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Der Favorit für die neue Altstadt-Donaubrücke, die auch wieder schwere Fahrzeuge wie Gelenkbusse tragen können soll. (Grafikvorlage: sbp/ mediendenk/ AI-Elemente)
Ende der Prinzregent-Luitpoldbrücke entschieden

Ein Beschluss, der den Blick auf Passau verändert

Passau – Fast vier Stunden dauerte diese Stadtratssitzung. Zweieinhalb Stunden davon ging es um ein Bauwerk, dessen Verlust Passau verändern wird: die Luitpoldbrücke.

Wie einst die Nibelungenhalle soll sie verschwinden und durch etwas Neues ersetzt werden. Diesmal aber geht es auch um einen der schönsten Blicke auf die Dreiflüssestadt. Wer auf einem Rundfahrtschiff unterhalb der Ortsspitze wendet oder auf dem östlichen Weg zur Veste Oberhaus hinaufsteigt, kennt diesen Moment: Die Altstadt liegt vor einem, Dom und Kirchtürme bestimmen die Silhouette. Ein 30 Meter hoher Pylon mit fächerförmig gespannten Seilen könnte sich künftig in diesen Blick schieben. Welche Variante die Stadt bauen wird und wie stark sie das Stadtbild verändert, steht allerdings noch nicht fest.

Doch dass hier nicht nur eine Verkehrsverbindung ersetzt wird, sondern sich ein Stadtbild verändert, verlieh diesem Abend ein bedrückendes Gewicht. Der Stadtrat gab gegen die sechs Stimmen von Linken und FDP die Richtung vor: Ersatzneubau statt Sanierung. Im Publikum saßen rund drei Dutzend Menschen, darunter Vertreter des Forums Passau. Manchen war das Entsetzen anzusehen. Es wirkte, als müssten sie erst begreifen, was dieser Beschluss für die Stadt bedeuten kann.

Die Logik der Wirtschaftlichkeit

An fachlicher Autorität mangelte es der Vorlage nicht. Die Untersuchung stammt vom renommierten Stuttgarter Ingenieurbüro „Schlaich, Bergermann und Partner“. Dessen Gründer planten das Tragwerk des Münchner Olympiadachs maßgeblich mit. Später plante das Büro auch die gläserne Schutzkonstruktion am Eiffelturm. Es kennt sich also mit anspruchsvollen Tragwerken ebenso aus wie mit Eingriffen an weltbekannten Wahrzeichen. Ein unbestechliches Urteil habe dieses Büro abgegeben, sagte der Baureferent sinngemäß.

Und wie man die Argumente auch drehte und wendete: Der Oberbürgermeister und die Befürworter des Neubaus kamen immer wieder auf dieselbe Rechnung zurück. Die alte Brücke abzutragen und eine zeitgemäße zu errichten, sei die wirtschaftlichste und vernünftigste Lösung, auch mit Blick auf kommende Generationen. Würde man all das „rostige Erbe“ wie die Passauer Hängebrücke einfach beiseiteschieben, gäbe es für nachfolgende Generationen keine Wahrzeichen wie die Fördertürme der Zeche in Essen oder den Gasometer in Oberhausen, hielt Stadtrat Holm Putzke dagegen.

Dazu kamen die möglichen Zuschüsse. Für einen Neubau nannte Oberbürgermeister Andreas Rother mindestens 50, im günstigsten Fall sogar 90 Prozent. Eine Sanierung, so argumentierte er, könne finanziell damit nicht mithalten, auch dann nicht, wenn die Brücke als Einzeldenkmal anerkannt würde. Wer auf den Haushalt schaut, kann dieser Rechnung folgen. Aber sie beantwortet noch nicht die Frage, welchen Wert eine Stadt ihrem gewachsenen Erscheinungsbild beimisst.

Ein kurzer Moment des Widerspruchs

Ins Stocken geriet diese Fortschrittserzählung, als Stadtrat und Architekt Fritz Gerstl sinngemäß erklärte, die damaligen Ingenieure hätten noch nicht über das heutige Wissen verfügt. Das mag technisch in vieler Hinsicht zutreffen. Als Argument gegen die alte Brücke greift es dennoch zu kurz. Denn ausgerechnet der Vergleich mit der Franz-Josef-Strauß-Brücke gibt zu denken: Ein Bauwerk der moderneren Ingenieurkunst musste bereits nach 35 Jahren aufwendig saniert werden. Die auf das Jahr 1910 zurückgehende Luitpoldbrücke hat dagegen mehr als ein Jahrhundert überdauert. Auch an Brücken in England, allen voran der Tower Bridge in London, findet sich die Bauweise mit vernieteten Stahl- und Eisenteilen wieder.

Für den Neubau führten dessen Befürworter auch an, dass dort wieder große Gelenkbusse fahren könnten. Markus Sturm verwies zusätzlich auf die schwereren Elektrobusse. Die Botschaft an die ökologisch orientierten Fraktionen war deutlich: Auch die Verkehrswende brauche eine entsprechend belastbare Brücke.

Sebastian Frankenberger hielt eine andere Vorstellung von Stadt dagegen. Er verwies auf Salzburg und fragte, ob solche Verbindungen künftig nicht vor allem Fußgängern und Radfahrern dienen könnten. Für einen kurzen Moment ging es damit nicht nur darum, wie viel Verkehr eine neue Brücke tragen soll, sondern welchen Verkehr Passau an dieser Stelle überhaupt noch haben will. Kurz schien auf, wie eine andere Verkehrswende aussehen könnte.

Zwei Fragen blieben offen

Sebastian Frankenberger (FDP) wollte die Entscheidung deshalb noch nicht an diesem Abend treffen. Er beantragte, das Thema bis zu einer Sondersitzung zurück in die Fraktionen zu geben, damit diese noch einmal darüber beraten könnten. Das FDP-Trio, die drei Mitglieder der Linken, die beiden anwesenden AfD-Stadträte, Matthias Weigl (Grüne) und Urban Mangold (ÖDP) unterstützten den Antrag. Für eine Mehrheit reichte das nicht.

Dabei blieben an diesem Abend zwei wesentliche Fragen offen. Zum einen hat die Landesdenkmalpflege noch nicht abschließend Stellung genommen. Das räumten der Oberbürgermeister und die Verwaltung ein. Der Baureferent hielt dem entgegen, dass auch eine Sanierung das Bauwerk tiefgreifend verändern würde: Man müsse die Brücke dafür in ihre Einzelteile zerlegen und diese ausschwimmen. Ob sie danach überhaupt noch als Denkmal gelten könnte, stellte er infrage.

Zum anderen bleibt die Durchfahrtshöhe offen. Die Luitpoldbrücke ist für die Schifffahrt auf der Donau bereits heute ein Engpass. Ob und unter welchen Voraussetzungen eine vollständig neue Brücke die bisherige Durchfahrtshöhe beibehalten darf, konnte die Verwaltung nicht abschließend beantworten.

Ein anderer Blick auf die Stadt

Mit der vorgestellten Pylonkonstruktion wollen die Ingenieure auch Risiken vermeiden. Die Seile sollen nicht wieder auf der Seite des Georgsbergs verankert werden. Dort könne eindringendes Hangwasser erneut Korrosion begünstigen. Der tragende Pylon soll deshalb auf der Seite des Römerplatzes stehen. Einzeln geführte, frei zugängliche Seile sollen sich leichter überprüfen lassen. Was aus Sicht der Ingenieure sinnvoll erscheint, hat jedoch eine andere Seite: Bei dieser Variante würden sich die Seile wie ein aufgefächerter Schirm vor Teile der Altstadt legen.

Schon vor Sitzungsbeginn hatte sich gezeigt, wie aufgeladen dieser Abend war. Vor dem Eingang zum Großen Rathaussaal standen zwei Polizeibeamte. Draußen demonstrierten rund drei Dutzend Menschen gegen Einsparungen beim öffentlichen Nahverkehr. Ein Kollege des Bayerischen Rundfunks sammelte Stimmen, darunter die des Oberbürgermeisters und Holm Putzkes. Letzterer sagte, wenn er höre, etwas sei „alternativlos“ – in diesem Fall der Abriss der Hängebrücke –, beginne er nachzudenken. Denn selten sei etwas „alternativlos“. Die Mehrheit der Stadträtinnen und Stadträte sah keinen Grund, die Entscheidung über Abriss und Neubau noch einmal aufzuschieben.

Allerdings war das Gremium nicht vollständig besetzt. Bei den Grünen fehlten Diana Niebrügge und Achim Spechter, bei der FWG Stefanie Auer; auch Armin Dickl (CSU) und ein AfD-Mitglied waren nicht anwesend.

Zwei Bauwerke, dieselbe Zahl

Zum Vergleich eingangs mit der Nibelungenhalle: Eine Merkwürdigkeit verbindet die Luitpoldbrücke mit der Nibelungenhalle: Die Halle war mit 126 Metern genau so lang wie die Stützweite der Brücke. Was sich dort bis 2004 als gewaltige Halle auf dem Kleinen Exerzierplatz erstreckte, überspannt hier die Donau zwischen zwei Auflagern. Ein Zufall, der den Vergleich zwischen dem bereits verschwundenen und dem nun zum Abriss bestimmten Bauwerk besonders anschaulich macht.

Natürlich begründet diese Übereinstimmung keine historische Verwandtschaft. Die 1910 errichtete Brücke sollte den Fluss ohne störende Pfeiler im Wasser überwinden; nach den Kriegszerstörungen von 1945 wurde sie wieder aufgebaut. Die 1935 eröffnete Nibelungenhalle sollte Raum für Massenveranstaltungen der Nationalsozialisten schaffen. Doch für Passau bekommt die gemeinsame Zahl nun einen bitteren Beiklang: 126 Meter, an denen sich zweimal die Frage stellt, was eine Stadt bewahrt, was sie ersetzt – und welchen Verlust sie erst bemerkt, wenn sich der Abriss nicht mehr rückgängig machen lässt.

Welche Brücke kommt, entscheidet sich im Dezember

Die grundsätzliche Entscheidung ist gefallen, die konkrete Gestalt der neuen Brücke aber bleibt offen. Welche Variante die Stadt bauen soll, will das Plenum am 7. Dezember in einer Sondersitzung entscheiden. Der neue Favorit mit dem Tragseilturm am Römerplatz wird auf 35 Millionen Euro geschätzt. Die Sanierung würde wohl vier Millionen Euro weniger kosten. Die letztgenannte Summe war 2017/2028 in die Sanierung der Hängebrücke investiert worden. Ob dieses Geld nun "in der Donau versenkt" worden ist oder nicht, wurde auch zur Debatte.

Schon 2031 soll sich die neue Brücke über die Donau spannen. Eineinhalb Jahre für die Planung, drei Jahre für den Bau – so war der in der Sitzung vorgestellte Zeitplan zu verstehen.

hud