Samstag, 31. Oktober 2020
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Printmagazin >> Donnerstag, 08. Oktober 20

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Ulrich Bartosch (*1960) aus Regensburg war zuletzt Professer an der katholischen Universität Eichstätt. Seit 1. April ist er neuer Präsident der Uni Passau. (Foto: T. Köhler)
Uni-Präsident Bartosch im Gespräch

Es ist Neuland f√ľr alle

Am 2. November starten an der Uni Passau die Vorlesungen zum Wintersemester, viele davon weiterhin als Onlineveranstaltungen. Zum Amtsantritt im vergangenen April sprachen wir mit dem neuen Uni-Pr√§sidenten Ulrich Bartosch unter anderem √ľber dieses Thema. Er sieht im Ausnahmezustand Chancen: das Potenzial der "elektrischen" Lehre.

Ein Amtsantritt auf einem leeren Campus. F√ľhlen Sie sich wie ein Wirt im Restaurant ohne G√§ste?

So ganz leer ist er nicht. Es gibt hier tapfere Leute, die jeden Tag ihren Dienst machen. Ein gro√üer Teil, sicher mehr als die H√§lfte, arbeitet dank der guten technischen Vorbereitung der Uni im Homeoffice. Es war ja nicht geplant, dass die Pandemie kommt, aber man war sehr schnell sehr flexibel, das fand ich schon sehr beeindruckend. Das Semester startet ‚Äěnormal‚Äú, aber virtuell, und da kann man schon mit Fug und Recht sagen, dass viel Anstrengung, Engagement und Know-how dahinterstecken.

Gelingt dieses Semester der Startschuss f√ľr die ‚Äědigitale Revolution‚Äú?

Das sind zwei verschiedene Sachen. Zum einen die ganze Verwaltung, die k√∂nnte man nicht in zwei Tagen vorbereiten. Das ist schon l√§nger auf dem Weg. Geplant war der komplette Wechsel zuerst nicht, aber es hat technisch funktioniert. Zum anderen die Umstellung ‚ÄěLehre auf Bildschirm‚Äú. Der Krisenstab unter der Leitung vom Kanzler ist schon einige Wochen unterwegs. Ich hatte die M√∂glichkeit, im Vorfeld meines Amtsantritts schon mal dabei zu sein. Das war ja alles elektrisch! Also wenn ich elektrisch sage, meine ich elektronisch, das sage ich immer so. Nicht, dass Sie meinen, ich bin total bescheuert. Ich habe es mir angew√∂hnt, es so zu benennen.

Wie sieht der Tag eines Präsidenten im Lockdown aus?

Ziemlich voll. Die meiste Zeit l√§uft eine Konferenz nach der anderen ‚Äď am Bildschirm und zum Teil am Telefon.

Das hei√üt, Sie f√ľhren l√§nger Telefonate als fr√ľher?

Grundsätzlich, auf mein ganzes Leben bezogen, auf jeden Fall, ja klar. Mit meiner Mutter zum Beispiel, weil ich die ja gar nicht sehen kann.

Wie konsequent halten Sie die Kontaktsperre ein?

Zu meiner Mutter vollständig, das tut richtig weh. Die ist fast 93 und lebt in Regensburg. Sie hat eine Betreuung, das geht nicht anders. Bis auf den Umzug nach Passau, den es zu organisieren galt, haben wir die Sperre sehr konsequent eingehalten.

Sie sind mitten in der Pandemie umgezogen?

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Also da war kein Vertun. Klar, wir haben uns mit Masken ausgestattet. Aber zeitweise waren sieben Leute in unserer Wohnung, und so groß ist die nicht, dass du da zwei Meter Abstand halten kannst. Es ist aber niemand krank geworden. Und da unsere Technik hauptsächlich von meinem Sohn betreut wird, mussten wir ihn irgendwann kurz einbestellen. Der studiert Informatik in Deggendorf und ist sehr versiert. Das war allerdings kein privates Treffen, sondern schlichtweg ein Hilferuf. Ohne Internet wäre ich aufgeschmissen.

Sie sind Mitglied in der ‚ÄěVereinigung Deutscher Wissenschaftler‚Äú. Um welche Themen geht es gerade?

Im Sommer war ein Aktionstag in Passau geplant zum √∂kologischen Umbau und zur Klimagef√§hrdung. Der wird nun virtuell stattfinden. Ich bin der VDW als Beiratsvorsitzender zwar sehr verbunden, aber die letzten Wochen war ich derart eingespannt, dass ich mich wenig einbringen konnte. Ich habe jetzt angeregt, einen Diskurs zur Lage √ľber Videokonferenzen zu f√ľhren.

Das Thema √∂kologischer Umbau verkn√ľpfen viele mit aktuellen Erfahrungen in der Corona-Krise.

Es gibt viele Dinge, die einem bei der Pandemie durch den Kopf gehen, oder? Nicht nur als Pr√§sident, auch als Zeitgenosse. Ich beobachte eine unglaubliche Priorit√§t der Politik. Wir sehen politische Entscheidungen, die ganz eindeutig in Richtung Leben und Gesundheit gehen, und da bin ich dankbar daf√ľr. Es gibt ohne Zweifel politische Ma√ünahmen, √ľber die man streiten kann, der komplette Stillstand und die Schlie√üung der Kirchen etwa. Aber die Politik hat die Steuerung in einer Krisensituation √ľbernommen und operiert sehr konsequent und eindeutig in Richtung Leben und Sicherung der medizinischen Grundversorgung. Und das finde ich beachtlich. Es gibt einige L√§nder auf dieser Welt, die sich anders verhalten.

Die Politik orientiert sich so stark wie noch nie an der Wissenschaft.

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Interview mit Abstand.
Das ist der zweite Punkt, den wir derzeit beobachten k√∂nnen. Die Wissenschaft, vor allem nat√ľrlich die Naturwissenschaft und Medizin, r√ľckt in den Fokus. Sie hat in einer Phase, in der wir uns in den letzten Monaten mit Fake News und Fake Science auseinandersetzen mussten, pl√∂tzlich wieder einen unglaublichen Stellenwert. Auf einmal stehen da Personen im √∂ffentlichen Raum, die manche von uns nicht kannten, die jetzt aber eine unglaubliche Reputation haben. Virologen wie Christian Drosten, die sehr pr√§sent und teilweise sogar prominent sind. Das ist doch wirklich eine unglaubliche Ver√§nderung. Dass Wissenschaft in dieser Form eine Orientierung gegeben hat, haben wir lange nicht gehabt. Was ich wichtig und spannend finde, ist, wie sich die Wissenschaft mit ihrer Fachlichkeit positioniert. Herr Drosten ist jemand, der sich nicht scheut, √Ąnderungen seiner Einsch√§tzung zu diskutieren, zu unterscheiden zwischen sicherem Wissen und Vermutung, zwischen Empfehlung und wissenschaftlicher Aussage. Die Wissenschaft hat sich jetzt zu bew√§hren und das Primat, die Vormacht der Politik, zu akzeptieren.

Also machen Wissenschaft und Politik derzeit alles richtig?

Mir hat sehr imponiert, wie unaufgeregt zum Beispiel der Bericht der Leopoldina (Anm. d. Red.: die √§lteste naturwissenschaftlich- medizinische Gelehrtengesellschaft) pr√§sentiert wurde. Zu sagen: ‚ÄěHier ist unser wissenschaftlicher Diskurs, in einem halben Jahr wissen wir mehr, jetzt m√ľsst ihr handeln und das w√§ren unsere Empfehlung, aber die Entscheidung liegt bei euch.‚Äú Und eine wissenschaftliche Empfehlung ist eben von der Abw√§gung her keine politische. Das sind f√ľr mich zwei gro√üe Beobachtungen: das Primat des Politischen und die besondere Position der Wissenschaft bis hin zur Renaissance, Wissenschaft als L√∂sung der Probleme zu sehen. Dass die Wissenschaft nicht nur als Basis f√ľr schwierige, auch technische Entwicklungen gesehen wird, sondern auch als M√∂glichkeit, die wir Menschen haben, um uns aus dem Sumpf zu ziehen, das finde ich eine sehr wichtige Entwicklung. Ich m√∂chte, dass wir uns da mit unserer wunderbaren Universit√§t anschlie√üen.

Könnte die virtuelle Lehre Präsenzveranstaltungen in Zukunft ersetzen?

Das steht √ľberhaupt nicht zur Debatte. Es ist v√∂llig ausgeschlossen, dass diese Breite und Vollst√§ndigkeit der Umsetzung in den virtuellen Raum w√ľnschenswert w√§re, eine Zielsetzung oder auch nur realistisch. Ich sehe mich und alle anderen gerade in der Verantwortung, den Menschen zu vermitteln, dass es um Leben und Tod geht. Dass Corona kein Spa√ü ist. Dass es kein Pseudoevent ist. Es ist ja gut, wenn wir das selber f√ľr uns nicht sp√ľren. Es w√§re f√ľrchterlich, wenn wir jeden Tag √§ngstlich aus dem Haus gehen w√ľrden. Aber um unsere Familien und Freunde k√∂nnen wir schon f√ľrchten. Ich habe zwischenzeitlich schon Menschen verloren, die teilweise in hohem Alter waren. Aus dem wissenschaftlichen Bereich zum Beispiel. Leute, die vor kurzem noch frisch und munter waren und nun verstorben sind. Und es gibt viele, viele andere vulnerable Gruppen, die nicht unbedingt 90 Jahre alt sein m√ľssen. Das m√ľssen wir begreifen.

Wie machen Sie den Studenten die Notwendigkeit der Restriktionen klar?

Wir k√∂nnen blo√ü versuchen, das genauso zu transportieren. Es gibt gerade eine gro√üe Diskussion, wann die Bibliotheken wieder √∂ffnen. Es gibt die M√∂glichkeiten, das moderat und vorsichtig zu tun. Wir werden den Ausleihbetrieb und den Scan-Service st√§rken, also alles, was die Verf√ľgbarmachung von Literatur auf dem Online-Weg betrifft. Und es wird eine Ausleihm√∂glichkeit f√ľr Studenten geben, die kurz vor dem Abschluss stehen. Aber keinesfalls eine komplette √Ėffnung. Ich m√∂chte nicht mitverantwortlich sein, wenn wir hier Jubel, Trubel, Heiterkeit haben, und anschlie√üend schauen wir in die Zeitung und sehen die Infiziertenzahlen hochschnellen.

Wie erhalten Studenten den Online-Zugriff auf die Literatur?

Wir m√ľssen den Zugriff erst herstellen, das braucht Zeit, aber ich glaube, wir sind ziemlich gut dabei. Derzeit ist ein erweiterter Ausleihbetrieb geplant. Also wenn Sie jetzt an Ihrer Doktorarbeit sitzen, dann melden Sie sich im System an und kriegen einen Termin. Und dann k√∂nnen Sie f√ľr eine bestimmte Zeit mit dem Bibliothekar, wie am Postschalter, entweder vorbestellte oder neue Literatur erg√§nzen. Was wir verhindern m√ľssen, ist, den Studenten zu kommunizieren ‚ÄěKommt alle wieder nach Passau, es ist nett hier!‚Äú Das ist das Schlimmste, was wir machen k√∂nnen. Wenn ich dieses Signal gebe, kommen tausend Leute her, die Zahl der Infizierten steigt wom√∂glich, und wir haben hier das gro√üe Viren-Revival.

Wie lang hält ein Bildungsbetrieb den fehlenden persönlichen Kontakt aus?

Also von der Beziehungsarbeit her kann ich das noch nicht beantworten. Ich bin mir aber sicher, dass wir das Semester in dieser Richtung locker wegstecken. Meine S√∂hne sind damals auch in die Welt hinaus und wir haben uns nur √ľber Skype getroffen und sind als Familie nicht zerbrochen. Also bleiben wir mal auf dem Teppich, wir sind in einem ganz anderen Zeitalter. Das Hardcore-Problem sind die Pr√ľfungen.

Pr√ľfungen auf Distanz lassen sich wohl schwer umsetzen. Geht es um die fehlende Kontrolle?

Es gibt zwar Arbeitsgruppen, die sich damit befassen, aber f√ľr die Klausuren l√§sst sich noch keine Online-Umsetzung finden, die alle Kriterien erf√ľllt. Es muss gleichwertig, chancengleich und rechtssicher sein. Der andere Aspekt ist, dass man sich m√∂glichst weit entfernen m√ľsste von der bisherigen Form der Pr√ľfung. Ich h√§tte kein Problem damit, es √ľber ein Online-Medium zu gestalten, nur daf√ľr m√ľssten alle einverstanden sein.

Wie s√§he es rechtlich f√ľr solche Online-Pr√ľfungen aus?

Der erste Referenzpunkt ist zun√§chst das Bayerische Hochschulgesetz. Wir haben offensichtlich noch keine Routine, was Online-Pr√ľfungen betrifft, wie viele andere Hochschulen auch. Dass es andere Pr√ľfungsformen mit hochtechnischen Verifikationssystemen gibt, ist mir klar. Aber damit kommen wir in Bereiche, in denen wir absolute Spezialisten f√ľr die Beurteilung und Realisierung brauchen. Und: Online- Pr√ľfungen sind nie zu hundert Prozent sicher.

Die Uni hat sich bei der Bildschirmlehre f√ľr die private US-Plattform ‚ÄěZoom‚Äú entschieden.

Wenn wir ‚ÄěZoom‚Äú einsetzen, dann nicht, um irgendwelchen amerikanischen Firmen Schleusen zu √∂ffnen, sondern weil wir nach M√∂glichkeiten suchten, die Kontakte zu beschr√§nken. Nur darum geht es. Wir h√§tten nat√ľrlich auch sagen k√∂nnen, dass es diesen Sommer kein Semester geben wird. Aber was w√ľrde das bedeuten? Wir haben alle die Verpflichtung, das Leben und ebenso die Universit√§ten nicht nur aus √∂konomischen, sondern auch aus gesellschaftlichen Gr√ľnden am Laufen zu halten. Es geht darum, dass wir funktionieren, dass wir die Krise √ľberstehen und miteinander da durchkommen. Wir hatten im Vorfeld schon ein paar Versuchsl√§ufe mit ‚ÄěZoom‚Äú und dort hat alles funktioniert. Es geht wirklich darum, wer die Datenmengen schultern kann. Und das h√§tte die Universit√§t aus eigener Kraft nicht l√∂sen k√∂nnen. Das hei√üt nicht, Hauptsache, es l√§uft, sondern wenn es l√§uft, m√ľssen wir miteinander kritisch schauen, was wir wollen. Wir haben jetzt einen Diskurs mit den zwei Datenschutzbeauftragten des Studierendenparlaments. Denen habe ich gesagt, dass wir ‚ÄěZoom‚Äú jetzt f√ľr ein Jahr eingekauft haben und das Ganze genau beobachten m√ľssen. Ich m√∂chte, dass wir so kritisch wie m√∂glich da drauf schauen. Und wenn ich der Meinung bin, wir verkaufen unsere Seele, dann w√ľrde ich das nicht machen.

Viele sehen in der Krise eine Chance zum Umbruch. Wie könnte der an der Universität aussehen?

Im Zweifelsfall lernen wir jetzt etwas f√ľr die Zeit nach der Krise und k√∂nnen einsch√§tzen, wie sehr uns digitale Lehre vielleicht hilft. Ich mache seit 2003 Online-Lehre. Ich bin einer der ersten in der virtuellen Hochschule Bayern gewesen und gebe bis heute Online-Seminare. F√ľr mich war auch immer ein Punkt zu schauen, wie viel man online anbieten will, um damit Spielr√§ume f√ľr zeitintensivere Veranstaltungen zu gewinnen. Zum Beispiel w√§re es ertr√§glich f√ľr mich, wenn ich meine gro√üe Einf√ľhrungsveranstaltung dauerhaft online anbieten w√ľrde. Daf√ľr h√§tte ich dann mehr Zeit f√ľr entsprechend intensivere Seminare mit Exkursionen. Jetzt machen alle ihre Erfahrungen und k√∂nnen sp√§ter damit umgehen und sagen, ob sie es gerne weiterf√ľhren m√∂chten oder nicht. Ich glaube, dass der gro√üe Teil froh ist, wenn er wieder im Seminarraum ist. Die gro√üen Vorlesungen werden h√§ufig von beiden Seiten missachtet. Ich habe es immer wieder genossen, in einem gro√üen Saal zu sein, sowohl als Student als auch als Dozent. Ich will blo√ü nicht, dass die Leute das Gef√ľhl haben, sie werden sozusagen von hinten durch die Brust ins Auge in die digitale Lehre geschoben. Die Form der Lehre ist eine wichtige Entscheidung f√ľr die Dozenten.

Wie lange kann die Universität die derzeitige Situation aushalten?

Es gibt ja Bef√ľrchtungen, dass wir zum Wintersemester erneut eine steigende Kurve der Corona-F√§lle beobachten k√∂nnen. Das w√§re nat√ľrlich nicht lustig. Es sieht allerdings auch nicht so aus, als dass wir im Juli hier Beachvolleyball veranstalten. Aber wer wei√ü das schon?

Wie ist Online-Lehre aus Sicht der Studierenden?

Ich glaube, die Lerntypen sind sehr unterschiedlich. Der eine genie√üt es, sich das Zeug holen zu k√∂nnen, wann er will, und nicht unbedingt um 8 Uhr in der Vorlesung sein zu m√ľssen. Andere leiden, weil sie auf die sozialen Kontakte und vielleicht auch auf den Schub von anderen angewiesen sind. Es gibt viele Initiativen und wir m√ľssen schauen, dass wir die im Semester noch mehr hochziehen.

Und wie ist die Situation f√ľr Sie pers√∂nlich?

Mir kommt es ganz und gar nicht so vor, als ob ich in einen entschleunigten Job reingehe. Der Vorteil ist, die Situation ist f√ľr alle im Moment Neuland. Ich bin nicht der einzige, der sich nicht auskennt.

Erschienen in der Maiausgabe Nr. 135

 
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