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Bezirkskaminkehrermeister Klaus Berthold saß als Berater in der Passauer Klimawerkstatt. Er ist seit fast 25 Jahren für die Feuerstätten in Altstadt und Innstadt zuständig. (Foto: Tobias Clemens Köhler)
Energiekrise

Heizen wir ohne Hirn?

"WĂ€rme ist das große Thema“, hat der Passauer OB JĂŒrgen Dupper im vorigen Herbst zum Klimaschutzkonzept gesagt. Sie denken an Horrorpreise fĂŒr Gas und Öl? Falsch: Hier liegen bis zu 50 Prozent Einsparungspotential, rechnet uns ein Experte vor, der tausende Passauer Heizanlagen kennt.

Das haben wir im November-Magazin 2021, Nr. 150, geschrieben. Krieg in Osteuropa und Gasnotstand lagen Monate entfernt.  Der "Abschied vom Gas" war unser Einstieg, allerdings unter dem wissenschaftlichen Aspekt, dass es letztendlich wie alle fossilen Brennstoffe zu den Klimakillern zĂ€hlt. Da dieses Titelthema jetzt aktueller denn je ist, hier fĂŒr alle Nicht-Abonnierenden kostenlos zum Nachlesen.

Der Vortrag, den ein gebĂŒrtiger Ortenburger 2008 in einem vollbesetzten Hörsaal der Uni Passau hielt, hatte aufhorchen lassen. Professor Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher und GrĂŒnder des Potsdam-Instituts fĂŒr Klimafolgenforschung, war viele Jahre lang Mitglied im Weltklimarat. Der heutige 71-JĂ€hrige gilt Vater als des Kompromisses zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, wenigstens das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Er erzĂ€hlte, wie wenig interessiert Deutschland anfangs an den Weltklimakonferenzen gewesen sei und eröffnete den Zuhörern ein Szenario, das vielen Hausbesitzern Kopfzerbrechen bereitete: Nicht nur von der Kohle, sondern auch vom Erdgas mĂŒsse der Mensch Abschied nehmen, wenn er die Klimakatastrophe verhindern wolle. Anders sei KlimaneutralitĂ€t nicht möglich.

Der Passauer Bezirkskaminkehrmeister Klaus Berthold hat als Berater am Gremium teilgenommen, das am Klimaschutzkonzept tĂŒftelte. Er ist zustĂ€ndig fĂŒr die Altstadt und Innstadt, kennt an die 4.500 FeuerstĂ€tten. „Davon werden 80 Prozent mit Gas betrieben“, weiß er. Seine Analyse ist niederschmetternd: „Die HĂ€lfte der Heizenergie geht in Passau verloren.“ Er belegt das am Beispiel eines Zweifamilienhauses, denkmalgeschĂŒtzter Altbau, das mit weniger Gasthermen und niedrigerer Heizleistung auskommen wĂŒrde. Die EinschĂ€tzung des Kaminkehrermeisters ist im Gremium offenbar angekommen. „Dass WĂ€rme das große Thema sei, hat Dupper richtig erfasst“, sagt Berthold.

Ein Hauptproblem sind Gasthermen, die von Heizungsbauern in den vergangenen Jahrzehnten meist mit zu hoher Leistung installiert worden sind. Berthold erklĂ€rt, dass zwei Systeme verbaut sind: Die sogenannte Gasheizwerttherme, die Ă€lteren Modelle, die bei Altbausanierungen und ab den 1980er Jahren bei Neubauten eingebaut worden sind. Sie lassen sich fĂŒr Tag- und Nachtbetrieb programmieren, auf Spar- oder Volllast fahren. Es sind Auslaufmodelle, die aus heutiger Sicht ineffizient sind. Vor 25 Jahren kamen die sogenannten Gasbrennwerttherme auf den Markt. Sie haben mehrere Vorteile: Es geht weniger Energie durch den Kamin verloren, denn sie nutzen die WĂ€rme im Abgas. Bei der Gasheizwerttherme misst die Abluft im Kamin 80 Grad, bei der Gasbrennwerttherme nur die HĂ€lfte. Diese modernen Brenner laufen „modelliert“. „Das System erkennt selbst, mit wie viel Leistung gerade nötig ist“, erklĂ€rt Berthold.

Konkret an dem genannten Beispiel, dem zweistöckigen Altbau mit ausgebautem Dachgeschoss, NutzflĂ€che von 250 Quadratmetern: In jedem Stockwerk lĂ€uft eine Heizwerttherme, die ĂŒber einen Wasserkreislauf jeweils zwölf Heizkörper versorgt. Die beiden Thermen kommen zusammen auf eine Leistung von 48 Kilowatt. Bei einer UmrĂŒstung auf Gasbrennwerttherme wĂŒrde eine einzige, Leistung 14 Kilowatt, ausreichen, das gesamte Haus zu beheizen, analysiert Berthold. Als Zusatz empfehle sich ein Boiler, damit Warmwasser ausreichend zur VerfĂŒgung steht, in beiden Stockwerken problemlos gleichzeitig zu duschen. Unterm Strich wĂ€ren dennoch 50 Prozent Energie, in diesem Fall Gas, gespart.

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Wir haben im Beitrag die Passauer Heizkraftwerke fĂŒr FernwĂ€rme, stĂ€dtische und private, aufgelistet. Warum dieses Netz nicht rasch ausbauen?

Berthold berichtet von seinem eigenen Haus, ein FĂŒnf-Personen-Haushalt. „Wir beheizen mit 15 Kilowatt einen 180 Quadratmeter großen Altbau und zusĂ€tzlich einen Neubau mit 100 Quadratmeter.“ Niedrigenergiesysteme sind die Zukunft: Der Trick im Neubau sei ein WĂ€rmeverteilsystem, das die GebĂ€ude mit einer Vorlauftemperatur von 30 bis 35 Grad versorgt. ZusĂ€tzlich hat Berthold auf seinem Dach fĂŒnf Sonnenkollektormodule montiert, die sein Gebrauchswasser erhitzen. „Sie funktionieren in der Praxis perfekt“, sagt der GlĂŒckliche. Seit April habe er fĂŒr Warmwasser keine Heizung gebraucht.

Die Gasthermen benötigen Strom fĂŒr die UmwĂ€lzpumpe. Im genannten Altbau lief diese permanent mit Stufe 2 bei einer Leistung von 100 Watt, bis Berthold sie auf die niedrigere Stufe, 70 Watt zurĂŒckstelle. „Das reicht vollkommen“. Mit der neuen Gasbrennwerttherme wĂ€re hier eine weitere Einsparung möglich, deren UmwĂ€lzpumpe lĂ€uft mit 10 bis 25 Watt. Bei Dauerbetrieb im Winter und aktuellen Strompreis von 30 Cent: 10 Euro weniger fĂŒrs Heizen.

Eine solche moderne Gastherme kostet 10.000 bis 15.000 Euro. Sie benötigt allerdings ein eigenes Abgasrohr aus Aluminium oder Edelstahl im Kamin. Bei HĂ€usern mit vielen Mietwohnungen und dementsprechend vielen FeuerstĂ€tten werde der Umstieg zum neueren Heizsystem erschwert, weiß Berthold. Nicht etwa, weil die Rohrsysteme nicht ausreichen wĂŒrden, sondern weil jeder einzelne WohnungseigentĂŒmer einem Umbau zustimmen und man sich bestenfalls einigen mĂŒsse, wo die zentrale Gasheiztherme installiert wird.

Obwohl sich der Umbau lohnen wĂŒrde, zeige kaum jemand Interesse an der eigenen Heizanlage und nehme sich die Zeit, sich all dies Vorteile erklĂ€ren zu lassen, berichtet der Kaminkehrmeister. Er mĂŒsse oft Überzeugungsarbeit leisten. Die UmrĂŒstung werde die Zeit bringen, wenn die alten kaputt gehen. Gasheizwertthermen dĂŒrfen laut Baugesetz heute nicht mehr verkauft werden.

Nur wenige interessieren sich fĂŒr ihre Heizkosten, haben der Kaminkehrermeister und seine Mitarbeiter festgestellt. „Beim Sprit schaut jeder auf die Preistafel, bei jedem Tanken“, sagt Berthold. Beim Heizen fehle dieses „Preismonitoring.“ Gerade Studenten und junge Leute, die von den Eltern ausgezogen sind, wĂŒrden nicht an die Heizkosten denken.

Viele wĂŒssten nicht einmal, wie die Thermostate programmiert werden oder wo in der Wohnung die TemperaturfĂŒhler fĂŒr die Steuerung sitzen. „Die Heizungen laufen unbedacht voll aufgedreht, auch wenn es keinen Bedarf gibt“, sagt Jakob Duschl, Bertholds Kollege, ein junger Familienvater. In Zukunft möchte die Stadt Passau mehr auf kleine Heizkraftwerke setzen, die mehrere HĂ€user und Haushalte in ihrer Umgebung versorgen. Sie bezeichnen es als „NahwĂ€rme“. Wie aus dem Klimaschutzkonzept hervorgeht, sind diese Heizanlagen sehr klimafreundlich, sie stoßen nur 62 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde aus. Zum Vergleich: 1 Kilowattstunde aus Braunkohle gewonnen belastet das Klima mit 411 Gramm CO₂. Pellets, erzeugt aus dem Abfall der Holzindustrie, sind ein klimaneutraler Brennstoff.

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Klaus Berthold kontrolliert die Abgaswerte einer Brennanlage. Kaminkehrer sind auch Energieberater. (Foto: Tobias Clemens Köhler)

In Gewerbegebieten sollen Blockheizkraftwerke installiert werden, die mit Biogas oder Pellets befeuert werden. Auch private Haushalte sollen dieses FernwĂ€rmenetz nutzen können. Bis 2025 soll in Passau ein Hackschnitzelkraft werk in Betrieb gehen. Es wird im Klimaschutzpapier als „Meilenstein“ bezeichnet. Damit Holz in ausreichender Menge zur VerfĂŒgung steht, werden WĂ€lder aufgeforstet. Der Zweckverband Abfallwirtschaft in Hellersberg wird eingebunden fĂŒr die Hackschnitzelproduktion.

Im Passauer Klimaschutzkonzept wird davon ausgegangen, dass die Pelletproduktion in den nĂ€chsten 10 bis 15 Jahren ansteigt. Durch den Klimawandel, Sturm und DĂŒrre, falle ausreichend Holz an. „Pellets sind knapp, der Preis steigt“, gibt ein Passauer Immobilienverwalter wieder, was ihm Brennstofflieferanten berichteten. Die Statistik widerspricht: Von den 3,3 Millionen Tonnen Pellets, die im Vorjahr in Deutschland erzeugt worden sind, wurden 2,7 Millionen Tonnen im Land verbraucht, der Rest exportiert.

In der DreiflĂŒssestadt gibt es bislang sieben Heizkraftwerke fĂŒr Nah- und FernwĂ€rme. Die Stadtwerke betreiben sie im Freibad, im sĂŒdlichen Bahnhofsviertel, im Schulzentrum und in Kohlbruck. Diese Brennheizkraftwerke wĂŒrden, mit Ausnahme Kohlbruck, bis zu 95 Prozent mit Biogas betrieben, berichtet Stadtwerkechef Uwe Horn. Abnehmer seien Gewerbebetriebe und Industrie, in Kohlbruck auch private Haushalte.

Baulöwe Michael Kapfinger hat fĂŒr das Wohn- und BĂŒroquartier „Innviertel“ den Anbieter „SĂŒdwĂ€rme“ als Betreiber geholt, der bei einer Ausschreibung der gĂŒnstigste war. Zu Spitzenzeiten laufe diese Anlage mit etwa 500 Megawatt, weiß Berthold; bis 300 Kilowatt mit Pellets, darĂŒber wird die Gastherme zugeschaltet. Im Kapfingerkomplex der Neuen Mitte, Hochhaus und Kinocenter, wurden als NahwĂ€rmebetreiber die oberösterreichische Real-Treuhand unter Vertrag genommen.

Diese Siedlungsheizkraftwerke mit ihrer modernen Technik funktionieren klimafreundlich und effizient. Unsere Redaktion ist ans „Innviertel“-WĂ€rmenetz angeschlossen und braucht im Jahr, so die letzte Abrechnung, 60 Kilowattstunden pro Quadratmeter. „Das ist sportlich“, staunt Berthold ĂŒber die geringe Menge. Es erklĂ€rt sich damit, dass wir zum Verbrauchstest digitale Heizkörperthermostate angeschlossen haben, die ĂŒber App ferngesteuert werden können. Dazu spĂ€ter mehr. Der WĂ€rmepreis klingt weniger sportlich: In den PrivathĂ€usern gegenĂŒber kostet eine Kilowattstunde Gas etwa 7 Cent, die Kilowattstunde „NahwĂ€rme“ kommt auf 13 Cent. Die Preise könnten nicht direkt verglichen werden, erklĂ€ren die Kaminkehrer. Der ZĂ€hler fĂŒr die „NahwĂ€rme“ misst am Warmwasserzulauf, der GaszĂ€hler den Gasverbrauch, wobei hier ein Teil der Energie ĂŒber den Kamin verloren geht.

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„Es waren ökologische GrĂŒnde, warum wir uns fĂŒr NahwĂ€rme entschieden“, sagt Rudi Ramelsberger, der Sprecher der Kapfinger-Immobilienverwaltung. Ihre Stadtquartiere kommen ohne Kamine und FeuerstĂ€tten aus. Berthold stimmt dem zu: Die vielen mit einzelnen Gasthermen bestĂŒckten Wohnungen, wie beispielsweise in der verschachtelten Altstadt, sorgten fĂŒr eine schĂ€dliche Energiebilanz. FĂŒr die Mieter hat diese WĂ€rmelieferung allerdings einen Nachteil: Wie die Heizkostenabrechnung am Jahresende aussieht, ist ungewiss. Anfragen bei der Hausverwaltung ergeben, dass ein aktueller Kilowattstundenpreis nicht mitgeteilt werden könne. Die Kalkulation, so Ramelsberger, erfolge zur Jahresabrechnung nach einem Index, der Variablen enthĂ€lt: Kosten fĂŒr Instandhaltung, Wartung und Betrieb der Heizanlage; Stundenlöhne der Handwerker. Die Nachfrage bei den Stadtwerken ergibt, dass die Kilowattstundenpreisen branchenĂŒblich bei 8 bis 11 Cent liege.

In der Preisabgabeverordnung steht: „Wer Verbrauchern (...) ElektrizitĂ€t, Gas, FernwĂ€rme oder Wasser leitungsgebunden anbietet oder als Anbieter dieser Waren gegenĂŒber Verbrauchern unter Angabe von Preisen wirbt, hat den verbrauchsabhĂ€ngigen Preis je Mengeneinheit (...) anzugeben. Als Mengeneinheit fĂŒr den Arbeitspreis bei ElektrizitĂ€t, Gas und FernwĂ€rme ist 1 Kilowattstunde zu verwenden.“

Mit einer Investition von etwa 80 Euro je Heizkörper kann jeder Mieter seine jĂ€hrlichen Heizkosten senken. Mit digitalen Thermostaten, beispielsweise eingebunden in die Fritz-Box, lassen sich RĂ€ume individuell und stundengenau heizen, je nach Bedarf. Wir haben die Temperatur bei Abwesenheit auf 16 bis 17 Grad gesenkt, sonst 20 bis 21 Grad. Jedes Grad weniger spart etwa sechs Prozent der Heizkosten. Unser Testbetrieb ergab, dass sich die Investition in diese Technik in spĂ€testens drei Jahren ausbezahlt hat. Die Ersparnis pro Heizkörper, so unsere Erfahrungen seit 2019, liegen bei 30 bis 40 Euro im Jahr.

Die Leute am Land sind bei der Sonnenenergie Privilegierte. Sie haben Garagen, GartenhĂŒtten und HausdĂ€cher, kein Denkmalschutz, also alle Möglichkeiten, sich selbst mit Photovoltaik auszurĂŒsten. Strom fĂŒr den Eigenbedarf zu erzeugen, wird umso lohnender, je höher die Strompreise steigen. Speicherbatterien sorgen dafĂŒr, dass StromĂŒberschuss am Tag nicht ins Netz verloren geht und das Haus nach Sonnenuntergang speist. Sie sind leider noch zu teuer und verhindern, dass sich die Investition in weniger als zehn Jahren amortisiert. In unserem Elektroauto kostet die Batterie etwa 180 Euro je Kilowattstunde, die gĂŒnstigste Hausspeicherbatterie kostet etwa das Doppelte. Sie sind Bausteine fĂŒr ein gutes Gewissen und steigern die Autarkie. Wer ein Elektroauto fĂ€hrt, das tagsĂŒber Zuhause steht, kann hier den Überschuss nutzen.

Wie soll der Gasausstieg gehen? Im europĂ€ischen Vergleich habe Deutschland das bestausgebaute Leitungsnetz, sagte Klimaforscher Schellnhuber an der Uni. Seine Vision: Diese Netze und ihre Speicher könnten weiterhin genutzt werden, wenn ein regenerativ erzeugtes Gas das Erdgas ersetzte. Stadtwerkechef Horn, nach einem Ausstiegszenario gefragt, ließ erkennen, dass sich die Verantwortlichen bis heute ĂŒber diesen Schritt keine bis wenig Gedanken machen.

Aus: BĂŒrgerblick 150 / November 2021