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SZ-Inserat: Heimatzeitungen holen sich neuerdings einen Hauch Amerika in die Redaktion, den Newsdeskmanager. Er soll die große, weite Welt der Nachrichten anrühren wie Barkeeper einen raffinierten Drink. (Photos: Tobias Köhler)
Skandale am Nachrichtentisch

Heimatzeitung sucht "Newsdeskmanager"

Passau - "Newsdeskmanager" nennt eine niederbayerische Verlegerin einen neuen Redakteursposten, der ihren Sparwillen durchsetzen und verstaubte Strukturen brechen soll. Ein EX-BILD-Mann wurde berufen und es staubt gewaltig im Haus. Da stolpert die Branche über eine aktuelle Anzeige in der Süddeutschen: "Newsdeskmanager" dringend gesucht.

Wenn mehrere Redakteure verschiedener Ressorts in einem Großraumbüro an einem zentralen Tisch telefonieren und schreiben, dann nennt sich dieser Arbeitsplatz im neuen Verlagsdeutsch „Newsdesk“. Dieser Nachrichtentisch ist bei Verlegern gerade beliebt geworden, weil er Lohnkosten spart: jeder kann jeden vertreten, das senkt Personalbedarf; Hierarchien entfallen und mit ihnen Zulagen für leitende Funktionen. Was Geräuschpegel und Vertraulichkeit des Wortes anbelangen, ist der „Newsdesk“ eher eine Zumutung.

Auch die Umsetzung, so musste zum Beispiel die kostenbewusste Verlegerin der „Passauer Neue Presse“ (PNP) feststellen, klappt nicht unbedingt reibungslos. Ehemalige Leithammel sollen plötzlich wieder im Rudel laufen. Das bedarf eines Trainings – und eines neuen Leithammels, genannt „Newsdeskmanager“.

Der „Newsdeskmanager“ hat also, wie man sich jetzt denken kann, eine undankbare Aufgabe. Die PNP-Verlegerin verpflichtete dafür jemanden, der Schlimmeres gewohnt ist: einen pensionierten Nachrichten-Redakteur der BILD-Zeitung. Allenfalls die Chefetage mag sich daran ergötzen, was sich seitdem im Newsdesk-„Großraumkäfig“ ereignet. Die Dramen spielen sich nicht auf den Textbildschirmen, sondern davor ab. Der neue Leithammel senkt seine Hörner gegen die alten. Im Klartext: Der BILD-Mann schreit bei jedem Fehler „Sabotage“, die PNP-Mannschaft beklagt den täglichen „Psychoterror“.

Die Grenzen im Großraumbüro sind überschritten. Das Treiben zwischen „menschenunwürdiger Behandlung“ und „sexueller Beleidigung“ beschäftigt mittlerweile den Bayerischen Journalistenverband (BJV) und den Betriebsrat.

Die Verlegerin beschäftigt dies, wie zu vernehmen ist, weniger; obwohl ihr ein offizieller Beschwerdebrief vorliegt. Wenn jemand etwas vorzubringen habe, dann solle er zur Polizei gehen und Anzeige erstatten, empfahl sie allen Ernstes in einem Telefonat der Klageführerin des BJV.

Die Begeisterung für den „Newsdesk“ ist trotz dieser erschreckenden Einblicke in die Passauer Verhältnisse offenbar ungebrochen. Es gibt neuen Bedarf im Lande für einen Redakteur, der ins Profil „Newsdeskmanager“ passt. Eine „angesehene bayerische Heimatzeitung“, so entnehmen wir dem Stellungsmarkt der Süddeutschen Zeitung vom Samstag, sucht schnellstmöglichst einen selbigen.

Der Autor dieser Zeilen hätte beinahe selbst die Bewerbung ergriffen, dann kam ihm ein leiser Verdacht. Die „angesehene Heimatzeitung“, die sich hinter einer Chiffre-Nummer versteckt, wird doch nicht etwa…

 
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