Thursday, 21. May 2026
·

Niederbayern >> Wednesday, 20. May 26

bild_klein_0000025398.jpg
BR24 sendete heute überwiegend Musik, Nachrichten liefen nur im digitalen Textband.
Medien

Warnstreik legt BR-Programm lahm: Musik statt Nachrichten

München/Passau – Wer heute "BR24" einschaltet, wundert sich: Es läuft nur Musik. Kein Senderausfall. Die Belegschaft ist im Warnstreik.

Seit Dienstagfrüh um 3.30 Uhr streiken Hunderte Beschäftigte des Bayerischen Rundfunks für mehr Geld. Der ganztägige Ausstand soll bis heute Nacht um 1 Uhr andauern und trifft den Sender an allen Standorten hart.

Verzögerte Verhandlungen – Gewerkschaften verlieren Geduld

Der Tarifvertrag wäre bereits zum Jahreswechsel fällig gewesen, doch die Verhandlungen ziehen sich hin. Erst diesen Freitag findet die zweite Verhandlungsrunde statt. Verdi und der Bayerische Journalistenverband (BJV) fordern sieben Prozent mehr Gehalt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten – mindestens 450 Euro monatlich für Festangestellte und Freie. Auszubildende, Volontäre und Trainees sollen mindestens 200 Euro mehr erhalten. Auch ein Zuschuss zum Deutschlandticket und Beschäftigungssicherung für Freie stehen auf der Liste.

Die Streikbeteiligung ist groß. Allein die Nachrichtenredaktionen sind praktisch leer.

Der Sender bietet dagegen 4,23 Prozent in drei Schritten bis 2028 an. "Das Perfide: Die zweite und dritte Stufe gibt es nur, wenn der Rundfunkbeitrag steigt", erklärt ein Gewerkschaftsmitglied. Das sei eine Mogelpackung.

Frust nach Umzug

Im Hintergrund spielt zudem massive Unzufriedenheit eine Rolle: der Umzug der BR-Studios  in das neue Gebäude nach München-Freimann. Mitte Juni wechseln auch die letzten BR24-Nachrichtenstudios an den Stadtrand. Das zentrale historische Haus in der Innenstadt musste wegen Brandschutzmängeln aufgegeben werden.

bild_klein_0000025397.jpg
Die BR-Redaktionsmitglieder fühlen sich nicht nur finanziell benachteiligt, sondern auch an den Münchner Stadtrand versetzt – verbunden mit Nachteilen bei Arbeitsumfeld und Anbindung. (Grafik: MVV)
Doch die neuen 141-Millionen-Euro-Bauten, rund 30 Autominuten von der Innenstadt entfernt, haben ihre Tücken. "Wir leben in einem dreistöckigen Aquarium", sagt eine Redakteurin. Von der Natur draußen sei nichts zu sehen oder zu spüren. Es gebe keine Fenster. Die Klimatisierung der Räume bekommt die Technik nicht in den Griff. Im Winter sei es zu kalt gewesen, dann wurde repariert – erfolglos. Zu warm, zu stickig, zu kühl: Der Arbeitsplatz im sogenannten Akutalitätszentrum sei alles andere als ein Wohlfühlort.

"Der Umzug war kein Upgrade, sondern ein Downgrade, was die Arbeitsbedingungen anbelangt", resümiert ein junges Redaktionsmitglied. Das betrifft auch die Lage. Die Anbindung sei schlecht: Wer zur nächsten U-Bahn-Station will, läuft eine Viertelstunde. Die Busanbindung sei schwach. Die S-Bahn (Unterföhring) liegt vier Kilometer weit entfernt. "Die Süddeutsche Zeitung hatte es beim Umzug an den Stadtrand besser – dort wurde wenigstens die Straßenbahn um zwei Stationen verlängert", merkt ein anderer Kollege an.

Die Verwertung des alten Rundfunkhauses klappt nicht wie gewünscht. Es handelt sich um ein historisches Denkmal mit Rundfunknutzung – dass Nachbarn wie Microsoft oder Apple danach die Finger strecken, scheint unrealistisch. "Man hätte das alte Rundfunkhaus sanieren können", heißt es in vielen Gesprächsrunden. Ein Umzug während des Umbaus in Nachbargebäude wäre möglich gewesen.

Die Redaktionsarbeit leidet von allen Seiten. Möglicherweise gibt es durch Reformdruck viele Entscheidungen am grünen Tisch, die sich in der Praxis kaum umsetzen lassen. "Man lässt die Mitarbeitenden alleine", kritisiert eine Kollegin. Dabei, so fügt dieser Autor an, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein wichtiges Rückgrat der Demokratie: Private Rundfunkanstalten und Verlage sind stark von Werbeeinnahmen abhängig und geraten bisweilen in Interessenkonflikte – Anzeigenkunden sollen nicht verärgert werden. Mit dem Rundfunkbeitrag sorgt die Gesellschaft dafür, dass Journalistinnen und Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen möglichst unabhängig arbeiten können. Politische Einflussnahme, die zweifellos ebenfalls stattfindet, mal ausgeklammert.

Und so hört der Rundfunkliebhaber im Auto oder in der Küche heute entspannte Musik statt unangenehmer Nachrichten. Als der Fragesteller auf merkwürdige sekundenlange Sendelücken der Vergangenheit hinweist, seufzt ein BR-Mitarbeiter: "Das interessiert keinen mehr." Zum Glück gibt es einen Automatismus: Bei Pausen von mehr als 20 Sekunden springt automatisch das Musikprogramm an.

Ab 16 Uhr gab es heute auch Einschränkungen im Fernsehen.

hud