Freitag, 22. November 2019
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Bayern >> Dienstag, 22. Oktober 19

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Kunstrasen mit Altreifenkrümel, Warnhinweise beim VfB Grubweg (Foto: mediendenk
Giftiges GrĂŒn

Kicken auf Altreifen

Passau/ Vilshofen - Jeder Fußballverein wĂŒnscht sich einen Kunstrasenplatz. In Passau-Haibach soll im kommenden Jahr auf Betreiben der CSU der nĂ€chste gebaut werden. Die PlĂ€tze kosten fast eine Million Euro und sind umstritten. Die Granulate unter den Plastikhalmen sind Gift fĂŒr die Umwelt. In Schalding links der Donau entstand deshalb der erste mit NaturkorkfĂŒllung.

BĂŒrgerblick-Abonnenten kennen diesen Beitrag vom Magazin Nr. 126, Mai.

Die Jubelberichte der Heimatzeitung zum Bau von manchen KunstrasenplĂ€tzen hinterlassen heute ein beklemmendes GefĂŒhl. Die Vereine, die Politiker, die Sponsoren, alle haben verdrĂ€ngt, dass als DĂ€mmschicht zerkleinerte Altreifen in die Landschaft gekippt worden sind; giftiger Gummi mit krebserregenden, erbgutverĂ€ndernden Stoffen. BĂŒrgerblick-Reporter wollten wissen, welche PlĂ€tze betroffen sind. Die Bauherren schweigen, wir decken es auf: Es sind mindestens vier in Stadt und Land.

Der fast zwei Meter hohe Zaun könnte die Außenanlage eines GefĂ€ngnisses umgeben. Doch dahinter breitet sich eine Sportanlage aus. Auf dem Sperrgebiet zwischen Wiesen und Äckern im Westen der Stadt, hoch ĂŒber dem sĂŒdlichen Donautal, liegt ein großer Fußballplatz mit TribĂŒne, ein Vereinsheim mit Terrasse und etwas tiefer gelegen am Waldrand zwei weitere SportplĂ€tze. Es hat viel geregnet, der Boden ist weich. „Rasen fĂŒr Training gesperrt!“ verkĂŒndet ein Schild auf dem durchweichten Fußballplatz. Wie praktisch fĂŒr die Benutzer dieser Sportanlage, dass sie auf eines der hinteren Spielfelder, den Kunstrasenplatz, ausweichen können. Es sind unsere besten Spieler. SV Schalding-Heining, Regionalliga.

Die Reporter sind an den Reuthinger Weg gekommen, um den Beweis zu finden, dass es stimmt, was sie erfahren haben: Hier soll ein hollĂ€ndischer Hersteller namens „Greenfields“ das umstrittene Altreifengranulat verwendet haben. Auf dem beim Eingang am Zaun montierten Schild steht es neben einem runden Logo, das auf hellgrĂŒnem Grund vier dunkelgrĂŒne Grashalme zeigt: „Greenfields“.Der SV Schalding-Heining und der VfB Grubweg haben in den Jahren 2014 und 2017 von der Stadt ein Millionengeschenk erhalten, das aus heutiger Sicht in mehrfacher Hinsicht problematisch ist. KunstrasenplĂ€tze sondern in hohem Ausmaß Mikroplastik in die Umwelt ab. Dies haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts erstmals 2015 erwĂ€hnt.

„Reaktionen von Politik und Medien sind damals ausgeblieben“, sagt eine Sprecherin. 2018 wurden Zahlen nachgereicht, wonach mehr Mikroplastik von KunstrasenplĂ€tzen denn der Kosmetikindustrie anfĂ€llt. Aber bei „Greenfields“ geht es um Schlimmeres. Dieser Hersteller verwendet als federnde DĂ€mmschicht unter den Plastikfasern eine FĂŒllung aus zerkleinerten Altreifen. Das Zeug ist wahrscheinlich so giftig wie der Teer alter StraßenabbrĂŒche. Es enthĂ€lt PAK, kurz fĂŒr polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Dieser Stoff , darin sind sich alle Wissenschaftler einig, ist „krebserzeugend, erbgutverĂ€ndernd und fortpflanzungsgefĂ€hrdend“. Die EU hat strenge Grenzwerte vorgegeben.

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Krebsrisikko am Kloster Schweiklberg (Foto: mediendenk)
Klaus Drescher von der Polytan GmbH aus Burgheim, Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, vertritt einen bayerischen Kunstrasenhersteller, der weltweit tĂ€tig ist. Kommunen laden ihn zu Gemeinderatsitzung ein, um zu erfahren, welche umweltvertrĂ€glicheren Lösungen es fĂŒr KunstrasenplĂ€tze gibt. „Altreifengranulat ist deshalb so gefĂ€hrlich, weil es im Gegensatz zu synthetischem Kautschuk nicht UV-bestĂ€ndig ist und zerfĂ€llt“, erklĂ€rt Drescher. Dies erhöhe das Risiko, dass die krebserregenden Stoffe Umgebung und Grundwasser kontaminieren.

Seine Firma setzt deshalb ausschließlich auf Kautschuk, das sogenannte Neugranulat. Dennoch: Das Problem Mikroplastik stellt seine Firma vor neue Herausforderungen. Man experimentiere gerade mit Hanf und Kreide. Der einzige natĂŒrliche FĂŒllstoff sei Kork, mit bekannten Nachteilen: Er schwimmt bei NĂ€sse auf und kann schimmeln.Das Mikroplastikthema hat im Mai auch den Passauer Stadtrat erreicht. VizebĂŒrgermeister Urban Mangold rief eine Sondersitzung des Schul- und Sportausschusses ein. Die Stadt hat einen Zuschuss an den FC Schalding links der Donau um 25.000 Euro erhöht, damit sich der Verein den etwas teureren Kunststoffrasenplatz mit KorkfĂŒllung leisten kann.

„FĂŒr unsere Umwelt und unsere Kinder“, erklĂ€rt Vereinsvorsitzender Kalman Laszlo am Telefon. Die Schaldinger sind die ersten im Passauer Raum, die auf Korkgranulat ausweichen. Immerhin: Jetzt, wo das Thema an die Öffentlichkeit gelangt, beginnt teilweise ein Umdenken. Der Beschluss fiel einstimmig. Drescher von Polytan hat seit jeher von Altreifengranulat abgeraten. Seine Firma baute die beiden KunstrasenplĂ€tze in Haidenhof-SĂŒd nahe dem DreiflĂŒssestadion, am Söldenpeterweg und am Döbldobl. Sie werden genutzt vom DJK Passau West und vom FC Passau.

Der am Döbldobl ist bereits 1990 gebaut worden, damals mit SandbefĂŒllung. Das Altreifengranulat ĂŒberschwemmte erst spĂ€ter den Markt. FĂŒr die Recyclingindustrie öffnete sich ein willkommener Weg, Altreifen zu verwerten. Sie zĂ€hlen wegen ihrer toxischen Inhaltsstoffe zum ProblemmĂŒll. Die Stadt hat den alten Kunstrasenplatz vom Döbldobl 2014 von Polytan sanieren lassen. Neugranulat statt Sand. Mit diesem synthetischen Kautschuk baute Polytan vier Jahre spĂ€ter den Kunstrasenplatz am Söldenpeterweg gegenĂŒber. Warum wechselte die Stadt Passau ĂŒberhaupt zum hollĂ€ndischen Hersteller „Greenfields“ mit dem bedenklichen Altreifengranulat? Die Stadt habe sich plötzlich beratungsresistent gezeigt, erzĂ€hlt Drescher.

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Altreifenplatz beim SV Schalding-Heining (Foto: mediendenk)
Irgendwann habe es nur noch geheißen „Sparen, sparen, sparen. “Der Teerskandal von Hutthurm hat uns gelehrt: Mit PAK belastete Materialen dĂŒrfen nur gebunden und versiegelt unter einer wasserundurchlĂ€ssigen Schicht eingebaut werden, damit die krebserregenden Stoffe das Grundwasser nicht verseuchen. Auf KunstrasenplĂ€tzen ist das Altreifengranulat jedoch der Witterung frei ausgesetzt. Anruf bei „Greenfields“ in Nijverdal, die NiederlĂ€nder verweisen uns an ihren deutschen GeschĂ€ftsfĂŒhrer in DĂŒsseldorf. Werner Jakobs hebt persönlich ab. Seine Stimme wĂ€hrend des GesprĂ€chs, schwankend zwischen Ärger und Resignation, lĂ€sst vermuten, dass es nicht der erste Reporteranruf zum Stichwort „Kunstrasen“ ist. Das Thema koche seit der Fraunhofer-Studie hoch und wĂŒrde von den Medien dankbar aufgegriffen, obwohl die Hochrechnungen irrefĂŒhrend seien, sagt er. Er stellt Vergleiche zwischen den FĂŒllhöhen der Granulate in Norwegen und in Deutschland an. Bei uns werde nur ein FĂŒnftel der Menge benötigt, weil zur DĂ€mpfung eine zusĂ€tzliche elastische Unterschicht eingezogen werde.

Er nennt die Fraunhofer-Studie eine „Faktensammlung ohne Recherche“. Die Industrie wisse seit jeher von der Gefahr durch Mikroplastik, sagt Jakobs. „Vor fĂŒnfzig Jahren hat man das vielleicht noch etwas blumiger gesehen.“ Er macht keinen Hehl daraus: Alle seine PlĂ€tze seien mit „SBR-Granulat“ befĂŒllt. Es steht fĂŒr „Styrene-Butadiene-Rubber“, zu deutsch: Gummi aus Altreifen. Der Reporter denkt an den Teerskandal mit dem Straßenabbruch, an das Grundwasser und stellt die Frage, wie die elastische Unterschicht beschaffen sei. „Sie ist wasserdurchlĂ€ssig“, erklĂ€rt Jakobs, sonst wĂŒrde das Granulat bei Niederschlag wegschwimmen. Der „Greenfields“-Mann schiebt jede Verantwortung von sich. „Nicht wir bestimmen die Zukunft, sondern die Politik.“ Die Industrie arbeite den Grenzwerten hinterher, welche in BrĂŒssel ausgegeben werden. Als wettertauglich und staubfrei werden KunstrasenplĂ€tze angepriesen. Die Heimatzeitung nennt sie „SchmuckstĂŒcke“ und jeder Fußballverein, der ĂŒber ein solches verfĂŒgt, fĂŒhlt sich wie ein Sportwagenfahrer, der sich die teuersten Felgen leisten kann. Auch Verantwortliche in den Vereinen, die die PlĂ€tze tĂ€glich nutzen, bemĂŒhen den Vergleich mit teuren Autos: „Unser Platz ist der Mercedes unter den Kunstrasen“, sagt Stefan Jilly, Stadionmanager in Hauzenberg. Er hat uns bestĂ€tigt, dass „Greenfields“ auch hier gebaut hat. Der Platz sei „unbedenklich“, betont er. Man hat den Eindruck, dass der Hersteller alle Bedenken zerstreut hat.

Woher sollten es die Auftraggeber auch besser wissen? Die Fußballer selbst sind vom kĂŒnstlichen Rasen nicht durchweg begeistert. „Wie feiner Staub gelangt das Zeug zwischen Socken und Schuhschaft“, sagt ein Hacklberger Fußballer. Man trage die schwarzen KrĂŒmel mit den Schuhen nach Hause. „Nach dem Training kann es aus den Schuhen schĂŒtten.“ Was die Eltern wohl sagen wĂŒrden, wenn sie wĂŒssten, dass der Dreck vom Sportplatz aus zerkrĂŒmelten alten Autoreifen besteht?Wie es mit Altreifengranulat auf den KunstrasenplĂ€tzen aussieht, hatten wir anfangs die Stadt Passau befragt. „Alle verwendeten Materialien fĂŒr die PlĂ€tze entsprechen den geltenden DIN-Vorschriften“, blieb die Antwort vage. Das Thema Mikroplastik sei in den Vorschriften nicht enthalten, wurde erklĂ€rt. Keine Rede von PAK. Übrigens: Auch Neugranulat ist nicht frei von diesen Giftstoffen, jedoch hat Altreifengranulat die 50-fache Konzentration.

 

 
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