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Lokalmagazin Bürgerblick >> Donnerstag, 31. März 22

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"Tatort"-Regisseur Andreas Herzog am Innkai. (Foto: Tobias Clemens Köhler)
Heute im TV

Gespräch mit Regisseur Andreas Herzog zum ARD-Krimi aus Passau: Drama am Donaustrand

Heute Abend strahlt die ARD den Donnerstagskrimi aus Passau "Zu jung zu sterben" aus. Hier unser Interview mit Regisseur Andreas Herzog, dass die Abonnenten von Magazin Nr. 147 kennen. Porträts der Hauptdarsteller finden Sie im März-Magazin Nr. 153.

Am Russenkai vom Café Museum ist die letzte Szene abgedreht worden. Kellnerinnen schleppen Terrassentische an ihren Platz zurück, die der Szene mit einem Kleinwagen im Weg standen. Die Anspannung ist abgefallen, die Filmleute unterhalten sich, packen ihre Sachen ein. Hauptdarstellerin Marie Leuenberger führt mit ihrem Handy ein Videotelefonat, zeigt der Gesprächspartnerin die Umgebung. Im Hintergrund fließt die grünbraune Donau, gegenüber liegt eine weiße Burganlage mit einer Hängebrücke, darüber eine mächtigere Festung.

Der Fremde­ kann sich an der Inzensierung dieser Stadt nicht satt­sehen­ und so erlebt es auch Krimi-Regisseur Andreas ­Herzog."Hallo, ich bin der Thomas!“ Unter Filmleuten sind alle per Du. „Lasst uns einen ruhigeren Ort suchen“, sagt er und setzt seinen Strohhut auf. Wir gehen ein paar Schritte, lassen uns nieder auf einer schattigen Mauer am Innufer beim Waisenhaus.

Bürgerblick: Bist Du das erste Mal in Passau?

Andreas Herzog: Ich war bisher nur einmal hier, als mein kleiner Bruder hier studiert hat, schon ewig her. Ich habe die Stadt nie so wirklich wahrgenommen und mich mit ihr erst beschäftigt, als dieses Projekt losging.

Hat diese kleine Provinzstadt überhaupt das Potenzial, eine Krimi-Serie zu tragen?

Sie bietet visuell wahnsinnig viel. Wir haben beim ­Drehen gemerkt, dass hier sehr viel stattfindet, was man noch entdecken kann, und unsere Autoren darauf aufmerksam gemacht.

Wie habt Ihr die Drehorte ausgewählt?

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Regisseur Andreas Herzog im Gespräch mit Bürgerblick-Herausgeber Denk an der Innkaimauer beim Waisenhaus. (Foto: Tobias Clemens Köhler)
Die Erfahrung von den ersten beiden Filmen war ­vorhanden, also die Location-Scouts und die Abteilung „Ausstattung“, die sich hier gut auskennen und speziell in Bezug auf Buch und Inhalt Orte ausgesucht haben. Wir ­haben uns aber auch selbst viel umgeschaut, uns einfach mal so durch die Stadt treiben lassen und dann Ideen entwickelt, wo was stattfinden könnte.

Diesmal wird es ein Sommerfilm. Es hat nach den ersten Teilen Kritik gegeben, dass Passau zu düster gezeichnet worden sei. Wie siehst Du das?

Ich finde, es hat sehr gut gepasst, dass der erste Film im Herbst gedreht worden ist. Um düstere Elemente zu erzählen, muss es aber nicht immer dunkel sein, das kann man auch im Sommer. Das Düstere passierte in den Menschen, in den Seelen, in den Abgründen, die wir ausleuchten. Dazu muss ich mich nicht immer in einen Keller oder in Nebelschwaden begeben.

Wir haben gesehen, ihr habt das Inventar der Stadt teilweise umgekrempelt. Auf der Innpromenade sind hölzerne ­Parkbänke aufgestellt worden, wo es eigentlich keine gibt. Ihr habt am Rosenauer Strand die Donaunixe nachgebaut, das Original steht am anderen Ufer. Warum der Aufwand?

Das hat visuelle Gründe. Wenn wir eine Geschichte in Passau erzählen, soll die Stadt ja wirklich in die Handlung aufgenommen werden und mit den Schauspielern mitspielen, und nicht nur separat in irgendwelchen Postkarten­aufnahmen und Drohnenbildern gezeigt werden. Wenn ich mir Drohnenaufnahmen von Passau anschauen will, finde ich die im Internet.

Das Umfeld der echten Donaunixe passte also nicht?

In der einen Blickrichtung stehen im Hintergrund Häuser und der Verkehr zieht vorbei. In der anderen gibt es nur Wasser und dahinter eine grüne Hölle. Es fehlt insofern der visuelle Bezug zu Passau. Das könnte auch an der Isar sein oder in Castrop-Rauxel. Also lassen wir mit unserer Donaunixe im Hintergrund Inn und Donau zusammenfließen, das ist charakteristisch für die Stadt, und dahinter sieht man noch den Dom. So versteht jeder Betrachter, an welchem Ort wir uns ­befinden.

Ähnlich war es mit den Parkbänken. Der Passauer wird sagen, diese Parkbänke gibt es hier ja gar nicht, aber da ­erlauben wir uns jetzt mal ein wenig künstlerische Freiheit. Wichtiger sind in diesem Fall die restlichen sechs Millionen Menschen. Sie sollen den Film ­sehen, sich freuen und sagen „Schau, das ist die Donau oder der Inn!“

Die Dreharbeiten starteten bei fürchterlich kaltem Wetter. Die Schauspieler haben gefroren, es wurden in den Pausen Decken und Jacken gereicht. Kann man nicht auf besseres Wetter warten?

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Regisseur Andreas Herzog im Gespräch zum ARD-Krimi aus Passau. (Foto: Tobias Clemens Köhler)
Das gibt der Zeitplan nicht her. Die Möglichkeiten ­auszuweichen, sind sehr begrenzt, weil wir nur 13 Drehtage in Passau geplant haben. Es gibt Drehtage, da kann man sagen, jetzt ist schlechtes Wetter, jetzt tauschen wir die ­Szenen. Aber wenn man einen Teil einer Szene in der Sonne gedreht hat, muss die Anschlussszene auch in der Sonne sein.

Einen Tag Dreharbeit, was schafft man da? Wie viele ­Minuten sind dann für den fertigen Film im Kasten?

Im Schnitt vier Minuten. Es gibt manchmal Tage, an denen werden es nur zwei Minuten, weil man viel Action hat und viele Einstellungen braucht. Aber es gibt sehr selten Tage mit langen Dialogen, dann sind es auch mal sechs Minuten.

Du bist ein echter Tatort-Regisseur, hast in ­Dort­mund und Köln gedreht. Was ­unterscheidet den ARD-Donnerstags-Krimi vom Tatort?

Der echte Tatort unterscheidet sich schon mal ­dadurch, dass man meistens ganz klar aus der Ermittlerperspektive erzählt. Anders als beim Polizeiruf, wo es auch um den Grund und Hintergrund der Tat geht und man auf die Täterperspektive eingeht. In Deutschland werden ­wahnsinnig viele Krimis gedreht. Der Passau-Krimi hat ­seinen eigenen Charakter: Er handelt vom Drama einer ­Berliner Kommissarin und ihrer Ziehtocher im Zeugenschutz, die auf der Flucht sind, neue Identitäten annehmen  und sich neuen Lebensumständen anpassen müssen. Und dann gibt es das ­Thriller-Element, dass die böse Vergangenheit sie einholt. Und es ist ein Buddy-Movie, weil dieser Privatdetektiv Zankl auftaucht und man denkt, es ist ein ungleiches Paar, aber irgendwie sind sie beide sympathisch und man wünscht sich vielleicht, dass sie zumindest zusammenarbeiten. Das war auch der Grund, warum ich so fasziniert war am Ende von der zweiten Folge. Als ich das gesehen habe, dachte ich mir, die Leute wollen sehen, wie die beiden irgendwelchen Bösewichten auf die Spur kommen.

Du löst einen jungen Berliner Kollegen ab, warum gab es einen Wechsel in der Regie?

Das ist überhaupt nichts Besonderes. Auch beim „Tatort“ findet Regiewechsel statt. Dadurch bringt man neue Farbe ins Spiel und einen anderen Blickwinkel auf die Dinge.

Wie sehr warst Du als Regisseur von der Pandemie ­betroffen?

Ich muss sagen, ich habe sehr viel Glück gehabt, dass ich trotzdem arbeiten konnte und dass die Produktionen, die ich gemacht habe, nicht abgebrochen wurden. Es gibt viele Kollegen von mir, die im Stillstand waren und dann beispielsweise das ­Problem hatten, dass sie einen Winterfilm drehten, abbrechen mussten und erst im August wieder weitermachen durften. Es gibt wahnsinnig viele Schauspieler, die zwar im Theater spielen, aber auch angewiesen sind auf den Film und wegen der Pandemie weniger Drehtage hatten. Ich kenne eine ­Menge Leute aus der Branche, die extrem gelitten haben.

Wie groß ist Dein Passauer Team?

Am Set sieht man um die 30 Leute, aber im Hintergrund, in den Büros und den Werkstätten, wirken nochmal so ­viele mit, da kommt man auf 50 oder 60.
Genau genommen sind die Begriffe „Filmdreh“ und „Drehteam“ falsch. Da drehen sich keine Filmspulen mehr, das Filmset ist ein digitaler Werkraum. Es wimmelt von Kabeln und Monitoren. Wie hat sich das ausgewirkt auf die Produktion?

Es ist vieles leichter und einfacher geworden durch die neue Technik. Gleichzeitig sind die Ansprüche sehr viel ­höher geworden, weil wir uns wegen vieler hochqualitativer Serien aus internationalen Bereichen natürlich strecken müssen, um dem gleichzukommen.

Was ist Euer Budget?

Ich will jetzt nicht lügen, aber ich glaube es sind bei der ARD pro Minute für fiktionale Programme irgendwas ­zwischen 22.000 und 25.000 Euro. Da kann man sich dann ausrechnen, was bei 89 Minuten herauskommt. Manche Leute, die nicht aus der Filmbranche kommen, fragen mich, warum wir so einen Aufwand machen, man könne heute doch Filme mit Handys drehen. Das kann man natürlich machen, man kann sich auch einen Teller Suppe ans Knie nageln oder nach Amerika schwimmen statt zu fliegen.

Wir haben den riesigen Fuhrpark von Transportern und Fahrzeugen gesehen, die aufwändige Verpflegung am Set.  Sind Klimakrise und Umweltschutz in der Filmbranche ein Thema?

Der Gedanke ist schon da, aber fängt im Kleinen an. Die Produktion vermeidet Plastik, wo es geht. Ich benutze eigene Kaffeebecher anstatt fünf Plastikbecher am Tag und versuche, beim Catering auf Plastik zu verzichten. Wir versuchen auch, das Team in einem großen Bus ­unterzubringen. Corona hat aber vieles schwieriger ­gemacht, teilweise mussten wir mit fünf Autos fahren, um 14 Leute zu transportieren, weil die Corona-Verordnung nicht mehr als drei Leute pro Fahrzeug erlaubt hat.

Dürfen die Schauspieler improvisieren? Weichen sie oft vom Drehbuch ab?

Ein Drehbuch ist für mich eine Partitur und die ist ­natürlich eine Schreibtischtat. Es hängt von der visuellen und situativen Vorstellungskraft der Autoren ab, ob Anpassungen notwendig sind. Früher oder später fangen die Figuren an, lebendig zu werden, mit jedem Erlebnis ändert sich vielleicht Haltung oder Sprache. Dazu kommt, wenn ein Autor nicht Bairisch kann und auf Hochdeutsch schreibt. Die bayerischen Schauspieler zu zwingen, das Geschriebene sozusagen bairisch auszusprechen, würde oft klingen wie ein ­Autounfall. Deshalb sagt man ihnen, sie sollen es mundgerecht umsetzen. Dann heißt es eben nicht ‚Ihr müsst jetzt alle gehen‘, sondern ‚Schleicht’s Aich!“ Es muss einfach sein, damit das Ganze wahrhaftig ist und man beim Filmschauen nicht das Papier rascheln hört. Manche Schauspieler sind allerdings vollkommen fertig, wenn du nur ein Wort änderst, und anderen ist das vollkommen egal. Da muss man als Regisseur für jeden Schauspieler, für jede Schauspielerin  eine anderen Zugang finden.

Tiere hast du auch eingebaut, ein Hündchen, das bei einer Szene an den Parkbänken Männchen macht und bettelt. Klappt denn sowas immer, wie man es sich vorstellt?

Das war kompletter Zufall. Der Hund sollte nur ­dasitzen, aber die Schauspielerin hatte Leckerlis dabei und auf einmal macht der Männchen. Ich habe die Szene im Schnitt ­gesehen. Der Cutter hat den Moment erstmal nicht eingebaut. Wahrscheinlich findet er ihn zu kitschig oder zu blöd. Ich werde mal mit ihm sprechen.

Als Überraschungsgast spielt ein Passauer Original, Sigi Zimmerschied mit. Kennt ihr Euch?

Ich habe mit ihm beim Krimi „Unter Verdacht“ mit ­Senta Berger gedreht. Da mimte er einen schmierigen Bau­unternehmer. Ich habe mich auch saumäßig gefreut, dass er mitspielt. Es hat mich auch sehr gefreut, dass seine Filmpartnerin die Olivia Pascal sein wird. Das ist eine ­Traumkombination.

Du hast der Emerenz Meier, der berühmten Bayerwald-­Dichterin, die nach USA ausgewandert ist, im Film ein kleines Denkmal gesetzt. Wie kam’s?

Das ist eigentlich eine ganz simple Geschichte. Es gibt eine winzig kleine ­Rolle im Film, ein Ehepaar. Sie kommt aus Bayern und hat einen Amerikaner ­geheiratet. Dieses Ehepaar ist eigentlich nur so ein ­dramaturgisches Vehikel, weil die an einer bestimmten Stelle im Film eine Infor­mation weitergeben müssen. Lange Rede kurzer Sinn: Im Drehbuch heißen sie nur Ehefrau und Ehemann, und die Schauspielerin ­meinte zu mir, das sei ein bisschen blöd auf der Vita, wenn da als Rolle nur „Ehefrau“ steht, gebt mir doch bitte einen Namen. Und dann war ich unten am Donaukai, sehe diese Büste von der Emerenz Meier und lese ihre Geschichte. Ihr Ehemann heißt O’Brien, und jetzt heißt sie Emerenz O’Brien.

Bleibst du uns als Regisseur für weitere Folgen des ARD-Passau-Krimis erhalten?

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Eine Kopie der Donaunixe wurde für die Dreharbeiten am Innstrand in der Rosenau aufgebaut. (Foto: mediendenk)
Das Entscheiden der Sender und der Produzent und ­natürlich die Qualität meiner Arbeit. Das ist ein bisschen wie im Fußball, wo man jetzt auch nicht weiß, ob der ­Hansi Flick in zwei Jahren noch dabei ist. Die Entscheidung beruht aber auch auf der Einschaltquote. Die Resonanz war bisher ­sensationell und natürlich ist es beim Sender so, dass sie erstmal die Ausstrahlung abwarten und schauen, wie es läuft.
Würdest du gerne etwas anderes im Filmbereich machen als Krimis?

Ich mag Krimis und bin sehr interessiert daran, Abgründe zu erzählen, aber gleichzeitig auch, alles nicht so bierernst darzustellen. Ich finde, es braucht immer den Kontrast und Humor. Das Leben hat nicht nur eine Farbe. Das findet hier auch statt. Auch wenn es in den Filmen richtig zur Sache geht und es um Mord und Totschlag gibt, gibt es immer eine Leichtigkeit. Das ist bei unserem Zankl, der Figur des Privatdetektiven, einfach sensationell, weil sie es schafft, die Zugereisten aus Berlin ein bisschen locker zu machen, obwohl sie eigentlich in permanenter Todesgefahr schweben.

Ist die Dreiflüssestadt nicht zu idyllisch für einen Krimi?

Es ist halt der Gegen­satz. Da verrate ich jetzt mal was: Es gibt eine Art Hinrichtungsszene am Donaustrand bei Sonnenuntergang und dieser Kontrast, dass es da ­jemandem ans Eingemachte geht, er Todesangst hat und in der Unschärfe sieht man das schöne Passau. Da werden angesichts des Hintergrunds wahrscheinlich ganz viele ­Zuschauer sagen ‚Ach, wie schön ist Passau und ach, die schöne Donau‘ – und auf der anderen Seite muss jemand um sein Leben fürchten.

Wie habt Ihr die ­Passauer Bevölkerung erlebt?

Ich drehe viel in Köln, Berlin und Hamburg und da wird man teilweise beworfen und beschimpft, wenn man einen Film dreht. Einmal haben wir in der Früh um sieben bei Regen und vier Grad gedreht und da kommt so ein Radler vorbei und schreit ‚verspisst euch hier, ihr scheiß Millionäre‘. So etwas passiert in Passau nicht. Wir haben hier so viel Unterstützung gekriegt und die Leute sind so langmütig. Sie freuen sich einfach. Die Passauer kommen sensationell klar mit uns, ich hoffe, dass das auch so bleibt.

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Der Beitrag erschien im Magazin Nr. 147, Juli 2021.