Dienstag, 16. Juli 2019
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Motiv aus der Werbung für einen Mittelalterladen im Westerwald, an dem einer der Armbrusttoten beteiligt sein soll.
Armbrust-Tragödie

Mit Testament zum Mittelalterfest

Passau/ Montabaur - Wer war dieser Mann, der von Pfeilen durchbohrt im Doppelbett der Waldpension lag? Die zwei Frauen, die an seiner Seite ebenfalls durch Armbrust ums Leben kamen, sind beide gut 20 Jahre j√ľnger als er. Welche Verbindungen bestehen zwischen dieser t√∂dlichen Schicksalsgemeinschaft? Eine Spur f√ľhrt in ein Dorf, 600 Kilometer entfernt im Nordwesten.

Borod, eine alte Siedlung im Westerwald, 400 Einwohner, viel Wald, Wiesen und Landwirtschaft, dazwischen reihen sich an der Hauptstra√üe neue Einfamilienh√§user mit G√§rten und alte Bauernh√∂fe. Es gibt keine Kirche, aber ein Feuerwehrhaus, ein Dorfwirtshaus und eine Grundschule. Dass zwei der Toten der Passauer Armbrusttrag√∂die aus dem Westerwald kommen, haben viele Menschen hier aus dem Radio vernommen. Dass diese ihre Nachbarn waren, spricht sich gerade erst herum. Eine geb√ľrtige Passauerin ist einer Partnerschaft wegen vor gut einem Jahr in diese abgeschiedene Gegend gezogen. "Ja, die Pension Triftsperre kenne ich gut", sagt sie und spricht gleich auf die Trag√∂die in der alten Heimat an. Dass diese eine direkte Verbindung mit ihrer neuen Heimat hat, entsetzt sie. "Meine G√ľte, das war er?", fragt sie. 

Die Boroder sind ein geselliges Völkchen. Ihre wenig befahrene Hauptstraße nutzen sie als Treffpunkt wie einen Marktplatz. Kartoffelknödel, die Spezialität des Ortes, kochen die Frauen an Festtagen in einem großen Bottich im Freien. "Die meisten bei uns sind Mitglied bei der Feuerwehr oder in der Kirmesgesellschaft", erzählt ein junger Mann. Doch diese beiden, die jetzt in Passau so mysteriös starben, der 54-Jährige und die 33-Jährige, frisch Zugezogene wie die Passauerin, ließen sich in der Dorfgemeinschaft nie blicken, auch nicht im Wirtshaus.

Den kr√§ftigen, glatzk√∂pfigen Mann mit Brille, dessen markanter wei√üer Bart bis zur Brust reichte, haben viele hier vom Sehen gekannt. Als er sich vor gut zwei Jahren in der Ringstra√üe das gro√üe Haus mit der Scheune kaufte, hat er zumindest mit den unmittelbaren Nachbarn ein paar Worte gewechselt. Seine j√ľngere Mitbewohnerin, die kleine Frau mit den schwarzen langen Haaren, galt als menschenscheu. Sie f√ľhrte immer die beiden Hunde Gassi, einen kleinen Mischling und einen Sch√§ferhund. Es soll ein schreckliches Erlebnis in ihrem Leben geben, dass sie nie verkraftet hat, erz√§hlt man sich. Deshalb habe sie M√§nner gemieden. Der Wei√üb√§rtige habe sie aufgenommen, sei ihr zur Seite gestanden. Im Doppelbett der Waldpension lagen sie wie frisch Verliebte nebeneinander; ihre linke seine rechte Hand haltend. H√§tten nicht sichtbar Pfeile in ihren K√∂rpern gesteckt, man h√§tte sie f√ľr friedlich Schlafende gehalten.

In Borod sind heute vor dem großen Haus mit Scheune ein Dutzend Fahrzeuge aufgefahren; Kamerateams, TV-Reporter, Journalisten. Spätestens am Abend weiß jeder in dem Westerwälder Dorf, dass es eine furchtbare Verbindung mit der Armbrusttragödie in der Passauer Waldpension gibt.

Der Wei√üb√§rtige scheint verm√∂gend gewesen zu sein, soll viele Gesch√§fte betrieben haben. Er hatte laut Nachbarn ein Tonstudio und einen T√§towierladen, war im Nachbarort an einem Mittelalterladen beteiligt. Sein mutma√ülicher Gesch√§ftspartner legt das Telefon sofort auf. "Mit der Presse rede ich nicht." "Historische Kampfk√ľnste, Waffenkammer und R√ľstungen, Gewandung, Spirituosen, Showteam und Lager", hei√üt es in der Werbung im Netz, die einen bewaffneten Ritter in voller R√ľstung zeigt.

Die Ermittler haben Anhaltspunkte, dass das ungleiche Boroder Paar und ihre 30 Jahre alte Begleiterin, eine lesbische B√§ckereiverk√§uferin aus Niedersachsen, ein Mittelalterfest in √Ėsterreich besucht haben. Dort  wird dieses Jahr das "Maximilianjahr" gefeiert, "500 Jahre Kaiser Maximilian", ein "wahrer Ritter." In √Ėsterreich haben sie nach der Aktenlage eine der drei Armbr√ľste erworben, die sp√§ter im Zimmer der Toten gefunden worden sind. Diese Waffen kann jeder erwerben, der √ľber 18 ist.

Die Burschen im Dorf erz√§hlen mit Respekt von dem wei√üb√§rtigen Dorfbewohner mit dem ritterlichen Gehabe. Er sei ein leidenschaftlicher Musiker an der E-Gitarre gewesen, habe seinen K√∂rper im hauseigenen Fitnessstudio gest√§hlt, sammelte Fahrzeuge: Einen bordeauxfarbenen Mazda nutzte er f√ľr den Alltag, f√ľr Freizeit und Reise besa√ü er mehrere alte Motorr√§der und einen schwarzen Jeep Compass.

Bei seiner letzten Fahrt blieben all diese Fahrzeuge zur√ľck in Borod. Die Reise zum √∂sterreichischen Mittelalterfest und in die Passauer Waldpension trat das Trio mit einem wei√üen Pick-up "Renault Alaskan" an, der auf die J√ľngste der Fahrgemeinschaft zugelassen war, auf die B√§ckereiverk√§uferin. Als die Kripoleute gestern deren pers√∂nliches Umfeld erkundeten, stie√üen sie - wie berichtet - auf zwei weitere Frauenleichen. Eine davon die 35-j√§hrige Lebensgef√§hrtin der toten Armbrustsch√ľtzin in Passau, die andere eine 19-j√§hrige Mitbewohnerin. Beide wohl Opfer eines Suizids mit sanfteren Mitteln.

Auf die Reporterfrage, ob die Armbrustopfer einen Abschiedsbrief hinterlassen h√§tten, hat vorgestern ein niederbayerischer Polizeipressesprecher geantwortet "keine Auskunft!"  und damit indirekt verraten, dass es offensichtlich irgendein Schriftst√ľck gibt. Ein Staatsanwalt kl√§rte es heute auf: Es sind im Gep√§ck der Toten zwei Testamente gefunden worden. Sie sind den beiden Borodern zuzuordnen. Dass eine 33-J√§hrige mit einem Testament in der Tasche auf Reisen geht, ist nur eine von vielen Ungereimtheiten dieser Todesserie, die im unheimlichen Schatten von alten Waffen und mittelalterlichen Traditionen steht.

 
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