Dienstag, 24. November 2020
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Lokalnachrichten >> Sonntag, 15. November 20

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Der Landkreis Freyung-Grafenau führt heute bundesweit die Corona-Statistiken an: Inzidenz 406. (Grafik: RKI)
Deutschlandweiter Spitzenwert

Corona-Brandherd Freyung-Grafenau: Sind Bayerwaldburschen die ZĂŒndler?

„Scheiß da nix, dann feit da nix!“ In Zeiten der Seuche sind die kernigen SprĂŒche aus dem Bayerwald eine schlechte Empfehlung. Der Landkreis Freyung-Grafenau, lange Zeit in der zweiten Welle ein gelber Fleck auf der roten Karte, hat alle Kommunen Deutschlands heute ĂŒberholt: Pandemie-Index 406!

Die Lage im Bayerischen Wald und im beschaulichen Österreich. Es gibt Parallelen. „Burschen reißt Euch zsamm“, hatte der österreichische Gesundheitsminister Rudi Anschober Mitte August in seinem Land ausgerufen. Vergeblich. Ab Dienstag wird im Nachbarland wieder der Ausnahmezustand verhĂ€ngt. Gendergerecht gilt nachzutragen, dass sich die VirustrĂ€ger- und verbreiter in der Generation 15 bis 24 nicht unterscheiden. Beide Geschlechter gleichauf. Sie sind beispielsweise in Oberösterreich mit je 3.500 Infizierten, gerechnet seit Seuchenbeginn auf 100.000 Einwohner, die stĂ€rkste Altersgruppe unter den positiv Getesteten.

In der ersten Welle hinkte Bayern bei den Maßnahmen Österreich zwei Wochen hinterher. MinisterprĂ€sident Markus Söder ĂŒbernahm das Modell von Kanzler Sebastian Kurz. In der zweiten Welle ist es umgekehrt: Österreich hat es verschlafen, rechtzeitig die Bremse zu ziehen. Ihr „harter Lockdown“ kommt zwei Wochen nach dem „Lockdown light“ in Bayern.

Die erste Kommune unserer Region, die als Corona-Brennpunkt in den bundesweiten Medien fĂŒr Aufsehen sorgte, war Ende Oktober der Landkreis Rottal-Inn. Die 300er-Marke war alarmierend, die strengen Sondermaßnahmen haben gewirkt. Stand heute: 148.

Freyunger Landrat ruft zur Pressekonferenz

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Landrat Sebastian Gruber will heute um 15 Uhr der Presse die Lage erklĂ€ren. Anwesenheitspflicht fĂŒr Lokalreporter, denn eine digitale Übertragung gibt es nicht. (Foto: Landratsamt)
Landrat Sebastian Gruber von Freyung-Grafenau hat die Nachricht vom RKI am Sonntag wachgerĂŒttelt. Er ruft zur sonntĂ€glichen Pressekonferenz um 15 Uhr im Großen Sitzungssaal des Landratsamtes. Eine Live-Übertragung ins Netz, die angesichts der Coronalage angebracht wĂ€re, sei nicht möglich, sagt Pressesprecher Karl Matschiner auf Anfrage. Der dafĂŒr notwendige junge Kollege, offenbar der einzige Fachkundige, sei nicht verfĂŒgbar; er ist gerade Vater geworden.

Der Autor schiebt einen Kommentar ein: Die Politikerinnen und Politiker sind meistens die PrĂŒgelknaben der Pandemie. Doch eigentlich sollten auf dem Podium vor der Presse die Verursacher und nicht die Verordner stehen: die Vertreter der guten Laune und ungeschĂŒtzten Geselligkeit, die „Scheiß da nix, dann feit da nix“ aufgerufen haben.

Scheitel der zweiten Welle erreicht?

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Die Coronakurve steigt steil an im Landkreis Freyung-Grafenau. Das war vor zwei Wochen schon sichtbar. (Grafik: Landratsamt)
Freyung-Grafenau ist also ab heute deutscher Corona-Brennpunkt: Der Landrat will versuchen, die Lage zu erklĂ€ren. Das wird schwierig. GrĂ¶ĂŸere VirenausbrĂŒche in Altenheimen, Schulen oder KindergĂ€rten gebe es nicht, sagt Pressesprecher Karl Matschiner. Er nennt das Ausbruchsgeschehen „diffus“. „Es tröpfelt ĂŒberall herein“, sagt er. Klar: In der Summe wird aus vielen PfĂŒtzen ein See. Es sei doch lange Zeit so gut gelaufen, man sei „im Kielwasser der anderen hinterhergefahren“, meint Matschiner. Er ist zuversichtlich, dass „mit dem aktuellen Wert der Scheitel erreicht ist“.

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Die Zahl der aktiven Infizierten (gelb) am 2. November: Gerechnet auf die Einwohnerzahl wĂŒtet die Seuche in der kleinen Gemeinde Jandelsbrunn stĂ€rker als in der Stadt Waldkirchen. (Grafik: Landratsamt)
Wie sieht es in den einzelnen Gemeinden des Bayerwaldlandkreises aus? Als im Gesundheitsamt „Land unter“ war, blieb fĂŒr die kommunalen Auswertungen keine Zeit mehr. Die Veröffentlichungen wurden nach dem 2. November eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt zĂ€hlte die zweite Welle bereits mehr als doppelt so viele positiv Getestete wie die erste.

Wo liegen die Brandherde innerhalb des Landkreises? Gemessen an den Zahlen der letzten Grafik, dem Ausgangsgeschehen fĂŒr die jetzige Lage, lag die Stadt Freyung in der Inzidenz bei 300, wĂ€hrend das Wirtschaftszentrum Waldkirchen bei 580 lag. Doch die Virustreiber sitzen offenbar woanders, auf den Dörfern. Dort, wo keine Polizeistreifen prĂ€sent sind, wo Corona gefĂŒhlt „weit weg“ ist.

Hotspot Jandelsbrunn
Das erklĂ€rt die Spitzenreiter: Blick auf die 3.300-Einwohner-Gemeinde Jandelsbrunn, die vor zwei Wochen rechnerisch schon bei Inzidenz 600 lag. Ein Anrufer berichtet, was er vom dortigen Ausbruchsgeschehen erfahren hat. Da habe es in Hintereben, einem Ortsteil, eine Gruppe von Burschen gegeben, die "auf Teufel komm raus" gefeiert hĂ€tten. Jetzt sei von ihnen nichts mehr zu sehen, alle positiv getestet, alle in hĂ€uslicher Isolation. Sie machten sich schwer VorwĂŒrfe. Eine Frau aus Hintereben ist angesteckt worden. Die Patientin Mitte 50 soll in einem Krankenhaus um ihr Leben kĂ€mpfen. Nachtrag: Am 2. November waren es laut Grafik 15 aktive Infizierte, bis zum 15. November kamen, wie uns auf Anfrage mitgeteilt wird, weitere 44 FĂ€lle hinzu.

Zur Pressekonferenz von Landrat Sebastian Gruber

Keine eindeutigen Cluster und Muster
Der Landrat sagt, es seien keine eindeutigen Cluster und Muster erkennbar. Er zÀhlt die vereinzelten VireneintrÀge an vier Schulen auf. es zeige, dass die Hygienekonzepte funktionierten. Der

Morgen Schulbetrieb wie gewöhnlich
Schulbetrieb werde auf jeden Fall am morgigen Montag normal weitergehen. Dann werde man im GesprĂ€ch mit den Schulleitern sondieren, entscheiden, ob einzelne Schließungen notwendig sind. Zwischen den beiden Polen in der Gesellschaft gebe es keinen Königsweg, sagt er. Die einen sagen „Ihr mĂŒsst KindergĂ€rten und Schulen unbedingt schließen!“, die anderen sagen „Nein, die mĂŒssen unbedingt offenbleiben!“ Es sei auf keinen Fall eine Lösung, die Betreuung in die HĂ€nde von Großeltern oder Nachbarn zu geben, so Gruber

Private Treffen einschrÀnken
Er spricht an, dass die Ursachen des Geschehens wohl im Privaten liegen. Er appelliert an den gesunden Menschenverstand. Auszureizen, was die Regeln hergeben, sei nicht vernĂŒnftig. Er nennt als Beispiel, wie es nicht sein sollte, aber offenbar vorkommt: Sich jeden Tag mit einem anderen Haushalt zu treffen, stets an der Obergrenze von zehn Personen. Er habe VerstĂ€ndnis fĂŒr die WĂŒnsche, dass man sich zum Kartenspiel zusammensetzen will. Er könne das gut nachvollziehen, weil er selbst aus einem Wirtshaus stamme. „Ich will ĂŒber die Jugend nicht den Stab brechen“, betont er. Denn die angesprochenen privaten Treffen betrĂ€fen alle Altersgruppen.

BeschrĂ€nkte Besuchszeiten fĂŒr Risikogruppen
Die erste Maßnahme gilt den Risikogruppen, in KrankenhĂ€usern, Pflege- und Altenheimen: Die Besuchszeiten werden auf eine Person am Tag auf eine bestimmte Zeit und maximal 30 Minuten beschrĂ€nkt. Davon ausgenommen sei die Sterbebegleitung.

Zeitaufwand: FĂŒr Recherche drei Stunden, fĂŒr Zusammenfassen, Texten, Erstellen vier Stunden. Quellen: GesprĂ€che mit Vertretern von Vereinen und betroffenen Einrichtungen im Bezirk Eferding, Telefonate mit Landkreispressesprecher, Informant aus Hintereben, Eingeladene zu Freyunger Geburtstagsfeiern, Veröffentlichungen der Ministerien, Sichtung und Auswertung der Daten und berechnen der individuellen Inzidenzen aufgrund der Aktivenzahlen; Veröffentlichungen und Grafiken des Landkreises Freyung Grafenau.

 
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