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Der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter setzt nach wie vor aufs Auto. Der ländliche Raum habe vom Neun-Euro-Ticket nicht profitiert. (Quelle: ZDF-Morgenmagazin)
Fehlende VerkehrsverbĂŒnde

Nahverkehr: Region Passau kehrt zurĂŒck zu Papiertickets und Tarifchaos

Berlin verlĂ€ngert das Neun-Euro-Ticket bis Ende des Jahres. Bayern sieht darin keinen Nutzen und verweist darauf, dass der Bund erst die Bahn ertĂŒchtigen soll. Die Region Passau kehrt zurĂŒck zu Papiertickets und Tarifchaos.

OberbĂŒrgermeister JĂŒrgen Dupper ist der Meinung, dass die EinfĂŒhrung des Neun-Euro-Tickets gewiss dazu gefĂŒhrt habe, dass der ÖPNV als attraktive MobilitĂ€tsform in den letzten Monaten wieder stĂ€rker wahrgenommen worden sei. „Auch die Stadt Passau versucht im Sinne des Klima- und MobilitĂ€tswandels nach Möglichkeit nachhaltige MobilitĂ€t wie den ÖPNV zu stĂ€rken“, schreibt er. Das heißt im Klartext: Es passiert wenig.

Der Rathauschef verweist nach unserer Anfrage auf eine Sitzung des fĂŒr MobilitĂ€t zustĂ€ndigen Stadtratsausschusses vom 4. Februar 2020. Hier war beschlossen worden, dass die Stadt Passau im Verbund mit den Landkreisen Freyung-Grafenau, Deggendorf, Dingolfing-Landau, Passau und Regen einen gemeinsamen Verkehrsverbund fĂŒr den öffentlichen Personennahverkehr aufbauen möchte.

Was seitdem geschehen ist? 19 Monate spÀter, im September vorigen Jahres, wurde eine Studie ausgeschrieben, auf welcher Grundlage dieser niederbayerische Verkehrsverbund möglich sein könnte. Es dauerte weitere zehn Monate, bis diese Studie vergeben wurde. Im Juli ging sie in Arbeit. Dies geht aus der Antwort des Rathauses auf unsere Anfrage hervor.

Das Neun-Euro-Ticket hat zeigt, dass von einem Tag auf den anderen ganz Deutschland mit einem digitalen Ticket zum Verkehrsverbund werden kann. In Passau und anderswo bleibt es beim bekundeten Willen, die Systeme zu vereinfachen. 200 Tage sind seit dem Rathausbeschluss vergangen. Haben Sie in dieser Zeit irgendeinen OberbĂŒrgermeister oder Landrat gehört, der ein digitales Niederbayern-Ticket gefordert oder beanstandet hĂ€tte, dass ihm dies alles nicht schnell genug gehe?

JĂŒrgen Dupper verweist nach unserer Anfrage darauf, dass der Freistaat Bayern am Zuge sei. Dieser unterstĂŒtze Kommunen, die noch keinem Verkehrs- und Tarifverbund Bus und Bahn angehören auf den Weg zum Verbandbeitritt. „Angemerkt werden darf, dass ein Ticket wie das Neun-Euro-Ticket fĂŒr die Stadt Passau beziehungsweise fĂŒr die Verkehrsbetriebe ohne finanzielle ZuschĂŒsse wirtschaftlich nicht tragbar wĂ€re“, schreibt er.

Im Rathausschreiben werden sehr wohl die Vorteile eines Verkehrsverbundes aufgezĂ€hlt: einheitliches Ticket- und Tarifsystem, gĂŒltig fĂŒr alle öffentlichen Verkehrsmittel, aufeinander abgestimmte FahrplĂ€ne, koordinierte Fahrgastinformationen. FĂŒr Fahrten vom Landkreis in die Stadt gebe es bereits seit mehreren Jahren ein Kombiticket, mit dem die Landbevölkerung „vergĂŒnstigt“ mit den stĂ€dtischen Bussen weiterfahren kann, wird angemerkt. Diese „bestehende Kooperation“ solle „parallel zur Studie weiter ausgebaut werden“.

40 Millionen Mal ist das Neun-Euro-Ticket gekauft worden. FĂŒr den bayerischen Verkehrsminister Christian Bernreiter ist das nach eigener Aussage kein Anlass zur Euphorie. Die Bahn mĂŒsse erst so schnell werden wie der Individualverkehr, merkt er heute im ZDF-Morgenmagazin an. Vor allem im lĂ€ndlichen Raum, wo attraktive Angebote fehlen, seien nicht viele umgestiegen. Er sieht fĂŒr den Ausbau den Bund in der Verantwortung. Ein Signal, dass Schiene und öffentlicher Nahverkehr ein wichtiger Weg aus der Klimakrise sind, vermisst der Moderator von diesem Verkehrsminister.

Die Region Passau trifft das Ende des Neun-Euro-Tickets besonders hart. Sie kehrt zurĂŒck zu Papiertickets und Tarifchaos. Stadtbus, Überlandbusse, Schiene - viele Verkehrsanbieter agieren nebeneinander und getrennt. Jeder Beteiligte hat seine wirtschaftlichen Interessen.

WĂŒrde ein Nahverkehrsticket solidarisch von allen getragen, wie beim studentischen Semesterticket, es wĂŒrde 14 Euro je Kopf und Monat kosten. Grundlage der Berechnung ist die Aussage von Wirtschaftsminister Christian Lindner, dass fĂŒr eine Fortsetzung des Neun-Euro-Tickets 14 Milliarden Euro notwendig wĂ€ren. 

hud