Mittwoch, 16. Juni 2021
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Bayern >> Mittwoch, 05. Mai 21

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Der Altstädter Tobias, 19, hat aus dem Netz von der neuen Aktion der Baumbesetzer erfahren, serviert ihnen Käsekuchen. (Foto: mediendenk)
Passauer Baumbesetzungen

KĂ€sekuchen von Tobias, Ultimatum von der Stadt

Es ist vielleicht der schönste Tag des Jahres: Passau hat mit einer Inzidenz unter 50 als einsames Fleckchen auf der RKI-Corona-Karte von Rot auf Gelb gewechselt und Tobias, ein 19-jĂ€hriger AltstĂ€dter, bringt den Klimarettern in den BĂ€umen am Passauer Dreiflusseck KĂ€sekuchen. "Ich muss die unterstĂŒtzen!"

Nachtrag:
Um 15 Uhr hat die Stadt entschieden (Pressemitteilung) und ein Ultimatum gestellt: Die besetzten BĂ€ume mĂŒssen verlassen werden, sonst werde ein Zwangsgeld fĂ€llig, die ZwangsrĂ€umung durchgefĂŒhrt. Man biete "alternative BĂ€ume" zur Besetzung oder als Versammlungsort am Boden die Ortsspitze an. Die besetzte Schwarzpappel stehe unter Naturschutz, die schmĂ€chtigere Akazie* sei vom Hochwasser geschĂ€digt und dĂŒrfe nicht belastet werden, heißt es sinngemĂ€ĂŸ. Das Ultimatum lĂ€uft um 15.30 Uhr ab, gerĂ€umt werde um 16.30 Uhr. In einem Nachtrag sind die Uhrzeiten um eine halbe Stunde nach hinten verschoben worden.

Nach langen Verhandlungen, die Leiter der Polizeiinspektion fĂŒhren sie geduldig, packen die Baumbesitzerinnen ihre Sachen zusammen, um 18 Uhr seilt sich die erste Aktivistin ab. Als Alternative sind BĂ€ume in der Altstadt, am Römerplatz und am Waisenhaus angeboten worden.

Bericht davor:
Acht Grad Lufttemperatur, von 9.30 bis 11 Uhr hat es geregnet. Die Baumhauscamperinnen sitzen warm eingepackt auf hĂ€ngenden Euro-Paletten unter Zeltplanen. Eine BR-Reporterin streckt einer von ihnen an einer langen Stativstange ein Mikrofon entgegen. „Das habe ich mir als Abstandhalter fĂŒr Corona gekauft“, sagt sie. Jetzt erweist es sich als praktisch fĂŒr die neue Zeit der Baumbesetzungen.

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Zwei BĂ€ume an der Ortspitze, eine Akazie und eine Schwarzpappel, haben die Aktivistinnen und Aktivisten der Bewegung "Fridays for Future" besetzt. Zwei Streifenwagenbesetzungen halten die Stellung. (Foto: mediendenk)
Seit den Mittagsstunden beraten Vertreter der Stadt und der Polizei, wie bei den neuen Baumbesetzungen weiter vorgegangen werden soll. Ein Ergebnis wird nicht vor 15 Uhr erwartet. PolizeikrĂ€fte haben die Versammlung der SolidaritĂ€tsdemo aufgelöst. Es dĂŒrfen nur mehr FußgĂ€nger passieren. In den beiden BaumhĂ€uschen harren jeweils zwei Aktivistinnen aus.

Einen weiteren SEK-Einsatz mag sich wohl keiner vorstellen, wobei die Lage dieselbe wie gestern ist: Einer der zwei besetzten BĂ€ume, der mĂ€chtigere, ist eine als Naturdenkmal ausgewiesene Schwarzpappel oder, der fĂŒr die Domstadt passendere Name, „Rosenkranzpappel.“ Die Baumbesetzerinnen gegenĂŒber haben sich eine Akazie* ausgesucht.

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Die Stadtansicht an der Passauer Ortsspitze hat sich verwandelt: Das Niederhaus wird flankiert von zwei BaumhÀuschen. Presse und Polizei beobachten die Lage. (Foto: mediendenk)
Die Sprecherin im BaumhĂ€uschen wiederholt fĂŒr den Bayerischen Rundfunk die Forderungen der Klimabewegung. Man erwarte nicht, dass Politiker vorbeikommen und mit ihnen reden, sondern handeln. Sie könnten sich beispielsweise im Sinne des Klimaschutzes im Dialogforum einbringen.

Das Dialogforum ist ein Gremium, dass sich seit MĂ€rz 2018 ergebnislos mit dem Thema Nordtangente, einer umstrittenen Stadtumfahrung befasst. Auf der offiziellen Internetseite ist unter „Leitung“ der seit MĂ€rz 2020 nicht mehr amtierende „Landrat Franz Meyer“ genannt. Es geht offenbar nichts voran.

Wegen des zu erwartenden Medieninteresses am Dreiflusseck ist aus Straubing extra ein Pressesprecher der Polizeidirektion angereist. Er hat trotz der kĂŒhlen Temperaturen den Motor seines muskatbraun-metallicfarbenen VW-Busses ausgeschaltet. Eine Anspielung auf sein vorbildliches Verhalten - seine Kollegen von der Polizeiinspektion, die ein paar Schritte weiter fĂŒr warme FĂŒĂŸe ihren Verbrenner stundenlang laufen lassen - kommentiert er scherzhaft: Er wolle nicht riskieren, dass ihm die KlimaschĂŒtzer "etwas aufs Dach schmeißen".

Passau, die Provinzmetropole, atmet auf in der Pandemie. Die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger erleben an diesem 9. Mai den ersten Tag mit Inzidenz unter 50 nach mehr als sechs Monaten. Ausgangssperre und Alkoholverbote fallen, die Maskenpflicht im Freien ist bis auf bestimmte PlĂ€tze aufgehoben, nĂ€chste Woche könnte die Freiluftgastronomie öffnen.

WĂ€hrend die Corona-Pandemie abklingt, schwillt in diesem FrĂŒhling die Stimme der jungen Klimabewegung an. Das Medieninteresse ist ihr sicher: Die Baumbesetzer haben einen festen Platz in der Nachrichtenschleife von „B5 aktuell“ und die PNP pflegt einen Liveticker.

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Eines der beiden BaumbesetzerpÀrchen hat sich erneut ein Naturdenkmal ausgesucht: eine Schwarzpappel, die am nordwestlichen Ende der Ortsspitze aufragt. (Foto: mediendenk)
In der Wortwahl haben sich manche vergriffen. Verkehrsminister Andreas Scheuer nennt die jungen Klimaretter heute in der Lokalpresse „Extremisten“. Die Zeitung selbst lĂ€sst in ihrem Bericht die Friedfertigen „wieder zuschlagen.“ Wer in diesen Zeiten die Menschen zusammenbringen und nicht weiter spalten will, sollte jedes Wort auf die Waagschale legen. Das ist es wert.

Gegenrede: Wie Satire-Aktivist Karl-Heinz Hasenöhrl, der BĂŒrgerblick-Kolumnist „Passauer Tölpel“, die Lage sieht, lesen Sie hier:

*Baumkunde: Akazie und Robinie ("falsche Akazie") werden oft verwechselt. Die Stadt hat mit ihrem Ultimatum/ Pressemitteilung an die Baumbesetzer aufgeklĂ€rt, dass es sich um keine Robinie, sondern eine Akazie handelt.      

 
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