Donnerstag, 25. Februar 2021
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Bayern >> Freitag, 05. Februar 21

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Januar im Stadtgebiet Passau: tägliche aktive Fälle (orange), tägliche neue Fälle (blau) und grau summiert der Anstieg der Todeszahlen.
Die Corona-Lage

Burnout im Klinikum, ungebremste Todeszahlen und Impfnotstand

Die Seuche hat das Land fest im Griff.

Die Corona-Inzidenz verharrt im Stadtgebiet lange bei 200, seit Wochenmitte deutlich darunter. Der Landkreis erholte sich, aber im Landkreis Regen war kurzfristig wieder die 250er Marke erreicht. Warum? Die Kontaktsperren sind nicht vergleichbar mit denen im FrĂŒhjahr, aus der ersten Welle sind wir mit einer kleinen zweistelligen Inzidenz in den Sommer gegangen. Die GesundheitsĂ€mter hatten alles unter Kontrolle, jetzt: Fehlanzeige.

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April im Stadtgebiet Passau: tÀgliche aktive FÀlle (orange), tÀgliche neue FÀlle (blau) und grau summiert der Anstieg der Todeszahlen.
Wer nach Lockerungen ruft, sollte der Wahrheit ins Auge blicken: Die aktuellen Zahlen liegen noch immer doppelt so hoch wie zur Spitze im FrĂŒhjahr. Die zweite Welle traf unsere Heimat mit fast der vierfachen Wucht gemessen an der Ausbreitung, mit dem zehnfachen Leid gemessen an der Zahl der Toten. Und wir sind noch nicht am Ende der Welle. Der Autor hat die 180 Daten der Monate April 2020, das abklingen von der Spitze, und Januar 2021 ausgewertet und in einer Tabelle verglichen: Zahl der registrierten aktiven VirustrĂ€ger im Stadtgebiet, Zahl der tĂ€glich gemeldeten neuen FĂ€lle, Zahl der SterbefĂ€lle. Sehen Sie dazu die Grafiken.

41 SterbefÀlle seit Sonntag
Die Welle schlÀgt verzögert in den Kliniken, danach auf den Friedhöfen ein. Stadt und Landkreis Passau melden seit Sonntag 41 SterbefÀlle, davon 37 der Landkreis. Viele Betagte und Hochbetagte, aber auch MÀnner und Frauen, die erst vor Kurzem das Rentenalter erreicht hatten.Diese Woche war gemessen an den Sterbezahlen die schlimmste in der Pandemie.

41 Tote meldeten Stadt und Landkreis Passau seit Sonntag, davon allein das Land 37. Allein heute, Freitag, meldet das Landratsamt 12. Nach unseren Aufzeichnungen die bisher höchste Sterbezahl an einem Tag.

Zur Einordnung: In der gesamten ersten Welle hatte es im Landkreis 31, in der Stadt 21 Tote gegeben. Jetzt summieren sich die registrierten SterbefĂ€lle auf ĂŒber 350: 99 in der Stadt und 253 auf dem Land.
Statistik: Mit 187 Toten je 100.000 Einwohner haben das Stadtgebiet und mit 132 Toten der Landkreis Passau einen Wert erreicht, der doppelt und fast dreifach ĂŒber dem deutschen Durchschnitt von 72 (landesweit 60.000 Tote) liegt.

 

Mit 85 Patienten, Stand Dienstag, ist die Zahl der Patienten im Klinikum Passau nach wie vor hoch, die KreiskrankenhĂ€user zĂ€hlen 59. KĂŒnstlich beatmet werden 10 Corona-Erkrankte.

Der Aufruf der Regierung an die Unternehmen, die BeschĂ€ftigten so weit wie möglich in Heimarbeit zu schicken, verhallt mancherorts ungehört. WĂ€hrend die Zahnradfabrik beispielsweise sofort reagierte und die Kontakte zumindest in den BĂŒros beschrĂ€nkte, ducken sich mittelstĂ€ndische Unternehmen weg. Wo keine Strafe, da kein Zwang.

Die Redaktion kennt FĂ€lle. Da ist der Betreiber eines Autohauses, der seine Rechnerprogramme auf den neuesten Stand gebracht hat, damit der digitale Austausch mit den Computern am Heimarbeitsplatz funktionieren kann. Aber die Leute sitzen danach weiter zusammen in den BĂŒros. „Mitte Februar ist der Lockdown sowieso vorbei, dass kann man noch abwarten“, heißt es vom Chef. Andere Arbeitgeber versenden Schreiben, in denen ausdrĂŒcklich darauf hingewiesen wird, dass "Homeoffice" keine Pflicht, also nicht angeordnet ist. Zwischen den Zeilen lĂ€sst sich lesen, dass es nicht erwĂŒnscht ist.

Es lĂ€uft an vielen Orten lasch. Beispiel Kindergarten, ein Virusknoten zu den Familien und den Kontaktpersonen der KindergĂ€rtnerinnen. Das bayerische Kabinett hat beschlossen, dass jeder Kinderbetreuende zwei (in Worten: zwei) FFP2-Masken erhĂ€lt. „Die Masken können beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit im öffentlichen Nahverkehr oder auch in der Kindertageseinrichtung genutzt werden, beispielsweise bei ElterngesprĂ€chen“, heißt es.  Und ein Satz folgt, der Eltern empört, die nicht wollen, dass ihr Kind das Virus nach Hause bringt: Eine Pflicht zum Tragen einer FFP-2-Maske am Arbeitsplatz bestehe nicht.

Eine Meldung der Stadt Passau belegt, wie berechtigt die Sorge mancher Eltern ist. An zwei stĂ€dtischen Kindertageseinrichtungen sind drei BeschĂ€ftigte positiv getestet wurden, bedeutet QuarantĂ€ne fĂŒr acht Kinder und vier Kolleginnen. Es gibt Beruhigendes von Wissenschaftlern. Kindern bis 12 Jahre stecken sich weniger an und sind weniger ansteckend als Erwachsene. Ab 12 gebe es keine Unterschiede zum Erwachsenen mehr, erklĂ€rte gestern Karl Lauterbach in Berufung auf aktuelle Studien in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz. Noch eine gute Nachricht: Der russische Impfstoff beweist sich offenbar fast genau so hochwirksam wie Biontech/ Pfizer und Moderna. 

"Alles wird auf den RĂŒcken der Gastronomie und der HĂ€ndler ausgetragen, Handwerk und BĂŒros sind nicht betroffen", Ă€rgert sich ein GeschĂ€ftsmann aus dem Neumarkt. Er hat das Protestplakat "Wir machen auf..." ins Schaufenster geklebt. Dass er als wirtschaftlich schwer Angeschlagener den "Querdenkern"  an den Lippen hĂ€ngt, will er nicht leugnen. "Dann gehöre ich eben auch zu den Verschwörungstheoretikern."

Der sogenannte Lockdown verdient seine Bezeichnung nicht. Die Coronasperren kamen zu spĂ€t und zu zaghaft. Jetzt ziehen sie sich wie Kaugummi und zerren an den Nerven. Der Reporter erhĂ€lt Fragen wie diese: Wer um 23 Uhr alleine auf der Straße unterwegs ist riskiert ein Bußgeld von 500 Euro, aber wenn er zehn Stunden spĂ€ter mit zehn Leuten im GroßrĂ€umbĂŒro sitzt, besteht offenbar keine Ansteckungsgefahr?

Die Politik mĂŒsste ihre Maßnahmen besser erklĂ€ren und zugleich offenlegen, warum sie da und dort zaudert. Die Ausgangssperre ist zweifellos ein wirksames Mittel, private Treffen zu unterbinden. Aber GroßraumbĂŒro und Bauhandwerk traut sich keiner strafbewehrt einzuschrĂ€nken, der Aufschrei von Handel, Gastro und Kultur ist schon laut genug. Der Staat schickt Gutscheine fĂŒr FFP2-Masken. Das ist keine Schikane, sondern ein Verzweiflungsakt.

Wir haben uns eine Reihe von Fragen notiert, die wir die nÀchsten Tage abarbeiten.

  • Wer sind die tagtĂ€glich rund 200 Passauer, die nachgewiesen das Coronavirus tragen?
  • Statt einer Halle in Kohlbruck genĂŒgte das Wartezimmer eines Hausarztes, um die Impfungen abzuwickeln. Wird die jemals gebraucht werden und wie lange werden sich die Impfungen hinziehen?
  • Was hat wirklich zum "Burn Out" im Klinikum gefĂŒhrt?

Wir wollten zum Stichtag 29. Januar die Altersstruktur der 195 Ansteckenden und Erkrankten im Stadtgebiet, der sogenannten Aktiven wissen:

  • 29 Prozent der aktuell Infizierten sind Ă€lter als 80, die meisten Betroffenen sind Heimbewohner. In absoluten Zahlen: 57 der 195.
  • 43 Prozent sind 59 Jahre und jĂŒnger. In absoluten Zahlen: 83 der 195, darunter 6 Kinder. In dieser Altersgruppe jĂŒnger als 59 fallen auch die 58 BeschĂ€ftigten im Klinikum.
  • 28 Prozent sind 60 bis 79 Jahre alt. In absoluten Zahlen: 55 von 195.

Die Rechercheure des Gesundheitsamtes haben seit Monaten den Überblick ĂŒber die Ausbreitung verloren. Jeder positiv Getestete zĂ€hlt im Schnitt vielleicht zehn Kontaktpersonen aus dem beruflichen und privaten Umfeld. Bei 20 neuen FĂ€llen wĂ€ren 200 GefĂ€hrdete zu infomieren. Die Nachfragen der BĂŒrgermeister oder LandrĂ€te, wo sich die Seuche verbreitet, ob es bestimmte Nester gibt, geht meist ins Leere. "Die Lage ist diffus"", lautet die Standardauskunft. Mitwirkende gehen davon aus, dass immer hĂ€ufiger Infizierte dem Gesundheitsamt gegenĂŒber bewusst ihre Kontaktpersonen verschweigen, damit diese einer QuarantĂ€neanordnung entgehen. Sie glauben damit Bekannten und Freunden einen Gefallen zu tun. Befinden sich in der unbekannten Kette symptomlose Verbreiter, grassiert die Seuche aufs Neue. Es wĂŒrde erkĂ€ren, warum die Infektionszahlen so schleppend nach unten gehen. Analysen sind zudem erschwert, da die GesundheitsĂ€mter nicht die Berufe der Betroffenen erfassen. Diese Angaben könnten hilfreich sein, die Schutzmaßnahmen sinnvoll auszurichten.

Diejenigen Kritiker, die rufen „Die vulnerablen Gruppen mĂŒssen geschĂŒtzt werden“ sind bisweilen dieselben, die mahnend auf die Freiheitsrechte pochen „Die Alten darf man nicht einsperren!“ Das Virus wird in den Alten- und Pflegeheimen nicht geboren. Es wird hineingetragen. Mutmaßlich von Menschen der Altersgruppe, die Sie oben in den 43 Prozent finden. PflegekrĂ€fte, Lieferanten, Besucher. Die Wahrheit, die keiner ruft: Alle Pflegenden und Mediziner, die Kontakt zu den Alten und Patienten haben, auch MĂŒtter und VĂ€ter, mĂŒssten sich selbst im Privatleben wegsperren, dĂŒrften zu niemanden Kontakt haben. Durchsetzbar? RegelmĂ€ssige Reihentestungen wĂŒrden ersatzweise das Risiko minimieren. Nachfragen ergeben, dass diese selbst bei Personal an der Coronafront maximal einmal die Woche stattfinden. Massentest sehen andere LĂ€nder als probates Mittel, Brandherde einzudĂ€mmen und zu löschen. Zu viele Testungen treiben die Zahlen in die Höhe, ist eine weit verbreitete falsche ErzĂ€hlung. Fakt ist, sie merzen das Virus aus, denn VirustrĂ€ger lassen sich schneller isolieren. 

Impfen im Schneckentempo
Damit eine Stadt wie Passau gegen das Coronavirus weitgehend immun ist, mĂŒssten 60 Prozent der Bevölkerung, das sind etwa 31.800 Menschen, an Corona genesen oder geimpft sein. FĂŒr das derzeitigen Impftempo haben wir hochgerechnet, wann das so weit wĂ€re:

  • Im Juli 2024, also in dreieinhalb Jahren, bei derzeit 25 Neugeimpften in Passau pro Tag.
  • Im April 2023, also in zwei Jahren und zwei Monaten, falls die Zahl der Neuinfektionen auf dem letzten Niveau, bei 15 pro Tag, verharrt (Inzidenz 105, viel zu hoch).

Die Wahrheit wird wohl hoffentlich woanders liegen, realistisch ist Sommer 2022.

Wir sind derzeit bei einem Zehntel der möglichen ImpfkapazitĂ€t. Erinnern wir uns, was gesagt wurde, als die Impfhalle in Kohlbruck, die X-Point-Halle, zum Jahresende vorgestellt woren ist: Theoretisch könnten hier tĂ€glich 200 Impfungen durchgefĂŒhrt werden, weitere 100 von zwei Teams im Außendienst. Bei diesem Höchsttempo wĂ€re Passau durchgeimpft bis Mai.

Im Klinikum Passau hat der wochenlange Corona-Marathon mit zeitweise ĂŒber 100 Patienten dazu gefĂŒhrt, dass das Personal ausgebrannt ist, physisch und psychisch. Am Freitagnachmittag hatte die Pressesprecherin die Nachricht verbreitet, die landesweit fĂŒr Aufsehen sorgte: Das Klinikum sei an seinen KapazitĂ€tsgrenzen angelangt, es meldet sich insofern ab, als nur mehr NotfĂ€lle aufgenommen werden. Was nĂŒtzt das freie Krankenhausbett, wenn das Personal fehlt, dieses zu betreuen? Liegt hier das Problem? Was die Ursachen im Klinikum betrifft, steht eine genaue ErklĂ€rung noch aus. Es wird hier nachgetragen. Der Ausfall von 58 BeschĂ€ftigten spielt sicher mit eine Rolle.

Diese alarmierende Meldung aus dem Klinikum vom Freitag hat dieses Magazin nicht sofort in die Schlagzeilen gehoben. Sind die Redaktionen schon vom bestimmten Stimmen im Netz derart eingeschĂŒchtert, dass sie Nachrichten unterdrĂŒcken, um nicht als Panikmacher dazustehen? Die Anfrage eines Lesers wird ehrlich beantwortet: Der Reporter war an diesem Tag in den Vertrieb eingebunden, Etiketten kleben und Zeitungspakete befördern. Die Ein-Mann-Redaktion war nicht besetzt, wir sind keine Tageszeitungsredaktion.

Beitrag wird regelmĂ€ssig ergĂ€nzt und ĂŒberarbeitet.



 

 
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