Samstag, 02. Dezember 2023
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Niederbayern >> Donnerstag, 09. November 23

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Hier gedenkt Passau der Opfer des Nationalsozialismus. Die verlorene Trauerweide links vom NS-Mahnmal mal soll nachgepflanzt werden. (Foto: mediendenk)
Am Platz der Opfer des Nationalsozialismus

Passau gedenkt der Reichspogromnacht

Geschichte wach zu halten, ist in diesen Tagen wichtiger denn je.

ÔÇ×So hat es damals auch angefangen. Ich bin nicht ├╝berrascht, nur entt├Ąuscht und traurigÔÇť, sagt Margot Friedl├Ąnder, 102 Jahre alt, heute in einem Beitrag des Morgenmagazins. Sie hat am eigenen Leib erfahren, wie die Nazis Jagd auf Ihresgleichen machten. Mit 23 wurde die J├╝din gefangen genommen. Sie geh├Ârt zu den zwei Prozent der Insassen, die das Konzentrationslager Theresienstadt, zwischen Dresden und Prag gelegen, ├╝berlebten.

Heute um 11.30 Uhr hat die Passauer Gesellschaft dem entsetzlichen Auftakt von Verfolgung und Massenermordung der j├╝dischen Menschen, der Reichspogromnacht gedacht. Die Sch├╝lerschaft des Gymnasiums Leopoldinum gestaltet die Veranstaltung am NS-Mahnmal an der Innpromenade. Sie erinnert an das Schicksal der Passauer J├╝din Sophie Hartl, die 1944 nach Theresienstadt gebracht werden sollte. Ihr katholischer Ehemann hatte sich stets sch├╝tzend vor sie und die Kinder gestellt. Die Familie wohnte zeitweise in einem Haus an der Kapuzinerstra├če, in dem zuvor Hitler seine Kindheit verbracht hatte. Sie mussten ausziehen, als das Haus 1933 zur Hitler-Kultst├Ątte, die Stra├če nach der Mutter des F├╝hrers in Klara-Hitler-Stra├če umbenannt wurde.

Was geschah in der Reichspogromnacht? Vor 85 Jahren, in der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, hatten NS-Schergen in Deutschland einen fanatischen Angriff auf j├╝dische Einrichtungen, Gesch├Ąfte und Menschen ver├╝bt. Im Bundestag tritt heute bei der Gedenkfeier Margot Friedl├Ąnder auf.

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OB Dupper, Hut in der Hand, Rabbiner Mioitt, Kippa, bei der Kranzniederlegung. Im Hintergrund, gro├če Hornbrille, Bundestagsabgeordneter Andreas Scheuer. (Foto: mediendenk)
Oberb├╝rgermeister J├╝rgen Dupper hat im Namen der Stadt am NS-Mahnmal einen Kranz niedergelegt. Rund 200 Vertreter der Passauer Gesellschaft sind versammelt. Bei der Gedenkfeier im Vorjahr ist diese Fl├Ąche am s├╝dlichen Ende der Theresienstra├če als "Platz der Opfer des Nationalsozialismus" beschildert worden. Eine der beiden m├Ąchtigen Trauerweiden, die das Mahnmal einrahmten, wurde diesen Sommer durch eine Orkanb├Âe entwurzelt. Die Nordseite des Platzes ist w├Ąhrend der Feierstunde erstmals geschm├╝ckt mit einer Flagge Israels. Der Rabbiner Mendel Murati von der israelitischen Kultusgemeinde Straubing stimmt nach der Rede des Oberb├╝rgermeisters ein Totengebet f├╝r die Opfer an.

Diese Tag stehe vor dem Hintergrund des "sadistischen Terroraktes" der Hamas, hat OB Dupper seine Rede begonnen. Das Massaker vom 7. Oktober und sein unfassbarer Blutrausch stellten eine neue Dimension dar. Er spricht die verst├Ârenden Reaktionen an, die es mancherorts gab. "Wer glaubt die herrschende Toleranz f├╝r Intoleranz nutzen zu k├Ânnen, muss Konsequenzen tragen", sagt der SPD-Politiker. "Nie wieder!", dieser Wahlspruch der Vergangenheit sei in den letzten Wochen gr├╝ndlich widerlegt worden. Alte und neuen Nazis st├╝nden pl├Âtzlich in einer Reihe mit "Fridays for Future International". Auch und gerade an Hochschulen und in der Kunst und Kultur h├Ątten sich Abgr├╝nde aufgetan.

Vor der Gedenkfeier haben die Mitwirkenden der Jugend an den Stolpersteinen in der Ludwigstrasse und der Nikolastrasse innegehalten, um an das Schicksal j├╝discher Passauer Familien zu erinnern. Um 18 Uhr laden katholische und evangelische Jugend und der Stadtjugendring zu einem Stadtrundgang ein, der die lokalen Ereignisse der Judenverfolgung aufgreift.

In den letzten Jahren ist es immer wieder vorgekommen, dass unbekannte und ermittelte T├Ąter, darunter judenfeindliche Zuwanderer, den st├Ądtischen Blumenkranz am Gedenkstein gestohlen und im Fluss versenkt haben. Am Vortag hat der Bauhof eine Video├╝berwachung installiert, die vom Stadtrat beschlossen worden ist.

 

hud