Montag, 16. Mai 2022
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Brennpunkt >> Freitag, 06. Februar 09

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Dunkle Schatten, lange Gesichter: Die Verlagserbin Simone Tucci-Diekmann erschüttert die PNP mit Hiobsbotschaften.
Chaos statt Konzept

PNP: Noch mehr Redakteure werden gekickt

Jetzt hilft den Kollegen nur noch Galgenhumor oder das Wochenende schön trinken: Fast 20 Prozent der Mitarbeiter sollen im Kerngebiet der „Passauer Neue Presse“ abgebaut werden! Anstelle eines inhaltlichen Konzepts, auf das alle gespannt gewartet hatten, geht es jetzt um betriebsbedingte Kündigungen.

Verlegerin Simone Tucci-Diekmann hat offenbar auf den Brandbrief des Betriebsrates reagiert, der eindringlich mahnte, der Ungewissheit endlich ein Ende zu setzen. Jetzt sind nackte Zahlen bekannt und das Entsetzen groß. Wer auf der „schwarzen Liste“ steht, wird es am Montag erfahren.

Chaos statt Konzept


Über den Stellenabbau kursiert eine interne Mitteilung des Verlages, die davon spricht, nur sechs Prozent des journalistischen Personals würden entlassen. Aber das ist eine geschönte Hochrechnung auf das gesamte Verbreitungsgebiet (rund 140 Redakteure).

Der Stellenabbau betrifft vor allem die Donauwald GmbH, also die Lokalredaktionen in der Region Passau, Bayerwald und dem Bäderdreieck. Und das ziemlich ernsthaft: 7 von 36 Redakteursarbeitsplätzen sollen hier gestrichen werden. „Wie passt das zusammen, dass wir künftig mehr regionale und gut ermittelte Geschichten schreiben sollen?“, fragen sich jetzt viele.

Bekannt wurde auch, wie die Mantelredaktion (Politik, Bayern, Wirtschaft) zusammengefaltet werden soll: Aus 15 mach 9 lautet hier die Vorgabe. Diese Rumpfmannschaft bildet dann den sogenannten Nachrichtentisch. Um dies zu erreichen, werden Zeitverträge nicht mehr verlängert, Stellen abgebaut oder verschoben.

Tränen auf den Gängen


Die Ressortleiter durften heute, früher als geplant, die Einschnitte erfahren. Um 16 Uhr gab es dann eine zweistündige Krisenkonferenz mit der Chefredaktion und danach – wie ein Zeuge berichtet – Tränen auf den Gängen. Aber auch Empörung: Im Gegenzug sollen fünf neue Stellen für Volontäre geschaffen werden. Stellt sich die Frage, welche Redakteure haben dann noch die Zeit, sie auszubilden? Es geht offenbar nur um günstigere Arbeitskräfte.

So schlecht kann es dem „größten bayerischen Zeitungshaus außerhalb der bayerischen Großstädte“ eigentlich nicht gehen: Im Jahre 2007 gab das Unternehmen, das in Deutschland, der Tschechischen Republik, der Slowakischen Republik und Polen tätig ist, den Jahresumsatz mit 456,7 Mio. Euro und die Gesamtauflage der Zeitungen und Zeitschriften mit 10,8 Millionen Exemplaren an.

Für die Mitarbeiter geht der Nervenkrieg weiter. Denn erst am Montag wird Donau-Wald-GmbH-Geschäftsführer Reiner Fürst mit einer Liste von zehn Namen die Redaktionen bereisen und die sozialen Daten der Beschäftigten abfragen. Die Kinderlosen mit den wenigsten Dienstjahren haben die schlechtesten Karten.

Betriebsrat will Beweise

„Ich werde natürlich dabei sein und den Kollegen erklären, dass die vorgesehenen betriebsbedingten Kündigungen ohne jegliche Grundlage sind “, wettert Betriebsratsvorsitzender Reinhard Wilhelm. „Wo sind die Rücklagen der fetten Jahre?“, fragt er süffisant. Es fehlten die Beweise für die angebliche wirtschaftliche Notlage. Seiner Meinung nach geht es nur noch um „Gewinnmaximierung“. Von Krise keine Spur. Die Geschäftsführung habe in den jüngsten Bilanzen stets von Erfolgen gesprochen.

Der Betriebsratsvorsitzende sagte gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, bei den neuen Entlassungen seien auch zwei Kolleginnen dabei, die erst vor wenigen Wochen nach der Zerschlagung der Stadtredaktion vor der Kündigung standen. "Das schlägt dem Fass den Boden aus!" Es betrifft auch MItarbeiter, die mehr als zehn Jahre treu dienten.

Das Anzeigengeschäft scheint durchaus noch akzeptabel zu laufen: Selbst die zum Verlag gehörige Zeitung „Am Sonntag“, bislang ein finanzielles Sorgenkind, schreibt angeblich das erste Mal seit Bestehen schwarze Zahlen. Hier zahlt sich die Monopolstellung des Medienhauses in der Region aus.

Bistumsblatt schreibt Stelle aus

Apropos Anzeigen. Auf ein Inserat, das in der morgigen PNP erscheint, werden sich vielleicht viele verunsicherte PNP-Redakteure bewerben. Das Presseorgan des Bischofs, das „Bistumsblatt“, sucht zu guten Konditionen einen neuen Chefredakteur.

Hintergrund: Der bisherige, Werner Windpassinger, wird ab 1. März die Chefredaktion der PNP verstärken. Eine Personalie, die auch Insidern Rätsel aufgibt. Denn, kritisch betrachtet, hat der lokale Umsteiger vom Kirchenblatt nicht unbedingt das Format des gefeuerten Chefredakteurs Hans Schregelmann. Hier sollen familiäre Bande eine Rolle spielen. Eine Windpassinger-Verwandte wirkte, so meldet der Flurfunk, als Kindermädchen im Hause Diekmann.

Auch Lokalchef Koch geknickt


Einen nicht gerade glücklichen Eindruck macht derzeit der neue Leiter der Stadtredaktion, Boulevardjournalist Michael Koch. In den Zigarettenpausen grübelt er wohl, ob er wenigstens seine Mannschaftsstärke halten kann. Wenn die Redakteursstellen tatsächlich nur mehr nach Produktivität, sprich Zahl der Zeitungsseiten, kalkuliert werden, stünde bei ihm auch ein Posten auf der Kippe.

Betriebsratsvorsitzender Reinhard Wilhelm kann sich den Einwurf nicht verkneifen: „Bei betriebsbedingten Kündigungen müsste laut Gesetz Herr Koch selbst ganz oben stehen, weil er die kürzeste Betriebszugehörigkeit vorzuweisen hat“. Mit der Personalie Koch, dem ehemaligen Redaktionsleiter der „Am Sonntag“, der den bisherigen Lokalchef Helmuth Rücker kickte, begann das unheilvolle Personal-Karussell sich am 1. Dezember zu drehen. Was besonders dreist wäre: Es könnte jetzt auch die Lebensgefährtin Rückers abwerfen, die als Teilzeitkraft in einer Außenstelle tätig ist.

Heimatsport wird aufgelöst


Mit „redaktioneller Verstärkung der Lokalteile“, wie sie ursprünglich vom Berater der Verlegerin, Rudolf Kollböck, angedacht war, hat das alles nicht mehr viel zu tun. Selbst die „Heimatsport“-Redaktion, ein Baby, das unter diesem ehemaligen PNP-Chefredakteur geboren wurde, fällt den Sparplänen der Verlegerin zum Opfer.

Macht Simone Tucci-Diekmann das Haus schlank für einen Investor? Will die Verlegerfamilie der dritten Generation die PNP lukrativ abstoßen? Bislang sind das wilde Gerüchte. Aber wer derartige Wunden schlägt, Mitarbeiter in Panik versetzt und demotiviert, kann nicht wirklich ernsthaft eine gemeinsame Zukunft im Auge haben.

Droht ein Redaktionsstreik?


Der Betriebsrat hält es nicht mehr für ausgeschlossen, dass unter der derzeitigen Stimmung die Redakteure aus Protest und Solidarität mit ihren im Feuer stehenden Kollegen auf die Straße gehen.

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Blick auf die anderen: "Die PNP-Bankrotterklärung", schreibt der Blog von Christian Jakubetz. Und gleich darunter eine Geschichte, die mit der Realität bei der "PNP" - so glauben  wir doch - nichts zu tun hat, aber Frau Tucci-Diekmann und ihre Berater sicher begeistern wird: "Wie ich mich durch den Alltag mogle".