Am Passauer Auersperg-Gymnasium Freudenhain herrschen Unruhe und Sorge. Woran sich der Konflikt zwischen Schulleitung und Stiftungsleitung entzündete? Es verdichtet sich auf einen Punkt.
Schulleiter Johannes Fuchs hat freiwillig sein Amt niedergelegt, seine Stellvertreterin geht in den Ruhestand, auch der langjährige Stundenplaner Gerhard Baier wurde seiner Funktion enthoben. Die Schule startet damit führungslos ins neue Schuljahr. Verantwortlich für die Entscheidungen ist Dr. Ulrike Senger, neue Vorstandsvorsitzende der Maria-Ward-Schulstiftung.
Schloss Freudenhain im Passauer Stadtteil Hacklberg ist ein spätbarock-frühklassizistisches Lustschloss aus dem 18. Jahrhundert. Heute beherbergt es das Auersperg-Gymnasium, eine staatlich anerkannte katholische Privatschule in Trägerschaft der Maria-Ward-Schulstiftung. Damit ist Freudenhain keine staatliche Schule im engeren Sinne: Sie ist privat-kirchlich getragen, vollständig staatlich anerkannt und untersteht der staatlichen Schulaufsicht. Der Grundbesitz gehört weiterhin dem Orden, den laufenden Schulbetrieb organisiert die Stiftung.
Fünfundvierzig Lehrkräfte und sieben Elternbeiräte reagierten mit einem offenen Brief. Sie kritisieren mangelnde Transparenz und einen „destruktiven Umgang“ der Stiftung mit der bisherigen Schulleitung. Eine Lehrkraft spricht von einem „Klima der Angst und Einschüchterung“. Auch unter den Schülern ist die Verunsicherung spürbar – knapp 600 Schülerinnen und Schüler sind derzeit eingeschrieben. „Schreiben Sie für oder gegen uns?“, fragen Schüler den Reporter. Das sagt viel über die zerrüttete Stimmung aus.
Dr. Senger steht damit erneut im Zentrum einer institutionellen Krise. Bereits an ihrer vorherigen Wirkungsstätte, der Fachhochschule Südwestfalen, war ihre Personalie umstritten. Im Oktober 2022 wurde sie mit großer Mehrheit zur Rektorin gewählt – ein von Medien und Hochschule gefeierter Neuanfang. Doch das Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalen verweigerte die Ernennung, im Juni 2023 wurde Senger schließlich abgewählt – ohne ihr Amt je angetreten zu haben. Zwei SPD-Landtagsabgeordnete stellten eine Kleine Anfrage; die Antwort des Ministeriums blieb vage. Gründe für die Verzögerung oder Maßnahmen zur Aufklärung wurden nicht benannt.
Nun wiederholt sich das Muster: Ein Haus im Aufbruch, eine Leitung, die für Strukturwandel steht – und eine Eskalation, die in Kommunikationskonflikten und abrupten Personalentscheidungen mündet.
In der Tagespresse erhalten die Vertreter der kirchlichen Stiftung eine Plattform. Sie sprechen von "Rufmordkampagne" gegen die Stiftung - ohne den Auslöser zu benennen. Doch eine Antwort auf die Frage, was genau passiert ist, findet sich in ihren Aussagen nicht. Auch beim internen Treffen mit dem Lehrerkollegium am vergangenen Dienstag blieben konkrete Antworten aus.
Schuldirektor Johannes Fuchs wandte sich am Donnerstag mit einem Schreiben an Schüler, Eltern und Lehrkräfte. Er spricht die konfliktreiche Kommunikation mit der Stiftung an, ohne Details zu nennen. Fuchs beschreibt sich selbst als „Mann für die Störungen“, der Lösungen finden müsse. Die PNP deutete sein Schreiben so, als habe er Fehler eingestanden, die zur Trennung führten. Das ist falsch. Tatsächlich verweist Fuchs in christlicher Demut lediglich darauf, dass nicht jede Entscheidung in seiner Amtszeit perfekt gewesen sei. Einen Fehler im Sinne eines Kündigungsgrundes daraus abzuleiten, ist unzutreffend.
Der schwelende Konflikt mit der Stiftung muss ein Kernthema gewesen sein – Fuchs selbst schreibt von „unangemessenen Worten“, die gefallen sind. Er zog sich zurück, als der Graben zwischen ihm und der Stiftung unüberbrückbar wurde und seine Gesundheit darunter litt. Hier können Sie sein Schreiben exklusiv nachlesen: „Gruß und Dank aus dem Krankenstand“.
Unsere Recherche verdichtet die Vermutung, dass es um einen konkreten Punkt ging: ums Geld. Der neue Stiftungsvorstand unter Dr. Senger hat die sogenannte „freiwillige Elternspende“ verdoppelt – von 300 auf 600 Euro jährlich. Ein Vergleich zwischen offizieller Pressemitteilung und den Veröffentlichungen auf der Website der Stiftung zeigt einen bemerkenswerten Widerspruch: Erst ist von einer „freiwilligen Elternspende“ die Rede, im nächsten Satz heißt es jedoch verbindlich: „Die Erziehungsberechtigten oder die volljährigen Schülerinnen und Schüler verpflichten sich, den Betrag in Form einer von der Steuer absetzbaren Elternspende von zweimal 300 € zum 15. November und 15. Mai zu entrichten.“
Es geht um viel Geld.
Die Maria-Ward-Schulstiftung hat alle sechs ihrer Schulen in Ostbayern jetzt einheitlich zu dieser „Elternspende“ von 600 Euro pro Kind aufgerufen. Nach offiziellen Schülerzahlen aus dem Schuljahr 2023/24 – bestätigt durch das Kultusministerium und die Schulwebseiten – sind derzeit 3.670 Schülerinnen und Schüler eingeschrieben. Das jährliche Spendenziel liegt damit bei rund 2,2 Millionen Euro.
Die Einzelaufstellung: Am Maria-Ward-Gymnasium Altötting lernen derzeit 551 Schüler, am Auersperg-Gymnasium Freudenhain in Passau 591. Die vier Realschulen – in Altötting (776), Burghausen (563), Deggendorf (418) und Neuhaus am Inn (771) – vereinen die Mehrheit der Stiftungsschülerschaft.
Diese als „freiwillig“ deklarierte, faktisch aber verpflichtende Spende bringt dem Gymnasium nicht nur Wettbewerbsnachteile, sondern berührt auch rechtliche Fragen und gebietet Transparenz. Einen Fragenkatalog hat die Redaktion an die Stiftungsleitung geschickt – mit Bitte um Antwort bis morgen Mittag.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Schulleitung die neue Spendenpraxis nicht mittragen wollte. Die zentrale Frage bleibt offen: Wie soll mit dieser verpflichtend wirkenden Spende gegenüber einkommensschwachen Familien umgegangen werden? In Bayern dürfen private Ersatzschulen zwar Schulgeld erheben, unterliegen dabei jedoch dem sogenannten Sonderungsverbot: Es darf keine soziale Auslese geben. Auch Kinder aus einkommensschwachen Familien müssen eine reale Chance auf den Schulbesuch haben.
Nach Artikel 47 des Bayerischen Schulfinanzierungsgesetzes (BaySchFG) und den zugehörigen Verwaltungsvorschriften sind Schulen verpflichtet, ausreichende Ermäßigungen oder Freiplätze vorzusehen. Die Aufsichtsbehörden prüfen regelmäßig, ob diese auch tatsächlich angeboten und vergeben werden. Eine Verpflichtung, dass alle Eltern denselben Betrag zahlen müssen, gibt es nicht.
Dass ausgerechnet eine Schule in christlicher Trägerschaft diesen Aspekt bislang nicht öffentlich anspricht, lässt Fragen offen. „Natürlich gibt es Ermäßigungen bei mehreren Kindern“, wird als einziges Zugeständnis genannt.
Es kursieren wilde Spekulationen: Soll der Schulbetrieb absichtlich heruntergefahren werdenl, damit das herrliche Schloss und sein Park von der Kirche liquidiert werden können? Für diese Vermutung findet sich in unserer Recherche keinerlei Grundlage.
Dennoch: Die Freude beim Schulsommerfest diese Woche wird sich in Grenzen halten.
hud