
· | Niederbayern >> Dienstag, 29. September 26
Franz-Xaver Hirtreiter: PNP-Manager, Autohausgründer, Tansania-HelferVom Bauernsohn zum Millionär. Für Franz Xaver Hirtreiter hat sich in Niederbayern ein amerikanischer Traum erfüllt. PNP-Geschäftsführer, Autohaus-Gründer, Entwicklungshelfer – in jeder Rolle hat er eine goldene Hand. Auf seinem Herrensitz hoch über Passau erzählt er uns, wie er die PNP zu Reichtum brachte und warum im Ruhestand sein Herz an Tansania hängt. Franz Xaver Hirtreiter, 67, ist in seinem Berufsleben mehrmals erfolgreich abgebogen. Selbst Schicksalsschläge verwandelten sich zu neuem Glück. „Jetzt machen wir uns erstmal einen Kaffee.“ Bei beiden Treffen, in denen der Reporter das Gegenüber ungeduldig mit Fragen fluten will, bringt Franz Xaver Hirtreiter Ruhe hinein. Eine alte journalistische Regel lautet: angenehme Gesprächsatmosphäre schaffen. Hirtreiter hat das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt. In seinem Lebenslauf gibt es eine Parallele zum Gründer der „Passauer Neuen Presse“, Journalist Hans Kapfinger (1902–1985). Beide arbeiteten in jungen Jahren als Redakteur beim „Straubinger Tagblatt“. Fünf Jahrzehnte liegen zwischen ihnen. Dass er einmal das Erbe Kapfingers nach dessen Tod zur größten Blüte bringen wird, hat er wohl selbst nicht geahnt. „Ich habe ihn mit großer Liebe betrieben“, sagt der 67-Jährige zum Journalismus. Er lebt sie wieder, wenn er heute Bücher schreibt über seine Entwicklungsprojekte in Tansania. Keine Selbstbeweihräucherung, keine PR-Geschichten, die seinen Spendern schmeicheln. Stattdessen Reportagen, Rechenschaftsberichte, unbequeme Rückblicke in die Kolonialzeit und Einblicke in das Engagement der Benediktinermönche, die in Kilimahewa seit 100 Jahren Missionsarbeit leisten. „Gäbe es Tausend Kilimahewas, bräuchten wir keine afrikanischen Flüchtlinge mehr aus dem Mittelmeer fischen“, zieht er in einem Vorwort sein Fazit. Beim ersten Termin vier Tage vor Weihnachten, als Hirtreiter Kaffee und Kuchen vorbereitet, bleibt dem Besucher eine Weile, sich im Büro umzusehen. Ein feudaler Raum, kunstvoll geschnitzte Holzregale, Aktenordner und Äffchenskulpturen, Literatur über Weinkunde und Flaschen mit edlen Obstbränden. Das Fischgrätparkett ist auf Hochglanz poliert, der Gast nimmt Platz auf einem dunklen Ledersofa. Hinter dem schweren Schreibtisch thront in einem Regal ein geflügelter Löwe. Mit seiner Tatze hält er ein Buch mit der lateinischen Inschrift „Friede sei mit dir, Markus, mein Evangelist.“ Es ist das Wappen von Venedig, der Markuslöwe, der für starke Werte, Kraft und Schutz steht. Wie kam er zum Führungsposten bei der PNP, mit dem die Passauer seinen Namen verbinden? Er erzählt von seinem „Karrieresprung“ beim „Straubinger Tagblatt“, wo er auch das Lokalradio aufgebaut hat. 1988, da war er 32, sprang er in der Geschäftsführung ein, als sein 51-jähriger Verleger Hermann Balle nach einem schweren Verkehrsunfall in der Klinik lag. „Das hast Du super gemacht“, lobt der ihn hinterher und übergibt ihm die Verlagsleitung in Landshut. Hirtreiter, der von einem Bauernhof stammt, betrieb damals im Nebenerwerb eine Viehwirtschaft, 200 Charolais-Rinder auf 40 Hektar Land in Mitterfels. Er erinnert sich an jenen Tag, als er die Tiere fütterte und die Stalltür aufging. Zwei Männer kamen herein: PNP-Inhaber und Zahnarzt Axel Diekmann und sein Leiter fürs Lokalradio. Vom Zahnarzt fiel der Satz: „Wenn ich von Ihnen verlangen würde, einen Stockzahn zu ziehen, dann würden Ihnen die Schweißperlen auf der Stirn stehen.“ Ihm gehe es im Verlag genauso, deshalb brauche er einen Profi. Hirtreiter sagte zu und zog mit Frau und Kindern nach Passau. Bei seinem Antritt habe die PNP bei einem Jahresumsatz von 88 Millionen D-Mark Verlust geschrieben. „Aber keiner wusste, woran es liegt“, sagt er. Es gab kein Controlling. Er holte sich drei Betriebswirtschaftler von der Universität, die erstmals Excel-Tabellen erstellten, um sich einen Überblick zu verschaffen. „Es hatte bis dahin keine Zahlen gegeben.“ Millionengewinne und der Abschied von der PNP Hirtreiter spricht amüsiert über seine damaligen Gehälter. In Straubing habe er als „Bestverdiener“ 5.000 Mark im Monat verdient. Diekmann eröffnete ihm, er zahle ihm – wie dem Vorgänger – ein Fixum von jährlich 180.000 Mark, also das Dreifache. „Da bin ich schon halb vom Stuhl gefallen.“ Außerdem versprach er ihm eine Gewinnbeteiligung, „was lustig war bei einem Verlust von vier Millionen Mark.“ Wie Hirtreiter zu seinem Wohlstand kam, verbirgt sich in dieser Aussage: „Nachdem der Vertrag auf fünf und dann auf zehn Jahre verlängert wurde, war die Gewinnbeteiligung auch lustig.“ Dennoch gehörte er als Geschäftsführer anfangs nicht zu den fünf Topverdienern, wie ihm die Leiterin der Buchhaltung eröffnete. „Der Anzeigenleiter hatte ein Jahresgehalt von 400.000 Mark.“ Da stellte sich heraus, diese fünf hatten Verträge aus Kapfingers Zeiten, wurden nach Umsatz und nicht nach Gewinn bezahlt. Mit Rückendeckung der Gesellschafter, „die Zusammenarbeit mit Diekmann war damals perfekt“, hat er das Verlagshaus saniert. Diekmann blieb Zahnarzt und Hirtreiter erstattete ihm regelmäßig Bericht. Es ging steil bergauf, denn es gelang ihm, zwischen den verfeindeten Gesellschaftern, Diekmann und Kapfinger, die nicht miteinander sprachen, zu vermitteln. „Ich habe aus dem Heimatzeitungsverlag ein europäisches Medienhaus gemacht“, zieht er Bilanz. „Wir haben damals alles gekauft, was nicht in fünf Minuten auf dem Baum war“, sagt er und schickt später die Liste der Zukäufe und Neugründungen: zehn Regionalzeitungen in Polen gekauft, vier neue Zeitungen in der Tschechischen Republik gegründet, in Prag die „Vecernik Praha“, in Linz die „Oberösterreichische Rundschau“ und in Genua die „Il Secolo Decimonono“ gekauft. Das europäische Zeitungsimperium habe eine tägliche Auflage von über zwei Millionen Exemplaren erreicht. Als Hirtreiter ging, betrug laut seinen Angaben der Gewinn 110 Millionen Mark bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden Mark.
Im PNP-Medienimperium war Hirtreiter am Höhepunkt der Expansion Geschäftsführer in sechs europäischen Ländern. „Das ging mit Hubschrauber, später nur mit einem eigenen Jet.“ Er habe bis zu 550 Stunden im Jahr im Verlagsflieger verbracht, zwei Crews mit Kapitän gebraucht, weil sonst deren Flugzeiten überschritten worden wären. „Es war mir klar, dieses Leben hältst du nicht immer aus.“ Dauernd von „Chauffeuren und Vorzimmer gesteuert worden zu sein“, das ist für ihn die Erklärung, warum er nach seinem Abgang eine bodenständige Fortbewegung bevorzugte, eine neue Leidenschaft entwickelte: selbst am Steuer sitzen, Auto fahren. Hirtreiter ging unter anderem bei Walter Röhrl in die Schule, absolvierte die Rennfahrerlizenz „International C.“ Die Wochenenden hätten „seinem Porsche und allen europäischen Formel-Eins-Rennstrecken“ gehört. Wie kam es zum Bruch mit Diekmann? „An dem Tag, als er zu mir gekommen ist und gesagt hat: ‚Franz, mach dir keine Sorgen, ich sag’ dir das nur – ich gebe meine Praxis auf und ziehe ins Zimmer vom Dr. Kapfinger.‘“ An dem Tag sei er heim zu seiner Frau und habe gesagt: „Das ist das Ende.“ Mit Axel Diekmann zusammen, in welcher Rolle auch immer, das sei für ihn unmöglich gewesen. „Er ist für mich der beste Zahnarzt, den ich je hatte, aber es war für mich unvorstellbar, den als Zeitungsverleger zu sehen“, sagt er. Das sei ja dann auch entsprechend schiefgegangen. Porsche, Rennstrecken und ein neues Leben
Stand heute: 16 Betriebe, 10 Millionen Euro Gewinn bei 450 Millionen Euro Umsatz, 700 Mitarbeiter. Sie verkaufen unter anderem die Marke, die Hirtreiter huldigt: Porsche. Ein auf 2.500 Stück limitiertes dunkelblau-weißes Sondermodell „Porsche 911 Dakar“ steht als Spielzeugmodell auf seinem Schreibtisch – und im Original in der Garage. Es waren gesundheitliche Schicksalsschläge, die den Hobby-Rennfahrer einbremsten; erst eine Operation wegen Netzhautablösung, dann 2008 Herzinfarkt. „Von da an beginnt man an die eigene Endlichkeit zu denken.“ Er übergab die Autogeschäfte an seinen Sohn, teilte den Firmenbesitz an seine drei Kinder auf. Seine polnische Zeitung verkaufte er an den Geschäftsführer, „denn in meiner Familie war kein Journalist, dem man sie hätte überlassen können.“ Warum Hirtreiter heute Entwicklungshilfe in Tansania leistet
Nach PNP und Autohaus betreut Hirtreiter in Kilimahewa ein Buschkrankenhaus, drei Kindergärten, eine Schule, eine Handwerkerakademie und ein Waisenhaus in den Bergen. Er schreibt Bücher darüber, der Verkaufserlös geht in den Topf der gesammelten Spenden. Bisher seien 1,1 Millionen nach Tansania geflossen. Hirtreiter zeigt uns zum Abschied, wie seine Villa beheizt wird: neben der Garage der Heizraum, nur eine kleine Therme. Wärmepumpentechnik gab es schon vor zwanzig Jahren. Er steigt auf sein E-Bike. „Ich werde jetzt meine gewohnte Runde durchs Donautal radeln.“ Zwei Wochen später geht sein Flieger nach Tansania. Auf einem Tisch im Büro liegen Pakete und Taschen, die zu seinem Reisegepäck gehören: Luftballons, Kugelschreiber, Spielsachen. Hubert Jakob Denk
Erschienen: Bürgerblick, Magazin Nr. 175, Mai 2024.
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