Samstag, 22. Januar 2022
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Bayern >> Samstag, 18. Dezember 21

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Corona-"Spaziergänger mischen sich am Eingang der Ludwigsstraße mit dem Einkaufstrubel. Schwierige Lage für die Polizei, die Durchgänge Richtung Altstadt zu kontrollieren. (Foto: mediendenk)
Zwei Stunden Katz-und-Maus-Spiel

Passau: Polizei zeigt 48 Corona-SpaziergÀnger an

„Das war mein Ziel“, sagt Einsatzleiter Christian Dichtl. Mit Genugtuung spaziert der Polizeioberrat um 15.55 Uhr mit einem Kollegen und einem Vertreter der Stadt durch den fast menschenleeren Steinweg. Auf diesem Altstadtpflaster hatten sich letzten Samstag fast zur selben Zeit die sogenannten Corona-"SpaziergĂ€nger" dicht gedrĂ€ngt zum lautstarken Massenprotest getroffen. Heute haben Polizeisperren verhindert, dass sich dieses Szenario wiederholt. Aber was fĂŒr ein Aufwand! Die halbe Stadt befindet sich zwei Stunden lang stellenweise im Ausnahmezustand. 

SchĂ€tzungsweise 150 PolizeikrĂ€fte liefern sich mit launigen, trotzigen oder aggressiven Corona-"SpaziergĂ€ngern" ein zweistĂŒndiges Katz-und-Maus-Spiel. Von der Neuen Mitte bis in die Altstadt sind an diesem Einkaufssamstag Straßen und Gassen zeitweise lahmgelegt. Die EinschrĂ€nkungen verspĂŒren die ohnehin geplagten GeschĂ€ftsleute, deren Kundschaft und Passauer, die einfach nur ihres Weges gehen wollen. 

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Die Polizei hat EinsatzkrÀfte als Sperrketten aufgestellt, um die Altstadtgassen vor einem neuen Ansturm der Corona-"SpaziergÀnger" zu bewahren. Zufrieden geht der Einsatzleiter mit Kollegen durch den fast menschenleeren Steinweg, (Foto: mediendenk)
Vierzehn Mannschafts- und Streifenwagen der Polizei fahren am frĂŒhen Nachmittag am Kleinen Exerzierplatz auf. Die Besatzungen, Bereitschaftspolizei in schwarzen Uniformen, postieren sich und halten Ausschau. Ein paar angemeldete linke Aktivisten demonstrieren eine Viertelstunde lang friedlich unter dem Motto „Schluss mit Schwurbel“. Sonst bleibt es ruhig im Neue-Mitte-Stadtpark der Platanen und Brunnen. Doch plötzlich, GrĂŒppchen fĂŒr GrĂŒppchen, trifft das SpaziergĂ€ngervolk ein. Unscheinbare und AuffĂ€llige. MĂ€nner, mit Schlapphut und Schal, die an Cowboys erinnern; junge Frauen, die mit Schminke und Kajal ĂŒbertrieben haben; MĂŒtter mit blonden Dreadlocks, Kind auf dem Arm, im bunt gestrickten Gewand, die aus der Zeit der Blumenkinder zu stammen scheinen. „Schau mal, da drĂŒben ist ein Brunnen“, erklĂ€rt eine Oma ihrem Enkel im Kinderwagen, als wĂŒrde sie an einem ehemaligen DDR-Grenzstreifen stehen und auf die Wachposten zeigen. Doch "drĂŒben" stehen bloß bayerische Polizeibeamte, die sich eine angemeldete Kundgebung mit einem Versammlungsleiter wĂŒnschten. Ein hĂŒfthoher Bauzaun ist von der Stadt vorbereitet worden, damit sich Demo und Gegendemo nicht in die Quere kĂ€men. Aber um Meinungsfreiheit geht es den Ankömmlingen offenbar nicht. Sie wollen unkontrolliert "spazieren gehen", die Stadt belagern.   

Drinnen geduldige Impfwillige, draußen aufgebrachte Impfgegner
Um 15.15 Uhr setzen sich die rund 150 Leute, die sich wie Pausierende eines Einkaufsbummels verhalten haben, Richtung ZOB in Bewegung. Doch die MĂ€nner und Frauen in den schwarzen Uniformen reagieren schnell. Sie ĂŒberholen die Menge und schneiden ihr am Nibelungenplatz den Weg Richtung Stadtzentrum ab. "Hier können sie nicht durch!", wird jeder Passant abgewiesen. Den "SpaziergĂ€ngern" bliebe der Weg durchs Einkaufszentrum, aber den scheuen sie wohl wegen der Maskenpflicht. Zudem mĂŒssten sie zu dieser Zeit im ersten Stockwerk des Kaufhauses eine Szene erleben, die viele von ihnen wohl kaum ertragen dĂŒrften: Eine Warteschlange von 50 Menschen hat sich vor der Impfstation gebildet. „Ich bin eine Stunde angestanden“, sagt eine Frau, die als nĂ€chstes an die Reihe kommt. Drinnen geduldige Impfwillige, draußen aufgebrachte Impfgegner – Passau liefert an diesem Tag das Drehbuch fĂŒr eine turbulente Pandemie-Komödie.

„Kein Aufzug zulĂ€ssig!“ verkĂŒndet eine Laufschrift am Ludwigsplatz, große gelbe Lettern auf der Anzeigetafel eines Lautsprecherwagens. Eine MĂ€nnerstimme mahnt, dass „VerstĂ¶ĂŸe gegen die AllgemeinverfĂŒgung durch Foto- und Videoaufnahmen beweissicher festgehalten und verfolgt“ werden; eine Straftat begehe, wer gegen Polizistinnen und Polizisten Widerstand leiste. Zu diesem Zeitpunkt haben die PolizeikrĂ€fte SperrgĂŒrtel gebildet an den EingĂ€ngen der FußgĂ€ngerzone im Neumarkt und an den TreppenabgĂ€ngen zur Frauengasse. Neben UnflĂ€tigem und Beleidigendem hören die Beamtinnen und Beamten an den Absperrungen viele ErzĂ€hlungen. Die Durchlass Begehrenden wollen WeihnachtsplĂ€tzchen kaufen, den Dom besichtigen oder das Auto vom Parkplatz holen. Es kommt selten vor, dass sie Gehör finden wie ein Familienvater am abgesperrten Paulusbogen. Der zeigt, etwas ungehalten, seinen Ausweis vor zum Beweis, dass er am Steinweg wohnt. Der Leitende Beamte zieht seine Lesebrille aus der Brusttasche, prĂŒft das Dokument und lĂ€sst ihn mit Kinderwagen und Frau passieren. Dem Kleinen im Kinderwagen war wĂ€hrend der Kontrolle von einem Polizeibeamten ein Bonbon zugesteckt worden. Das hat auch seinen Vater versöhnt. Doch so freundlich geht es nicht ĂŒberall ab.

"Irgendwann sei ihr alle dran!"

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Corona-"SpaziergĂ€nger" auf Umwegen, hier an der Abfahrtsrampe der SchanzlbrĂŒcke Richtung Altstadt. Sie werden auf weitere Polizeiketten treffen. (Foto: mediendenk)
„Irgendwann seid ihr alle dran!“, schreit ein aufgebrachter Mann die Uniformierten an, nachdem sie ihm den Durchgang verwehrt haben. Er kann sich nicht beruhigen, beschimpft sie lautstark als „SSler“ und "Söders Söldner". Ob dieser AusfĂ€llige einer der beiden Demonstranten ist, der – wie spĂ€ter im Pressebericht zu lesen ist - wegen Beleidigung angezeigt wurde, ist der Redaktion nicht bekannt. „Unglaublich, was sich die Beamten alles anhören mĂŒssen“, sagt ein Passauer Fotograf, der fĂŒr die „Deutsche Presseagentur“ im Einsatz ist. "Solange dieser Trachtenverein unterwegs ist, kommen wir hier nicht weiter", berichtet ein SchlapphuttrĂ€ger am Paulusbogen einem GesprĂ€chspartner am Handy. "Ihr seid nicht ganz sauber, mit Euren KaffeetĂŒten im Gesicht!", schreit am Schanzl die Mutter mit den blonden FilzstrĂ€hnen, Kind am Arm, die Bereitschaftspolizistinnen und -polizisten an, die den Treppenabgang blockieren. Dass diese Ungehaltenen keine Touristen oder Weihnachtseinkaufsbummler sind, belegen kurz darauf unsere Filmaufnahmen. Ein Aufzug von rund 80 Menschen marschiert auf einem Gehweg der BrĂŒckenrampe, der sonst kaum benutzt wird, zielstrebig Richtung Altstadt, Corona-"SpaziergĂ€nger". 

"Maske tragen erscheint mir wie der Hitlergruß"
Journalisten, die ihre Chronistenpflicht erfĂŒllen, die Geschehnisse dokumentieren, werden ebenso zum Feindbild. „Warum filmen sie mit Maske unbescholtene BĂŒrger? Löschen Sie das!“, rĂŒgt ein Mann Mitte 40, graue WollmĂŒtze, in der Nagelschmiedgasse den Reporter. Er wolle unbehelligt in seiner Stadt Spazierengehen können. „Weil sie an einer öffentlichen Versammlung teilnehmen“, antwortet der Journalist, der seine Rolle als Beobachter ungern verlĂ€sst. Im Dialog verrĂ€t sich der RĂŒgende als Corona-"SpaziergĂ€nger". "Maske tragen erscheint mir wie der Hitlergruß", sagt er. Deshalb habe er keine. Etwas spĂ€ter, wird es brisanter. „Ich schlag Dir dein Handy runter!“, droht ein „SpaziergĂ€nger“ in der Schustergasse, ballt die Faust und holt aus. Als er das Presseschild an der Brust des Reporters erblickt, besinnt er sich. Das Wort „Presse“ hat ihn sicher nicht beeindruckt, aber wahrscheinlich das blaue SchlĂŒsselband, an dem es hing. Das Mitbringsel von einer Polizeiveranstaltung trĂ€gt die Aufschrift „PolizeiprĂ€sidium Niederbayern“. Dieser versuchte Angriff wirkt skurril, denn der aggressive Mann begleitet eine Gruppe von vier Frauen, die Kerzen vor sich hertragend und mit hoher Stimme von „Frieden“ singen. Solche Gruppen, die sich mit Gesang und Kerzen eindeutig als "Versammlung mit Botschaft" erkennen lassen, somit gegen die AllgemeinverfĂŒgung der Stadt verstoßen, werden unter anderem in der Milchgasse von der Polizei gestellt und angezeigt. Bilanz am Ende des Tages wegen solcher VerstĂ¶ĂŸe: 46 Anzeigen; zudem 2 wegen Beleidigung.

Die Blockierten weichen an die Flussuferstraßen aus, um zum Rathaus zu gelangen. Einer solcher Trupp marschiert beispielsweise auf dem schmalen Gehweg der sĂŒdöstlichen Abfahrtsrampe der SchanzlbrĂŒcke Richtung Altstadt. Doch am Ende der Rampe treffen sie auf neue Polizeisperren. Als die DĂ€mmerung hereinbricht, um 16.12 Uhr ist Sonnenuntergang, haben es keine Hundert zum Rathaus geschafft. Dort bilden PolizeikrĂ€fte eine Absperrkette zum Rathausturm, wo zwei Dutzend Gegendemonstranten eine Kundgebung abhalten. Eine Rednerin spricht von SolidaritĂ€t und RĂŒcksichtnahme.

Grablichter am Domplatz: "Erleuchtete" fĂŒhlen sich ausgegrenzt

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Bereitschaftspolizei unter weihnachtlichen Lichtergirlanden in der Schustergasse: Sie sammeln sich zum Abzug, der Einsatz ist beendet. (Foto: mediendenk)
„Zu einem geschlossenen Aufzug oder einer geschlossenen Zugformation kam es aufgrund der Polizeiketten nicht“, schreibt der Polizeipressesprecher in seinem Schlussbericht. Die Polizei hat in der Tat erfolgreich verhindert, dass sich die Massenszenen vom letzten Samstag wiederholten. Aber zur Wahrheit dieses Erfolgs gehört auch, dass viele Passauerinnen und Passauer, die mit diesen Corona-Leugnern, Impfgegnern und ReichsbĂŒrgern nichts zu tun haben, Leidtragende der Absperrungen wurden. Die Auftritte der Trotzigen blieben nicht ganz aus. Eine Gruppe von hundert Leuten vereinnahmte beispielsweise den Domplatz, hielt unter dem Christbaum eine eigenartige Gedenkfeier ab. Sie stellten Grablichter in Herzform auf und legten handgeschriebene Zettel ab, die von „Ausgrenzung“ und „Erleuchteten“, von Geimpften und Ungeimpften handeln. Der Einsatzleiter ließ diese weitgehend stumme Menge gewĂ€hren.

Nach gut zwei Stunden kehrt der Alltag in die Stadt zurĂŒck. Temperaturen um den Gefrierpunkt haben die letzten Ausharrenden vertrieben. Unter weihnachtlichen Lichtergirlanden treten Trauben der schwarz Uniformierten den Heimweg an. „Wir hoffen, dass zukĂŒnftige Versammlungen in diesem Zusammenhang bereits im Vorfeld bei der Versammlungsbehörde angemeldet werden“, schreibt Polizeihauptkommissar Johannes Oberneder, der Pressesprecher. Ein Polizeiaufgebot wie an diesem Samstag sei nicht jedes Mal leistbar, hatte Dichtl zum Auftakt gesagt.

hud

 
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