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Der Coronaschutz-Lockerer wider Willen hat in eigener Sache einen Rückzieher gemacht: Gesundheitsminister Lauterbach heute bei der Pressekonferenz. (Quelle: BR24)
Pandemiepolitik

Minister Lauterbach besinnt sich: QuarantÀne wird freiwillig, Isolation bleibt Pflicht

Die Medien und Öffentlichkeit sind seit heute in der Pandemie erstmals zu einer korrekten Sprache gezwungen, zu unterscheiden zwischen Isolation und QuarantĂ€ne. Vorher war die Kontaktsperre fĂŒr Ansteckende, Erkrankten und all denjenigen, die mit den Genannten engen Kontakt hatten, pauschal als „QuarantĂ€ne“ bezeichnet worden. 

Die Unterscheidung ist unumgĂ€nglich, um die kĂŒnftigen Coronaschutzmaßnahmen zu verstehen: 

  • Wer mit Ansteckenden oder Erkrankten engen Kontakt hatte, der entscheidet kĂŒnftig eigenverantwortlich, ob er andere schĂŒtzt und sich freiwillig in QuarantĂ€ne begibt.
  • Wer sich angesteckt hat, bleibt verpflichtet, sich in seinen vier WĂ€nden zu isolieren. Er kann sich nach fĂŒnf Tagen freitesten.

Ansteckende und Erkrankte unterliegen - wie bei allen sich ausbreitenden gefĂ€hrlichen Krankheiten – also auch fortan der Meldepflicht beim Gesundheitsamt. Dazu hatte es kurz eine Irritation gegeben, die der Gesundheitsminister selbst geschaffen hat. 

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat gestern Abend in der „Talk Show“ von Markus Lanz und spĂ€ter, frĂŒh um halb 3 auf Twitter, einen Fehler eingestanden: Er habe das „psychologisch falsche Signal“ gesetzt. Er hatte angekĂŒndigt, dass sich Erkrankte und Ansteckende eigenverantwortlich in Isolation begeben sollten. Corona, die grĂ¶ĂŸte Seuche der Neuzeit, wĂ€re damit außerhalb der Kontrolle der Gesundheitsbehörden? Als sich Wissenschaft und Twitter-Blase, fast eine Million Menschen folgen ihm, mit UnverstĂ€ndnis und Empörung meldeten, wĂ€gte er die angekĂŒndigte Regelung neu ab und kassierte sie ein.

Lauterbach wollte mit der Isolation in Eigenverantwortung seine Behörden, die GesundheitsĂ€mter entlasten, als Lockerung sei sie nicht zu sehen, erklĂ€rte er. Denn an seiner Beurteilung hat sich nichts geĂ€ndert: Corona ist keine harmlose ErkĂ€ltung, sondern eine ernstzunehmende hoch ansteckende Krankheit. 

Die Todeszahlen steigen: Heute werden vom Robert-Koch-Institut 340 Corona-Tote gemeldet. Sie werden ohne Reaktionen hingenommen, weil das Gesundheitssystem, die Intensivstationen in den KrankenhĂ€usern, nicht ĂŒberlastet sind. Entspannt ist die Lage nicht wirklich: In den Isolierstationen der KrankenhĂ€user erreichten und erreichen die Zahlen der Patienten zeitweise Dreiviertel des Höchststandes der Pandemie. Im Passauer Klinikum sind sie heute von zuletzt 74 auf 68 gesunken, auf der Intensivstation jedoch erhöht: von drei auf vier Corona-Patienten, davon zwei beatmet, vorher keiner. Im Klinikum, dies kommt erschwerend hinzu, sind, Stand heute, 72 BeschĂ€ftigte wegen Corona ausgefallen. Der Höchststand lag hier bei 170 vor gut drei Wochen.

SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat in der Ampelkoalition einen schweren Stand. Vom „Freiheitsdrang“ des FDP-Justizministers Marco Buschmann wurde er zuletzt immer wieder in Zugzwang gebracht, Lockerungen zuzustimmen, wie etwa die Maskenpflicht. Andernfalls, so habe ihn Buschmann aufgeklĂ€rt, drohten erfolgreiche Klagen, denn das Gesundheitssystem sei nicht mehr gefĂ€hrdet.

Die GesundheitsĂ€mter sind angesichts der hohen Inzidenzzahlen wie so oft ĂŒberlastet. Deren Mitwirkende haben den Überblick verloren, kommen den positiv Getesteten nicht hinterher. Dies hat Lauterbach wohl zu seinem Fehlgriff motiviert. Der letzte Sommer ist erneut nicht genutzt worden, diese Behörden besser aufzustellen. Sie wurden unterstĂŒtzt von BundeswehrkrĂ€ften, die mittlerweile abgezogen worden sind, weil sie in Osteuropa dringender gebraucht werden. Die GesundheitsĂ€mter, auch diese Kritik ist zutreffend, kamen in der Digitalisierung nicht voran. Dass die Betroffenen mittlerweile nicht nur per Briefpost, sondern vorab per SMS angeschrieben werden, vermeldete beispielsweise das fĂŒr Stadt und Landkreis Passau zustĂ€ndige Gesundheitsamt in FĂŒrstenzell als Erfolg.

VernĂŒnftiger als die Politik zeigen sich viele Menschen. Blick in die SupermĂ€rkte: Der Großteil trĂ€gt beim Einkaufen Maske, wenn es eng wird. Blick in die Gastronomie: Manche Restaurants verlĂ€ngern die 3-G-Pflicht. Sie zĂ€hlen wohl darauf, dass sich hier die Umsichtigen und Vorsichtigen, welche die Mehrheit stellen, wohler fĂŒhlen. In den Schulklassen: Ein Großteil der Schulpflichtigen trĂ€gt die Maske freiwillig. Die JĂŒngeren gehen den Älteren mitunter als Vorbild voran.

Im Bundestag meckert heute die AfD ĂŒber die beibehaltene Maskenpflicht im Saal - und muss sich von der PrĂ€sidentin zum Hausrecht belehren lassen. Durch das Hausrecht kann in Betrieben und Behörden, in GebĂ€uden öffentlicher und privater Dienstleister geregelt werden, welche Schutzmaßnahmen gelten.

Die Impfpflicht ab 60 ist Lauterbachs „Kompromiss“ und Versuch, auch diejenigen im Bundestag einzufangen, die einer verpflichtenden Schutzimpfung ab 18 oder 50 skeptisch gegenĂŒberstehen. Sein schlagkrĂ€ftiges Argument: 90 Prozent der Corona-TodesfĂ€lle betreffen die ĂŒber 60-JĂ€hrigen, da könne sich keiner der Pflicht entziehen, diese Altersgruppe zu schĂŒtzen. Morgen wird abgestimmt.

Was ebenso unangenehm auffĂ€llt: Die vernĂŒnftige Haltung der (im Netz schweigenden) Mehrheit der Menschen wird in der Corona-Berichterstattung der Medien oft ĂŒbersehen. Sie spiegelt sich allenfalls in reprĂ€sentativen Umfragen wider. In der aktuellen Berichterstattung fischen sich Redakteurinnen und Redakteure gerne Stimmen aus dem Netz, verbreiten harsche Kommentare Einzelner als „öffentliche Meinung“. In Wahrheit vermitteln sie ein verzerrtes Meinungsbild. Selbst seriöse Medien wie der Bayerische Rundfunk werden zu Echokammern der Lauten und Empörten. 

hud