Dienstag, 11. August 2020
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Lokalnachrichten >> Samstag, 01. August 20

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Zwei Passauer Polizeibeamte bewachen am Bahnsteig einen Tatverdächigen aus dem Nachtexpreß Hamburg-Wien. Er sitzt auf einer Wartebank, hat sein Gepäck; Rucksack und Rollkoffer, abgelegt. (Foto: mediendenk)
Recherche-Notstand

Staatsanwältin verhängt Maulkorb über Sexverbrechen im Nachtexpress

Eine nach Informationen dieses Magazins rumänische Staatsbürgerin zeigt eine Vergewaltigung im Nachtzug an. Hunderte Passagiere sitzen wegen der Ermittlungen fast drei Stunden am Passauer Hauptbahnhof fest. Bundespolizei, Landespolizei und Kriminalpolizei sind eingeschaltet. Es geht um ein Verbrechen. Ein Deutscher wird abgeführt und steht unter Tatverdacht - oder vielleicht nicht mehr.

Zwölf Stunden sind seitdem vergangen und der Reporter will wissen, was von öffentlichem Interesse ist: Sitzt der Tatverdächtige in der Polizeizelle, weil die Beweislage erdrückend ist und er in Kürze dem Haftrichter vorgeführt wird? Oder konnte der Betroffene die Anschuldigungen glaubhaft widerlegen und ist wieder auf freiem Fuß? Also viel Wirbel um Nichts?

Die Informationspflicht an die Presse ist in Passau heute in eine Schieflage geraten.

Eine offenbar in Medienarbeit unerfahrene Staatsanwältin hat angeordnet, dass die Behörden über diesen Fall Stillschweigen zu bewahren haben. Bis Montag. Erst dann werde es eine Presseerklärung geben.

Wie bitte?

An den 48-stündigen Maulkorb der Staatsanwaltschaft müssen sich alle halten: die hochrangigen Polizeibeamten der Direktion in Straubing, die an einem solchem Tag für Presseauskünfte zuständig sind; die mit den Ermittlungen befassten Kripobeamten sowieso, die ohne Erlaubnis grundsätzlich nicht mit Reportern sprechen dürfen.

Polizeireporter sind zunehmend dem Diktat einer strikten Machtstruktur in den Behörden unterworfen. Der journalistische Grundsatz, jede Nachricht mit einer zweiten Quelle gegenzuprüfen, ist unmöglich geworden, wenn der Reporter nicht zufällig selbst vor Ort war oder auf Augenzeugen trifft. Wenn die Arbeit der Journalisten derart beschränkt wird, leidet die Glaubwürdigkeit ihrer Berichte – die nur eine Quelle und deren Intension wiedergeben können - und die der damit befassten Behörden. Alle Informationskanäle auf einen einzigen Auskunftgeber zu bündeln, hat dieser Autor seit jeher kritisiert. Der Journalist braucht Hintergründe, mehrere Gesprächspartner, muss einordnen und abwägen können. Das Misstrauen in die eigenen Beamtinnen und Beamten ist offenbar groß.

Wer hat im Fall der mutmaßlichen Vergewaltigung im Nachtexpress Hamburg-Wien die Pressesperre angeordnet?

Es ist eine Passauer Staatsanwältin, die am heutigen Tag Jourdienst hat. Sie hat dem Reporter und seinen Kolleginnen, die im Kreis telefonierten, an diesem Samstag viel Zeit gestohlen. Der Autor wird den Fall zum Anlass nehmen, sich wegen dieser Auskunftssperre zu beschweren. Die einfache Frage „Haftvorführung oder nicht?“ ist für eine Bewertung der Schwere des Falls und seiner journalistischen Umsetzung wichtig und kann nach 24 Stunden mit einem einfachen "Ja" oder "Nein" beantwortet werden. Diese Frage greift weder in Persönlichkeitsrechte noch in die Ermittlungen ein.

Die Zusammenarbeit mit der Presse ist kein Machtspiel, wie es innerhalb der Polizei- und Ermittlungsbehörden offenbar um sich greift, sondern eine Verpflichtung der Öffentlichkeit gegenüber, welche der Journalist vertritt.

Hubert Jakob Denk
 

 
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