Sonntag, 14. August 2022
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Passauer Land >> Freitag, 29. Juli 22

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Blick auf das Naturparadies, das einem Recyclinghof weichen soll. (Foto: mediendenk)
Recherche statt Rathauspresse

Neuer Recyclinghof Passau-Haibach: Wenn Umweltschutz ein Naturparadies zerstört

Passau ‚Äď Beim Abfalltrennen geht es in der Dreifl√ľssestadt akribisch zu. Der Abfallentsorger stellt keinen gelben Sack, in dem die Konsumenten, wie fast √ľberall, den M√ľll der Verpackungsindustrie sammeln und abholen lassen k√∂nnen. Umweltbewusste B√ľrgerinnen und B√ľrger sollen ihren Abfall selbst trennen und in die Recyclingh√∂fe bringen. Das System f√ľhrt jetzt in einem Stadtteil zu einer grotesken Situation: F√ľr den Umzug der Umweltschutzeinrichtung soll ein 2.000 Quadratmeter gro√ües Naturparadies zerst√∂rt und fruchtbarer Boden versiegelt werden.

In der Pressemitteilung des Rathauses klingt die Nachricht erfreulich: Ein neuer Standort sei f√ľr den Umzug des Recyclinghofes Passau-Haibach gefunden. Das Bebauungsplanverfahren werde an den "potentiellen dauerhaften" Ersatzstandort "rasch vorangetrieben". Bis die neue Anlage in Betrieb geht, soll die Abfallannahmestelle mit ihren 22 Sammelcontainer am "Park & Ride"-Platz (1.500 Quadratmeter) bei der Wohnhauskapelle St. √Ągidius an der Kapuzinerstra√üe aufgestellt werden. Am bisherigen Standort, seit 29 Jahren in Betrieb, hatte der Verp√§chter wegen Eigenbedarfs gek√ľndigt. Der Bau- und Kiesunternehmer will sich ausbreiten.

‚ÄěDie genaue Adresse des neuen Recyclinghof-Standorts in der Wiener Stra√üe hat die Stadt noch nicht bekanntgegeben‚Äú, schreibt die PNP. Die Verschwiegenheit hat wohl einen guten Grund. Der ausgesuchte Standort ist heikel, m√∂glicherweise aus Hochwasser- und Umweltschutzgr√ľnden √ľberhaupt nicht genehmigungsf√§hig. Dennoch: Der Abfallentsorger, der ‚ÄěZweckverband Abfallwirtschaft Donau Wald‚Äú, kurz ‚ÄěZAW‚Äú, ist zuversichtlich. Der Pachtvertrag mit dem Grundst√ľckbesitzer, einem Innst√§dter Gro√ügrundbesitzer und Bauern, ist laut Pressemitteilung des Rathauses bereits geschlossen.

Erneut w√ľrde wertvoller Boden auf Stadtgebiet versiegelt, zuwider der wichtigsten Herausforderung unserer Zeit, Natur, Grundwasser und Klima zu sch√ľtzen.

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Ein Imker w√ľrde diese Bienenh√§user in der Nachbarschaft wohl abbauen. (Foto: mediendenk)
Die acht Nachteile des geplanten Gewerbestandortes, √ľber die in der Pressemitteilung kein Wort verloren wird:

  • ausgewiesene landwirtschaftliche Fl√§che (laut eines √Ėko-Stadtrates), auf der Futtermittel, Hafer und Klee, angebaut werden.
     
  • √úberschwemmungsgebiet, auf dem sich die notwendigen Aufsch√ľttungen und Versiegelungen verbieten (wissen benachbarte Grundst√ľckbesitzer aus eigener Erfahrung)
     
  • gef√§hrliche Stoffe (Batterien, Leuchtstofflampen, Lacke) w√ľrden in einem Hochwassergebiet gelagert (Recyclingh√∂fe nehmen in geringen Mengen auch Giftstoffe an)
     
  • Auswirkungen bei Starkregen: Das landwirtschaftliche Grundst√ľck grenzt in der √úberflutungszone eines Baches, der westlich vom Grundst√ľck in den Inn m√ľndet (hat sich bei der Haibach-Unwetterkatastrophe 2016 gezeigt)
     
  • Lichtverschmutzung durch Pritschenlampen f√ľr Winterbetrieb und Sicherheit inmitten der Natur, direkt an den Innauen.
     
  • Am Nachbargrundst√ľck w√ľrde ein Imker seine zwei Bienenh√§user wohl entfernen; wegen der N√§he zu speisebehaftetem und zuckrigem Abfall, wegen der Gefahr f√ľr den Betrieb.
     
  • Anrainer, die dort in b√§uerlicher Umgebung mit Obstgarten wohnen, m√ľssten Betriebsl√§rm und Kundenverkehr hinnehmen, der auch samstags stattfindet; sie h√§tten Abfall und Umz√§unung direkt "vor der Nase". (Der jetztige Wertstoffhof liegt aus gutem Grund fernab jeder Wohnsiedlung.)
     
  • Der Standort liegt am westlichen Ende des Stadtteils, was f√ľr alle Innst√§dter eine l√§ngere Anfahrt bedeutete (es wird zus√§tzlicher Verkehr durch die gesamte Innstadt erzeugt).

Mit dieser heiklen Standortfrage wird sich der Stadtratsausschuss f√ľr Stadtentwicklung befassen m√ľssen. Leute vom Vermessungsamt haben ihre Markierungen bereits gesetzt.

Alternativen? Ein Stadtrat der ‚ÄěPassauer Liste‚Äú hatte im Dezember 2021 in der PNP einen Standort vorgeschlagen, der f√ľr alle Innst√§dter n√§her liegt und nicht in die Natur eingreift: das umz√§unte Gel√§nde (1.300 Quadratmeter) des jetzigen Bolzplatzes an der Abzweigung zur Freinberger Stra√üe. M√∂glicherweise m√ľsste der Christbaumpflanzer dahinter noch ein St√ľck abgeben, um die notwendige Fl√§che zu erreichen. Der Bolzplatz k√∂nnte auf die gro√üe Wiese gegen√ľber wechseln, wo er ‚Äď so erinnert sich der Stadtrat ‚Äď in seiner Jugend bereits war.

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Die Abfallsammelanlage grenzte unmittelbar an einen Obstgarten mit Kinderspielplatz. (Foto: mediendenk)
Wem diese Wiese gegen√ľber geh√∂rt? Demselben Bauern und Gro√ügrundbesitzer wie den oben Genannten, ja Sie lesen richtig. Die verpachtete Fl√§che und die Einnahmen verringerten sich wohl, aber es w√§re viel gewonnen: das Klee- und Haferfeld im Naturparadies am Inn w√ľrde nicht verschwinden, die Heimat der Bienen, G√§nse, Hasen und Rehe w√§re bewahrt, der Recylinghof nicht so abgelegen - und die Anwohner h√§tten ihren Frieden.

Die beste L√∂sung in vielerlei Hinsicht: Die ZAW stellt um auf den gelben Sack, zumal das aktuelle System vielerorts nicht greift. In Studentenwohnheimen und vielen Wohnanlagen landet der Recyclingabfall in den Restm√ľllcontainern. Die zunehmend √§ltere Generation kann es au√üerdem nicht leisten, den Verpackungsm√ľll selbst zum Recyclinghof zu bringen. Die Sortier- und Bringpflicht den B√ľrgerinnen und B√ľrgern aufzub√ľrden, erzeugt am Wochenende (Freitagnachmittag und Samstagvormittag) unn√∂tigen Verkehr. Das einzige Argument, das die ZAW-Leute anbringen: F√ľr die akribischen Abfalltrenner- und bringer seien die Geb√ľhren f√ľr die M√ľlltonne geringer. "Mit dem "Gr√ľnen Punkt" haben die Verbraucher f√ľr die Entsorgung der Umverpackungen bereits bezahlt", sagt ein Mitarbeiter des Abfallentsorgers, der nicht genannt werden will. Dass die Leute dennoch diesen Abfall selbst anliefern sollen, sei nicht gerecht.

hud

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