Sonntag, 17. Oktober 2021
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Grelle Verpackung, dunkler Inhalt Publizist Matthias Müller lässt sich Verschwörungskolummnen von seinen Werbekunden finanzieren. (Bild: Paparazzi)
Werbeblatt auf Abwegen

Schwurbler-Magazin

Ein kostenloses Werbemagazin hat es zum Leib- und Magenblatt der AnhĂ€nger von Verschwörungstheorien gebracht. Der Redaktionsleiter bedient krude ErzĂ€hlungen, nennt die Seuchenpolitik der Regierung einen „Terroranschlag auf die Gesellschaft“.

Als „belangloses Werbeblatt“ in das Fadenkreuz des „großkalibrigen Journalismus“ zu gelangen, „ist ein besonderes Kompliment, geradezu ein Ritterschlag“, hat Matthias MĂŒller auf eine Anfrage dieser Redaktion vor fĂŒnf Jahren geschrieben. Unbeantwortet ließ er die Frage, die gestellt war: „Mit welchen Fakten untermauert der Autor seinen Rundumschlag gegen Rechtsstaat, Integration und FlĂŒchtlingspolitik?“

FragwĂŒrdige, faktenfreie RundumschlĂ€ge zu setzen, dieser Handschrift ist der selbsternannte Redaktionsleiter der „Paparazzi“ bis heute treu geblieben. Am vorletzten Februarsonntag ist ihm aus seiner Sicht die Krone aufgesetzt worden: Der Bayerische Rundfunk hat sich in seinem sonntĂ€glichen Medienmagazin mit dem kostenlosen Passauer Hochglanzmagazin befasst.

BR-Korrespondentin Katharina HĂ€ringer stellt sich nach ihrer Recherche die Frage, warum MĂŒllers Texte nicht lĂ€ngst ein Fall fĂŒr den Presserat geworden sind. Sie wertet seine BeitrĂ€ge zur Pandemie aus und stĂ¶ĂŸt unter anderem auf folgende Passage: „Es gibt keine ‚Pandemie‘ einer geheimnisvollen neuen Viruserkrankung. Sie existiert nicht. Es gibt einzig und allein eine Pandemie der ‚Tests‘, die ausschließlich dazu dient, einen nie dagewesenen Terroranschlag auf die Gesellschaft zu verĂŒben.“

Beginnend in der „Paparazzi“-Ausgabe Mai 2020 hat MĂŒller unter der Überschrift „Die Angststrategie“ die Pandemie zum Schwindel erklĂ€rt. „Zwischen der Werbung fĂŒr ein Fitnessstudio und einer Geschichte ĂŒber Designerbrillen“, wie HĂ€ringer schreibt. Im Vergleich zu einer normaler Grippewelle sei „Covid- 19 sogar ein Ă€ußerst schwacher Erreger“, konstatiert MĂŒller in seiner Kolumne namens „Schwere Kost“. Die Abhandlung zĂ€hlt 20 Seiten.

Beobachter der Corona-Rebellen- Demos auf dem Kleinen Exerzierplatz erinnern sich: Von da an wurde auf den Podien der sogenannten Querdenker und Corona-Verharmloser MĂŒllers Magazin als die einzig wahre LektĂŒre im Lokaljournalismus empfohlen. „Paparazzi“ wird von den AnhĂ€ngern der Bewegung unter den glaubwĂŒrdigen Quelle wie „Russia Today“ oder „KenFM“ gelistet. Hinter letztgenanntem Online-Sender steht der Publizist Ken Jebsen, der wegen seiner Falschinformationen zu Jahresbeginn auf Youtube gesperrt worden ist. Aktuell geht die Medienaufsicht gegen ihn vor.

Hintergrund: Nach dem neuen Medienstaatsvertrag, der seit November gilt, können redaktionell betriebene privatwirtschaftliche Online-Angebote von den Landesmedienanstalten reguliert werden. Dies greift, wenn VerstĂ¶ĂŸe gegen die journalistische Sorgfaltspflicht vorliegen oder sich der Verantwortliche keiner Selbstkontrolleinrichtung wie etwa dem Deutschen Presserat unterworfen hat. Wer auf Hinweisschreiben nicht reagiert, dem droht ein Verfahren.

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„Terroranschlag auf Gesellschaft“ Matthias MĂŒller, „Paparazzi“-Chef (Bild: Paparazzi)

Doch wer reguliert gedruckte falsche ErzĂ€hlungen wie „Paparazzi“? MĂŒller bringt das Magazin mit seiner Frau Bettina im Eigenverlag heraus. Sie grĂŒndeten ihre Custommedia Verlagsgesellschaft 2008. Das Heft wird komplett finanziert durch Werbung. Der Kunde kann redaktionell anmutende BeitrĂ€ge samt Titelcover erwerben. Transparente Kennzeichnungen wie „Werbung“ oder „Anzeige“ vermeiden die Herausgeber. Einzig im Impressum versteckt sich ein Hinweis auf ihr GeschĂ€ftsmodell. 20.000 Exemplare werden angeblich in der Region, auch im benachbarten Oberösterreich ausgelegt.

Von der Werbeflaute in der Coronakrise sind GratisblĂ€tter besonders betroffen. Die Verlegerfamilie Diekmann hat wie berichtet „Passauer Wochenblatt“ und „Pressekurier“ eingestellt. Das Gastromagazin „Pasta“ verschiebt die erste Ausgabe des Jahres auf einen unbestimmten Zeitpunkt. „Andere haben Erscheinungen. Wir warten bis der Spuk vorbei ist“, schreiben die Herausgeber, Till Gabriel und Cornelius Martens auf Facebook. In der Pandemie bricht die Gastronomie, ein Großteil Auslegestellen weg. Und „Paparazzi“? Die MĂŒllers haben gedruckt und suchen „Premium-Ausleger.“

HĂ€ringer entdeckt in der „Paparazzi“- Ausgabe vom Oktober 2020 weitere angreifbare Formulierungen. MĂŒller nennt QuarantĂ€ne-Einrichtungen in Neuseeland „Konzentrationslager“. Und er bezeichnet diejenigen, die an der Pandemie verdienen, als „Hochfinanz“ - ein abwertender Begriff der Nationalsozialisten fĂŒr jĂŒdische Bankiers.

„Ist Ihnen auch schon mal die Idee gekommen, dass die Bevölkerung vielleicht sogar auf perfide Weise als Spielball von einigen MĂ€chtigen missbraucht wird?“, fragt MĂŒller. Er bedient wiederholt Verschwörungstheoretiker. Ist er selbst Teil der Bewegung?

Auf BR-Anfragen zur Ausrichtung seines Blatts reagiert er nicht. Was sollte er sagen? Seine ErzĂ€hlungen sind Wasser auf die MĂŒhlen der Passauer „Querdenker“- Bewegungen, zwei Vereine, die Frauenarzt Ronald Weikl und seine Tochter Julia gegrĂŒndet haben: „Mediziner und Wissenschaftler fĂŒr Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ und „Freiheit2020“. Und umgekehrt: MĂŒllers ErzĂ€hlungen wiederholen deren Geschwurbel von der PandemielĂŒge.

Es gibt thematische Querverbindungen innerhalb der Familie. In der Innstadt hat „Querdenker“-Chefanwalt Markus Haintz seine Niederlassung eröffnet. Die Kanzlei, die sich um alle Rechtsfragen der Bewegung kĂŒmmert, wird geleitet von Raphaela Dichtl, die in der Bewegung „Freiheit2020“ mitmarschiert. Sie tritt aktiv bei „Querdenker“- Kundgebungen und MĂŒnchen und Passau auf. Es verwundert nicht: Der „Paparazzi“-Chef ist ihr Onkel.

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KĂ€mpfen wie Bruce Lee Paparazzi-Schreiber Matthias MĂŒller schaltet in seinem Blatt ganzseitige Eigenanzeigen, in denen er seine Pockinger Kampfsportschule bewirbt: KĂ€mpfen wie der „legendĂ€re Bruce Lee“. (Bild: Paparazzi)

„Meinungsmache zwischen WohlfĂŒhl- Geschichten“, ĂŒberschreibt der BR seine „Paparazzi“-Geschichte. HĂ€ringer will wissen, wie die Werbekunden auf MĂŒllers BeitrĂ€ge reagieren. „Doch bis auf wenige Ausnahmen scheint es die Anzeigenkunden nicht zu stören“, ist ihr Fazit. Und diejenigen, die abgesprungen sind, möchten namentlich nicht erwĂ€hnt werden. Corona-Leugner können angeblich lĂ€stig werden.

Auszug aus der BR-Recherche: „Eine Firma aus dem Bayerischen Wald störte sich im Sommer an den Inhalten und wollte ihre Anzeige zurĂŒckziehen. Als das wegen des Vertrags nicht ging, ließ sie diese SĂ€tze drucken: „Hier sollte unsere Werbung stehen, aber: Leider ist uns die schwere Kost in der Paparazzi ĂŒberhaupt nicht bekommen. Aus diesem Grund möchten wir nicht mehr durch eine Anzeigenschaltung mit diesem Medium in Verbindung gebracht werden.“

Der Bayerische Rundfunk erhĂ€lt beim Deutschen Presserat dieselbe Auskunft wie einst diese Redaktion: AnzeigenblĂ€tter können bei ethischen VerstĂ¶ĂŸen nicht gerĂŒgt werden. Deren Verleger haben sich der freiwilligen Selbstkontrolle durch diese Instanz nie unterworfen. Niemand kann sie zwingen. Die Inhalte von „Paparazzi“ werden auch im Netz angeboten. Ein Fall fĂŒr die neue Kompetenz der Landesmedienanstalten?

GratisblĂ€tter dĂŒrften nicht damit durchkommen, ganz bequem Unwahrheiten zu verbreiten, zitiert der BR Michael Busch, den Vorsitzenden des Bayerischen Journalistenverbandes. Dieser will sich fĂŒr neue Regelungen einsetzen.

Stammkunden wirken zudem auf das Blatt ein. Sie habe sich bei MĂŒllers Ehefrau, Ansprechpartnerin fĂŒrs Marketing, beschwert, darauf sei die Kolumne eine Zeitlang harmloser geworden, berichtet eine Unternehmenssprecherin.

 

Erschienen im BĂŒrgerblick Nr.143, MĂ€rz 2021

 
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