagschale, dass die neuen Baustoffe erst hergestellt werden müssen, deren CO2-Bedarf also schwer ins Gewicht fällt, während umgekehrt die bestehende Bausubstanz, ein großer C02-Speicher, verloren geht. Dass selbst Recycling nicht die optimale Lösung ist und zu neuen Umweltproblemen führt, haben die Menschen dieser Region mittlerweile anhand von Skandalen mannigfach gelernt. Erinnert sei an das PET-Flaschen-Recycling in Aicha vorm Wald, dass das Flüsschen Gaißa und die Kläranlage belasteten oder der Teerskandal von Hutthurm, recycelte pechhaltige Fahrbahndecken werden zur Gefahr fürs Grundwasser.

Dutzende Bürger bei Lichterdemo

bild_klein_0000016300.jpg
Wörthstraße 7: Detailaufnahme Haustüre, mit Ziergitter und Überbau. (Foto: mediendenk)
Es dürfte in der Passauer Geschichte einmalig sein, dass sich Bürger zu einer Lichterdemo vor einem vom Abriss bedrohten Haus versammeln. Nach dem Verlust einer Postkartenidylle am Linzer Tor, eines einst denkmalgeschützten Holzhauses, sind die geschichtsbewussten Gemüter sensibilisiert. Das Schauspiel mit ein paar Dutzend Teilnehmern hat stattgefunden vor der Wörthstraße 7 Ende letzter Woche. Unter den Teilnehmern der Vorsitzende vom „Forum Passau“ und der Diözesanbaumeister.

Wer Zeuge sein will, wie Stadträte heute im Klinikumsausschuss mit dem erfolgreichen Bürgerantrag zur Rettung der beschaulichen Architektur umgehen, der sollte um 17 Uhr in den Hörsaal des Klinikums kommen. Die Sitzung ist öffentlich.

Der Bürgerantrag zur Rettung des Hauses war mit mehr als 558 Unterschriften, gesammelt in einem knappen Monat, erfolgreich.

Der Antrag von Vizebürgermeister Urban Mangold zur Geschäftsordnung, den Bürgerantrag nicht – wie vom OB gehandhabt - in den Klinikumsausschuss abzuschieben, sondern im Plenum zu behandeln, ist gescheitert. Mit 29 gegen 8 Stimmen.

Klinikumsleiter Stefan Nowack, der den Abriß für die Erweiterung der Klinikum befürwortet, sieht die Angriffe entspannt. "Ich habe schon schlimmere Sachen durchgestanden", sagt er am Rande einer Sitzung.

Warum das stattliche Haus nicht in das neue Klinikviertel integriert werden könnte, ist für die Gegner des Abrisses nicht einsehbar.

hud

 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

Hier Ihre Anzeige?
Kontaktieren Sie uns!

 

Unsere News und Bilder
finden Sie wieder:
 
Tageszeitung

 

Wochenzeitung

 

Illustrierte

 

TV & Radio
ARD
ZDF
Bayerisches Fernsehen
 
Agenturen

 

Ausland

 

Internet
Google
Yahoo
Passau Bilder