Donnerstag, 25. Februar 2021
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Ulrich Bartosch (*1960) aus Regensburg war zuletzt Professer an der katholischen Universität Eichstätt. Seit 1. April ist er neuer Präsident der Uni Passau. (Foto: T. Köhler)
Uni-PrÀsident Bartosch im GesprÀch

Es ist Neuland fĂŒr alle

Am 2. November starten an der Uni Passau die Vorlesungen zum Wintersemester, viele davon weiterhin als Onlineveranstaltungen. Zum Amtsantritt im vergangenen April sprachen wir mit dem neuen Uni-PrĂ€sidenten Ulrich Bartosch unter anderem ĂŒber dieses Thema. Er sieht im Ausnahmezustand Chancen: das Potenzial der "elektrischen" Lehre.

Ein Amtsantritt auf einem leeren Campus. FĂŒhlen Sie sich wie ein Wirt im Restaurant ohne GĂ€ste?

So ganz leer ist er nicht. Es gibt hier tapfere Leute, die jeden Tag ihren Dienst machen. Ein großer Teil, sicher mehr als die HĂ€lfte, arbeitet dank der guten technischen Vorbereitung der Uni im Homeoffice. Es war ja nicht geplant, dass die Pandemie kommt, aber man war sehr schnell sehr flexibel, das fand ich schon sehr beeindruckend. Das Semester startet „normal“, aber virtuell, und da kann man schon mit Fug und Recht sagen, dass viel Anstrengung, Engagement und Know-how dahinterstecken.

Gelingt dieses Semester der Startschuss fĂŒr die „digitale Revolution“?

Das sind zwei verschiedene Sachen. Zum einen die ganze Verwaltung, die könnte man nicht in zwei Tagen vorbereiten. Das ist schon lĂ€nger auf dem Weg. Geplant war der komplette Wechsel zuerst nicht, aber es hat technisch funktioniert. Zum anderen die Umstellung „Lehre auf Bildschirm“. Der Krisenstab unter der Leitung vom Kanzler ist schon einige Wochen unterwegs. Ich hatte die Möglichkeit, im Vorfeld meines Amtsantritts schon mal dabei zu sein. Das war ja alles elektrisch! Also wenn ich elektrisch sage, meine ich elektronisch, das sage ich immer so. Nicht, dass Sie meinen, ich bin total bescheuert. Ich habe es mir angewöhnt, es so zu benennen.

Wie sieht der Tag eines PrÀsidenten im Lockdown aus?

Ziemlich voll. Die meiste Zeit lĂ€uft eine Konferenz nach der anderen – am Bildschirm und zum Teil am Telefon.

Das heißt, Sie fĂŒhren lĂ€nger Telefonate als frĂŒher?

GrundsÀtzlich, auf mein ganzes Leben bezogen, auf jeden Fall, ja klar. Mit meiner Mutter zum Beispiel, weil ich die ja gar nicht sehen kann.

Wie konsequent halten Sie die Kontaktsperre ein?

Zu meiner Mutter vollstÀndig, das tut richtig weh. Die ist fast 93 und lebt in Regensburg. Sie hat eine Betreuung, das geht nicht anders. Bis auf den Umzug nach Passau, den es zu organisieren galt, haben wir die Sperre sehr konsequent eingehalten.

Sie sind mitten in der Pandemie umgezogen?

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Also da war kein Vertun. Klar, wir haben uns mit Masken ausgestattet. Aber zeitweise waren sieben Leute in unserer Wohnung, und so groß ist die nicht, dass du da zwei Meter Abstand halten kannst. Es ist aber niemand krank geworden. Und da unsere Technik hauptsĂ€chlich von meinem Sohn betreut wird, mussten wir ihn irgendwann kurz einbestellen. Der studiert Informatik in Deggendorf und ist sehr versiert. Das war allerdings kein privates Treffen, sondern schlichtweg ein Hilferuf. Ohne Internet wĂ€re ich aufgeschmissen.

Sie sind Mitglied in der „Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“. Um welche Themen geht es gerade?

Im Sommer war ein Aktionstag in Passau geplant zum ökologischen Umbau und zur KlimagefĂ€hrdung. Der wird nun virtuell stattfinden. Ich bin der VDW als Beiratsvorsitzender zwar sehr verbunden, aber die letzten Wochen war ich derart eingespannt, dass ich mich wenig einbringen konnte. Ich habe jetzt angeregt, einen Diskurs zur Lage ĂŒber Videokonferenzen zu fĂŒhren.

Das Thema ökologischer Umbau verknĂŒpfen viele mit aktuellen Erfahrungen in der Corona-Krise.

Es gibt viele Dinge, die einem bei der Pandemie durch den Kopf gehen, oder? Nicht nur als PrĂ€sident, auch als Zeitgenosse. Ich beobachte eine unglaubliche PrioritĂ€t der Politik. Wir sehen politische Entscheidungen, die ganz eindeutig in Richtung Leben und Gesundheit gehen, und da bin ich dankbar dafĂŒr. Es gibt ohne Zweifel politische Maßnahmen, ĂŒber die man streiten kann, der komplette Stillstand und die Schließung der Kirchen etwa. Aber die Politik hat die Steuerung in einer Krisensituation ĂŒbernommen und operiert sehr konsequent und eindeutig in Richtung Leben und Sicherung der medizinischen Grundversorgung. Und das finde ich beachtlich. Es gibt einige LĂ€nder auf dieser Welt, die sich anders verhalten.

Die Politik orientiert sich so stark wie noch nie an der Wissenschaft.

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Interview mit Abstand.
Das ist der zweite Punkt, den wir derzeit beobachten können. Die Wissenschaft, vor allem natĂŒrlich die Naturwissenschaft und Medizin, rĂŒckt in den Fokus. Sie hat in einer Phase, in der wir uns in den letzten Monaten mit Fake News und Fake Science auseinandersetzen mussten, plötzlich wieder einen unglaublichen Stellenwert. Auf einmal stehen da Personen im öffentlichen Raum, die manche von uns nicht kannten, die jetzt aber eine unglaubliche Reputation haben. Virologen wie Christian Drosten, die sehr prĂ€sent und teilweise sogar prominent sind. Das ist doch wirklich eine unglaubliche VerĂ€nderung. Dass Wissenschaft in dieser Form eine Orientierung gegeben hat, haben wir lange nicht gehabt. Was ich wichtig und spannend finde, ist, wie sich die Wissenschaft mit ihrer Fachlichkeit positioniert. Herr Drosten ist jemand, der sich nicht scheut, Änderungen seiner EinschĂ€tzung zu diskutieren, zu unterscheiden zwischen sicherem Wissen und Vermutung, zwischen Empfehlung und wissenschaftlicher Aussage. Die Wissenschaft hat sich jetzt zu bewĂ€hren und das Primat, die Vormacht der Politik, zu akzeptieren.

Also machen Wissenschaft und Politik derzeit alles richtig?

Mir hat sehr imponiert, wie unaufgeregt zum Beispiel der Bericht der Leopoldina (Anm. d. Red.: die Ă€lteste naturwissenschaftlich- medizinische Gelehrtengesellschaft) prĂ€sentiert wurde. Zu sagen: „Hier ist unser wissenschaftlicher Diskurs, in einem halben Jahr wissen wir mehr, jetzt mĂŒsst ihr handeln und das wĂ€ren unsere Empfehlung, aber die Entscheidung liegt bei euch.“ Und eine wissenschaftliche Empfehlung ist eben von der AbwĂ€gung her keine politische. Das sind fĂŒr mich zwei große Beobachtungen: das Primat des Politischen und die besondere Position der Wissenschaft bis hin zur Renaissance, Wissenschaft als Lösung der Probleme zu sehen. Dass die Wissenschaft nicht nur als Basis fĂŒr schwierige, auch technische Entwicklungen gesehen wird, sondern auch als Möglichkeit, die wir Menschen haben, um uns aus dem Sumpf zu ziehen, das finde ich eine sehr wichtige Entwicklung. Ich möchte, dass wir uns da mit unserer wunderbaren UniversitĂ€t anschließen.

Könnte die virtuelle Lehre PrÀsenzveranstaltungen in Zukunft ersetzen?

Das steht ĂŒberhaupt nicht zur Debatte. Es ist völlig ausgeschlossen, dass diese Breite und VollstĂ€ndigkeit der Umsetzung in den virtuellen Raum wĂŒnschenswert wĂ€re, eine Zielsetzung oder auch nur realistisch. Ich sehe mich und alle anderen gerade in der Verantwortung, den Menschen zu vermitteln, dass es um Leben und Tod geht. Dass Corona kein Spaß ist. Dass es kein Pseudoevent ist. Es ist ja gut, wenn wir das selber fĂŒr uns nicht spĂŒren. Es wĂ€re fĂŒrchterlich, wenn wir jeden Tag Ă€ngstlich aus dem Haus gehen wĂŒrden. Aber um unsere Familien und Freunde können wir schon fĂŒrchten. Ich habe zwischenzeitlich schon Menschen verloren, die teilweise in hohem Alter waren. Aus dem wissenschaftlichen Bereich zum Beispiel. Leute, die vor kurzem noch frisch und munter waren und nun verstorben sind. Und es gibt viele, viele andere vulnerable Gruppen, die nicht unbedingt 90 Jahre alt sein mĂŒssen. Das mĂŒssen wir begreifen.

Wie machen Sie den Studenten die Notwendigkeit der Restriktionen klar?

Wir können bloß versuchen, das genauso zu transportieren. Es gibt gerade eine große Diskussion, wann die Bibliotheken wieder öffnen. Es gibt die Möglichkeiten, das moderat und vorsichtig zu tun. Wir werden den Ausleihbetrieb und den Scan-Service stĂ€rken, also alles, was die VerfĂŒgbarmachung von Literatur auf dem Online-Weg betrifft. Und es wird eine Ausleihmöglichkeit fĂŒr Studenten geben, die kurz vor dem Abschluss stehen. Aber keinesfalls eine komplette Öffnung. Ich möchte nicht mitverantwortlich sein, wenn wir hier Jubel, Trubel, Heiterkeit haben, und anschließend schauen wir in die Zeitung und sehen die Infiziertenzahlen hochschnellen.

Wie erhalten Studenten den Online-Zugriff auf die Literatur?

Wir mĂŒssen den Zugriff erst herstellen, das braucht Zeit, aber ich glaube, wir sind ziemlich gut dabei. Derzeit ist ein erweiterter Ausleihbetrieb geplant. Also wenn Sie jetzt an Ihrer Doktorarbeit sitzen, dann melden Sie sich im System an und kriegen einen Termin. Und dann können Sie fĂŒr eine bestimmte Zeit mit dem Bibliothekar, wie am Postschalter, entweder vorbestellte oder neue Literatur ergĂ€nzen. Was wir verhindern mĂŒssen, ist, den Studenten zu kommunizieren „Kommt alle wieder nach Passau, es ist nett hier!“ Das ist das Schlimmste, was wir machen können. Wenn ich dieses Signal gebe, kommen tausend Leute her, die Zahl der Infizierten steigt womöglich, und wir haben hier das große Viren-Revival.

Wie lang hÀlt ein Bildungsbetrieb den fehlenden persönlichen Kontakt aus?

Also von der Beziehungsarbeit her kann ich das noch nicht beantworten. Ich bin mir aber sicher, dass wir das Semester in dieser Richtung locker wegstecken. Meine Söhne sind damals auch in die Welt hinaus und wir haben uns nur ĂŒber Skype getroffen und sind als Familie nicht zerbrochen. Also bleiben wir mal auf dem Teppich, wir sind in einem ganz anderen Zeitalter. Das Hardcore-Problem sind die PrĂŒfungen.

PrĂŒfungen auf Distanz lassen sich wohl schwer umsetzen. Geht es um die fehlende Kontrolle?

Es gibt zwar Arbeitsgruppen, die sich damit befassen, aber fĂŒr die Klausuren lĂ€sst sich noch keine Online-Umsetzung finden, die alle Kriterien erfĂŒllt. Es muss gleichwertig, chancengleich und rechtssicher sein. Der andere Aspekt ist, dass man sich möglichst weit entfernen mĂŒsste von der bisherigen Form der PrĂŒfung. Ich hĂ€tte kein Problem damit, es ĂŒber ein Online-Medium zu gestalten, nur dafĂŒr mĂŒssten alle einverstanden sein.

Wie sĂ€he es rechtlich fĂŒr solche Online-PrĂŒfungen aus?

Der erste Referenzpunkt ist zunĂ€chst das Bayerische Hochschulgesetz. Wir haben offensichtlich noch keine Routine, was Online-PrĂŒfungen betrifft, wie viele andere Hochschulen auch. Dass es andere PrĂŒfungsformen mit hochtechnischen Verifikationssystemen gibt, ist mir klar. Aber damit kommen wir in Bereiche, in denen wir absolute Spezialisten fĂŒr die Beurteilung und Realisierung brauchen. Und: Online- PrĂŒfungen sind nie zu hundert Prozent sicher.

Die Uni hat sich bei der Bildschirmlehre fĂŒr die private US-Plattform „Zoom“ entschieden.

Wenn wir „Zoom“ einsetzen, dann nicht, um irgendwelchen amerikanischen Firmen Schleusen zu öffnen, sondern weil wir nach Möglichkeiten suchten, die Kontakte zu beschrĂ€nken. Nur darum geht es. Wir hĂ€tten natĂŒrlich auch sagen können, dass es diesen Sommer kein Semester geben wird. Aber was wĂŒrde das bedeuten? Wir haben alle die Verpflichtung, das Leben und ebenso die UniversitĂ€ten nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus gesellschaftlichen GrĂŒnden am Laufen zu halten. Es geht darum, dass wir funktionieren, dass wir die Krise ĂŒberstehen und miteinander da durchkommen. Wir hatten im Vorfeld schon ein paar VersuchslĂ€ufe mit „Zoom“ und dort hat alles funktioniert. Es geht wirklich darum, wer die Datenmengen schultern kann. Und das hĂ€tte die UniversitĂ€t aus eigener Kraft nicht lösen können. Das heißt nicht, Hauptsache, es lĂ€uft, sondern wenn es lĂ€uft, mĂŒssen wir miteinander kritisch schauen, was wir wollen. Wir haben jetzt einen Diskurs mit den zwei Datenschutzbeauftragten des Studierendenparlaments. Denen habe ich gesagt, dass wir „Zoom“ jetzt fĂŒr ein Jahr eingekauft haben und das Ganze genau beobachten mĂŒssen. Ich möchte, dass wir so kritisch wie möglich da drauf schauen. Und wenn ich der Meinung bin, wir verkaufen unsere Seele, dann wĂŒrde ich das nicht machen.

Viele sehen in der Krise eine Chance zum Umbruch. Wie könnte der an der UniversitÀt aussehen?

Im Zweifelsfall lernen wir jetzt etwas fĂŒr die Zeit nach der Krise und können einschĂ€tzen, wie sehr uns digitale Lehre vielleicht hilft. Ich mache seit 2003 Online-Lehre. Ich bin einer der ersten in der virtuellen Hochschule Bayern gewesen und gebe bis heute Online-Seminare. FĂŒr mich war auch immer ein Punkt zu schauen, wie viel man online anbieten will, um damit SpielrĂ€ume fĂŒr zeitintensivere Veranstaltungen zu gewinnen. Zum Beispiel wĂ€re es ertrĂ€glich fĂŒr mich, wenn ich meine große EinfĂŒhrungsveranstaltung dauerhaft online anbieten wĂŒrde. DafĂŒr hĂ€tte ich dann mehr Zeit fĂŒr entsprechend intensivere Seminare mit Exkursionen. Jetzt machen alle ihre Erfahrungen und können spĂ€ter damit umgehen und sagen, ob sie es gerne weiterfĂŒhren möchten oder nicht. Ich glaube, dass der große Teil froh ist, wenn er wieder im Seminarraum ist. Die großen Vorlesungen werden hĂ€ufig von beiden Seiten missachtet. Ich habe es immer wieder genossen, in einem großen Saal zu sein, sowohl als Student als auch als Dozent. Ich will bloß nicht, dass die Leute das GefĂŒhl haben, sie werden sozusagen von hinten durch die Brust ins Auge in die digitale Lehre geschoben. Die Form der Lehre ist eine wichtige Entscheidung fĂŒr die Dozenten.

Wie lange kann die UniversitÀt die derzeitige Situation aushalten?

Es gibt ja BefĂŒrchtungen, dass wir zum Wintersemester erneut eine steigende Kurve der Corona-FĂ€lle beobachten können. Das wĂ€re natĂŒrlich nicht lustig. Es sieht allerdings auch nicht so aus, als dass wir im Juli hier Beachvolleyball veranstalten. Aber wer weiß das schon?

Wie ist Online-Lehre aus Sicht der Studierenden?

Ich glaube, die Lerntypen sind sehr unterschiedlich. Der eine genießt es, sich das Zeug holen zu können, wann er will, und nicht unbedingt um 8 Uhr in der Vorlesung sein zu mĂŒssen. Andere leiden, weil sie auf die sozialen Kontakte und vielleicht auch auf den Schub von anderen angewiesen sind. Es gibt viele Initiativen und wir mĂŒssen schauen, dass wir die im Semester noch mehr hochziehen.

Und wie ist die Situation fĂŒr Sie persönlich?

Mir kommt es ganz und gar nicht so vor, als ob ich in einen entschleunigten Job reingehe. Der Vorteil ist, die Situation ist fĂŒr alle im Moment Neuland. Ich bin nicht der einzige, der sich nicht auskennt.

Erschienen in der Maiausgabe Nr. 135

 
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