Monday, 12. January 2026
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Niederbayern >> Sunday, 11. January 26

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Rund 500 Spitzenvertreter der Passauer Gesellschaft von Stadt und Land trafen sich auf Einladung des Passauer OB im Großen Rathaussaal. (Foto: Stefan Schopf/ Bürgerblick)
Am Sonntag

Die ersten zehn Tage des Jahres

Die ersten zehn Tage des neuen Jahres fühlen sich nicht wie ein guter Anfang oder mutiger Aufbruch an. Eher wie eine Verdichtung. Globale und lokale Ereignisse, von denen sich manche schwer verdauen lassen.

International verabschieden sich Staaten leise vom Klimaschutz. Der Rechtsruck wirkt pragmatisch, fast technokratisch. Wirtschaftswachstum gehe vor, predigen in Brüssel auch deutsche Stimmen. Rücksichtnahme auf die Industrie sei wichtiger als beherzte Schritte zum Wandel. Gleichzeitig zeigt sich eine unbequeme Wahrheit: Die Kosten steigen deutlich, wenn nicht konsequent in die Vermeidung extremer Wetterereignisse investiert wird.

Klimafolgen in Echtzeit

Und mehr noch: Der Mensch ist gegenüber Wetter offenbar weniger resilient als früher. In Niederbayern reicht Schnee mit Glatteiswarnung, um Schulen zu schließen. Die Deutsche Bahn meldet massive Ausfälle.

Zehntausend Kilometer weiter südlich, in Südafrika, verdunkeln Waldbrände mit einer Fläche von rund 13.000 Hektar den Himmel – größer als manche Kleinstadt. Der Reporter, eingeladen von einem Passauer, der vor zwei Jahrzehnten nach Kapstadt ausgewandert ist, erlebt erstmals einen Hitzetag mit 40 Grad. Ein Leben unter freiem Himmel wird ohne Schutz unmöglich.

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OB Jürgen Dupper bei seiner Neujahrsansprache. (Foto: Stefan Schopf/ BB)
Mehr noch: Stürme halten Frachtschiffe in den Häfen fest. Exportware muss wieder entladen werden – Trauben, Zitrusfrüchte, Äpfel. Produkte für den europäischen Markt landen auf lokalen Märkten. Der wirtschaftliche Schaden ist auch hier sofort spürbar. Wir reden oft über abstrakte Klimaziele. Die Wirklichkeit zeigt längst die Folgen in Lieferketten, Preisen und Arbeitsplätzen.

Die Medien schreiben vom Zerfall der Weltordnung. Machtpolitik, Territoriumsansprüche, alte Muster kehren zurück.

Das neue Jahr war keine anderthalb Stunden alt, als eine junge Generation 40 Menschen verlor. In einer Schweizer Tanzwirtschaft entzündete sich die Decke durch Pyrotechnik. Menschen filmten. Andere sangen und tanzten weiter. Der Soundtrack vom DJ: ein französischer Rap-Song, der Luxus und Gewalt verherrlicht. „Rolls-Royce“ im Refrain. Bling Bling in der Todesminute.

Ein Wirt, ein halbes Jahrhundert

Auch lokal waren die ersten Tage von Verlusten geprägt. Passau hat sich von einem Menschen verabschiedet, der das Freizeitleben über Jahrzehnte geprägt hat. Mit Ernst Brenner, 74, ging ein Wirt, der seit rund fünfzig Jahren das Nachtleben mitgestaltete. Mit der Gründung der Universität veränderte sich durch ihn die Stadt: Bars und Tanzwirtschaften wurden zu Treffpunkten über Generationen hinweg. Geblieben sind bis heute das „Soda“ am Schanzl und das „Cubana“ im Neumarkt. Ob es nach dem Abriss des alten Buchner-Hauses, der das Ende der legendären Diskothek „Camera“ bedeutete, einen Nachfolger geben wird? Ideen hatte er – umsetzen konnte er sie nicht mehr.

Der Ton ist gesetzt

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Als Glücksbringer trat Kaminkehrermeister Klaus Berthold auf. (Foto: Stefan Schopf/ Bürgerblick)
Politik folgt ihren alten Regeln. Regierende erklären, dass viel erreicht wurde. Opposition warnt vor dem Niedergang. Neu ist weniger der Inhalt als der Ton, der vom Netz auf die analoge Welt abgefärbt hat. Egoismus und Selbstdarstellung nehmen Raum ein – im Kleinen wie im Großen. Maß und Ziel gehen verloren.

In Passau zeigt sich das im Kommunalwahlkampf. Am 8. März treten acht Kandidaten an: sechs Männer, zwei Frauen. Viele ohne realistische Chance. Aufmerksamkeit zählt. Präsenz zählt. Konflikt zählt. Statt klarer Alternativen entsteht Lärm. Verstaubte, teils absurde Vorschläge werden aus dem Hut gezogen, nicht aus Konzepten entwickelt. Krach erzeugt Reichweite. Reichweite ersetzt Substanz.

Bemerkenswert ist die Konstellation eines Kandidaten, der als neues Aushängeschild einer geschwächten FDP gilt, aber der CSU angehört. Es passt zu seinem eigenwilligen, umtriebigen politischen Stil – und sagt viel über den Zustand kleiner Parteien.

Dieser Sonntagsbrief, geschrieben aus der Ferne, blickt nicht auf einzelne Schlagzeilen. Er versucht, die ersten zehn Tage zu lesen: global, regional, lokal. Schnee legt Systeme lahm. Feuer und Sturm zerstören Ernten. Gefahr wird gefilmt statt gemieden. Politik wird zur Bühne. Abschiede passieren leise. Vielleicht ist es eine Phase, in der sich zeigt, wie fragil vieles geworden ist – und wie dringend Einordnung gebraucht wird.

Gelassenheit als Gegenentwurf

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Applaus für Duppers Rede: Rosemarie Weber, OB-Kandidaten Armin Dickl und Urban Mangold. (Foto: Stefan Schopf/ Bürgerblick)
Beim letzten Neujahrsempfang von Oberbürgermeister Jürgen Dupper drängen sich rund fünfhundert Gäste aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Kultur und Kirche im Großen Rathaussaal. Es ist seine letzte Neujahrsansprache als Oberbürgermeister. Dupper spricht von einer Zeit der „lässigen Unbedarftheit“, warnt vor Wohlstandsverwahrlosung und vor einer betreuten Demokratie, die Bürger zu politischen Kindern mache. Er mahnt zu mehr Selbstbewusstsein, Gelassenheit und Vertrauen in die Gesellschaft – und widerspricht dem Dauerklagen über Jugend und Niedergang. Hoffnung, zitiert er Václav Havel, sei nicht die Gewissheit eines guten Ausgangs, sondern der Sinn des Handelns selbst. Viel Applaus – und eine Rede, die weniger beschwichtigt als einordnet.

hud