Dienstag, 16. Juli 2019
·
·

Bayern >> Sonntag, 03. Februar 19

bild_klein_0000015024.jpg
CSU-Entwicklungsminister Gerd Müller hielt die Hauptrede. Er bekam den größten Beifall dieses Abends.
Neujahrsempfang

GrĂŒnes Gewissen betritt Herzkammer der Passauer CSU

„Afrika muss ein grĂŒner Kontinent werden”, hat Bundesentwicklungsminister Gerd MĂŒller, CSU wohlgemerkt, seine Zuhörer verblĂŒfft. Und er mahnte: Der Tod im Mittelmeer liege auch in unserer Verantwortung. In der Passauer Herzkammer der CSU schlĂ€gt MĂŒller ungewohnte, neue Töne an. 

“Wir können nicht zulassen, dass in ein paar Jahren dort die Schornsteine qualmen wie im Ruhrgebiet der 60er Jahre”, sagt MĂŒller. Gemeinsam könne man Afrika dabei helfen 100 Jahre der Entwicklung zu ĂŒberspringen. Zu erneuerbaren Energien, zu einer gerechten Lieferkette, zu mehr Schutz vor Ausbeutung.

GrĂŒnen-Stadtrat Karl Synek, der auf einem Tisch sitzend in der hintersten Reihe die Rede verfolgt, ist wohl nicht der Einzige, der Samstagabend von MĂŒllers flammender Rede fĂŒr Nachhaltigkeit und HumanitĂ€t erstaunt ist. MĂŒller kommt gut an im Saal. Sein globaler Blick auf die Gefahren der Zukunft wĂŒhlt auf. Er erhĂ€lt den grĂ¶ĂŸten Applaus des Abends.

bild_klein_0000015021.jpg
Die erste Reihe der CSU: Putzke unterhĂ€lt sich ĂŒber seine Frau hinweg mit MĂŒller, Scheuer lĂ€chelt fĂŒrs Foto, Waschler hĂ€lt das Programm, Dickl blickt neben seiner Frau an die Decke, Fiedler studiert seine Unterlagen. (Foto: mediendenk)
Rund 400 Leute hatten sich zum Neujahrsempfang der Passauer CSU in den Saal des Landwirtschaftlichen Bezirksvereins eingefunden. Der Raum dient unter der Woche Gastrolehrlingen der Berufsschule als Übungsrestaurant. Die 360 einfachen HolzstĂŒhle mit roter SitzflĂ€che reichten nicht aus, Zuhörer standen oder hockten wie Synek auf den Tischen, die an die Flanken des Raumes geschoben worden sind.

MĂŒllers ernster Blick auf MenschenwĂŒrde
Das Mittelmeer dĂŒrfe nicht das Meer des Todes sein, fĂ€hrt der Ehrengast fort. “Wir dĂŒrfen die FlĂŒchtlinge nicht ersaufen lassen, nicht alleine lassen!” MĂŒller weiß, wovon er spricht. Als Entwicklungsminister begibt er sich auf zahlreiche Afrika-Reisen, das persönlich Erlebte rĂŒhrt ihn an. Er erzĂ€hlt von ĂŒberfĂŒllten FlĂŒchtlingseinrichtungen, von Hunger und Armut. Er sagt: "Wir leben auf einem Planeten. Es ist eine Welt! Jedes Kind hat ein Recht auf Leben und WĂŒrde!”

“Haben sie sich schonmal ĂŒberlegt, wer das Leder ihrer Schuhe gegerbt hat?” fragt er in die Runde und berichtet als Augenzeuge von den Kindern in Marokko, die bis zu den Knien in der SĂ€ure stehen. “Die werden alle keine 30 Jahre alt.” 50 Minuten spricht der Schwabe. Von einer nordirakischen Stadt, die umgeben ist von 25 FlĂŒchtlingscamps; von einem mauretanischen Jungen in der WĂŒste, der mit der einen Hand am Strick den Esel und mit der anderen ein Smartphone fĂŒhrt. Die Digitalisierung sei eine Chance fĂŒr Afrika, aber auch Risiko fĂŒr Europa: Man kenne im letzten Winkel der Welt unseren Lebensstil, unseren Wohlstand und wenn man nicht schnell etwas Ă€ndere, dann könne man in Europa “die Mauer nicht hoch genug bauen, so wie sich Trump das in den USA vorstellt”.

bild_klein_0000015027.jpg
Wenn das der MinisterprĂ€sident sieht: Das große Holzkruzifix des Speisesaals ist hinter einer Werbeleinwand versteckt worden. Am Redepult Minister MĂŒller.
MĂŒller sieht als Lösung Afrika mit all unserem Wissensvorsprung zu entwickeln, von der Nutzung regenerativer Energien bis hin zum leistungsstarken Ackerbau. Schließlich sei man auch bei der ElektromobilitĂ€t, auf diesen Kontinent angewiesen, denn dort werden das Lithium und die seltenen Erden fĂŒr die Batterien gewonnen.

Es war eine bemerkenswerte Rede, die MĂŒller in der Provinz gehalten hat. Und Kreisvorsitzender Holm Putzke durfte sich rĂŒhmen gleich zwei Bundesminister bei seinem Neujahrsempfang zu begrĂŒĂŸen: In der ersten Reihe saß auch Verkehrsminister Andreas Scheuer.

Scheuer fĂŒr Fahrradverleih & Carsharing
Den Handwerkern in seinem Wahlkreis könne er keine ElektromobilitĂ€t verordnen, antwortet Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in seiner kurzen Schlussrede auf MĂŒller. Ihnen sei mit einem sauberen Diesel mehr geholfen. Dennoch kehrt auch der  44-JĂ€hrige seine grĂŒne Seite heraus: “Warum gibt es nur in den großen StĂ€dten Rent-a-bike- und Carsharing-Angebote?”

Scheuer scheint die Medienkritik zugesetzt zu haben, die er wegen seiner ablehnendne Haltung zum  Autobahntempolimit einstecken musste. In der ZDF-Satireshow von Oliver Welke war er am Vorabend krĂ€ftig aufs Korn genommen worden. Zum siebten Mal in der „Heute Show“, wie sein Pressesprecher mitgezĂ€hlt hat.

Vom Netz genervt
“Es wird nur geredet, wenn etwas nicht funktioniert.” beklagt Scheuer am Passauer Redepult. Sein Job mache ihm Spaß, aber er wĂŒnsche sich, dass auch einmal ein Lob im Netz stehe, wenn ZĂŒge pĂŒnktlich fahren, nicht nur Kritik.

Einen aktuellen RĂŒckschlag in der Lokalpolitik redete man sich schön im Festsaal: Die angedachte medizinische FakultĂ€t an der UniversitĂ€t Passau war einige Tage zuvor vom zustĂ€ndigen Landtagsausschuss abgeschmettert worden. SPD-Stadtrat Flisek hatte vergangenes FrĂŒhjahr, im Vorfeld des Landtagswahlkampfs, diese Forderung vom Ärzteverband „Hartmannbund“ aufgegriffen und breite UnterstĂŒtzung erhalten; auch von der lokalen CSU.

Der Schwabe MĂŒller tröstete: Daheim in Augsburg habe man 20 Jahre fĂŒr eine Ärzteausbildung kĂ€mpfen mĂŒssen. "Langer Atem" war im Beisein der UniversitĂ€tsprĂ€sidentin Carola Jungwirth das geflĂŒgelte Wort.

Putzke im Wahlkampfmodus
HartnĂ€ckigkeit vermisst CSU-Kreisvorsitzender Putzke vom Passauer SPD-OberbĂŒrgermeister JĂŒrgen Dupper. “Wie so oft lobt er eine Initiative salbungsvoll und lĂ€sst dann andere die Arbeit machen”, hielt er Dupper mangelndes Engagement fĂŒr die neue Studienrichtung vor. In Putzkes Rede war der eingeschaltete Wahlkampfmodus zu spĂŒren. Die OberbĂŒrgermeisterwahl steht 2020 bevor, fĂŒr die CSU-Kandidatur laufen sich wohl Jura-Professor Putzke und Stadtrat-Fraktionschef Armin Dickl warm. Wer von beiden wird letztendlich ins Rennen geschoben? Die Sitz- und Redeordnung war insofern interessant: Die Ehepaare Putzke und Dickl saßen an den Enden eines Blocks in der ersten Reihe, grĂ¶ĂŸtmöglich voneinander entfernt; Putzke nahm sich 20 Minuten Zeit fĂŒr seine Rede, Dickl durfte 3 Minuten sprechen.

Er kenne StĂ€dte, die seien mit Digitaltechnik Vorreiter einer „intelligenten Stadt“, vom Beleuchtungsmanagement bis zur VerkehrsfĂŒhrung. „In Passau steht man im Stau“, stichelte Putzke gegen Dupper. “Passive Problemverwaltung” warf er ihm vor, “inakzeptabel” nennt er die aktuelle Verkehrssituation. Mit Verweis auf seinen Vater, der „fast zwei Jahrzehnte BĂŒrgermeister” im sĂ€chsischen Dohna gewesen sei, gelobt Putzke mit einem CSU-Programm Besserung.

Neujahrsempfang im Speisesaal der BerufsschĂŒler
An der Fassade des NeujahrsempfangsgebĂ€udes in der Innstraße steht „Landwirtschaftliche Berufsschule”. Beim letztjĂ€hrigen Neujahrsempfang war die CSU in die Kritik geraten, dass Parteiveranstaltungen in SchulgebĂ€uden nichts verloren hĂ€tten. Zudem gab es Unstimmigkeiten mit dem Mietzins. Deshalb betont Putzke ausdrĂŒcklich, dass man "im Festsaal des Landwirtschaftlichen Bezirksvereins" tage. Der habe nichts mit der angrenzenden Schule zu tun. “Wir gehen sicher in keine Schule mehr”, beteuert der 44-JĂ€hrige. Jedoch: Die Brotzeit ließen sich die Parteimitglieder in einem Klassenzimmer der Auszubildenden schmecken.

Eilig hat es Verkehrsminister Andreas Scheuer. Nach ein paar kurzen GesprĂ€chen verlĂ€sst er das Foyer, schnorrt sich bei einem Feuerwehrmann eine Zigarette und steigt in eine schwarze Limousine aus dem Fuhrpark der MĂŒnchner Landesregierung, Typ BMW 7er Hybrid.

Ein junges Partei-Mitglied Ă€ußert sich bei LeberkĂ€se und Bier zu den neuen Tönen der CSU-Spitze. Bei der letzten Wahl seien viele WĂ€hler Richtung AfD abgewandert, aber ebenso zu den GrĂŒnen gegeben. Dass man sich jetzt anscheinend mehr um die AbgĂ€nge zur Umweltpartei kĂŒmmere, gefalle ihm. “Das ist mir lieber als mehr Nationalismus.”

CSU-Minister Sibler gibt Theater dem Vorzug

bild_klein_0000015023.jpg
Der Platz neben dem designierten CSU-Landratskandidaten Raimund Kneidinger blieb frei: Parteikollegin Gerlinde Kaupa, wie er Stellvertreter des Landrats, blieb fern. (Foto: mediendenk)
Interessant ist, welche CSU-Vertreter nicht anwesend waren: Der Stuhl links vom designierten Landratsnachfolger Raimund Kneidinger blieb leer, weil seine Kollegin, die stellvertretende LandrĂ€tin Gerlinde Kaupa, ferngeblieben war. Der bayerische Minister fĂŒr „Wissenschaft und Kunst“, Bernd Sibler, weilte an diesem Abend zwar in der Stadt, hatte sich aber fĂŒr einen Theaterbesuch entschieden. „Man muss nicht ĂŒberall sein“, sagte er auf Nachfrage eines Reporters.

Sibler verfolgte mit seiner Frau von der FĂŒrstenloge des Opernhauses aus die PremierenauffĂŒhrung des US-Schauspiels „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“; eine meisterhafte Tragikömodie aus den 1960er Jahren. Das StĂŒck war nicht minder aufwĂŒhlend als MĂŒllers Rede bei der CSU, anders halt. Es ging an die Nieren. Allen voran Schauspielerin Antonia Reidel legte in diesem VierpersonenstĂŒck eine Glanzleistung ab, spielte eine verbitterte alte Ehefrau, die ihren Mann bis aufs Blut provoziert.

In der Lokalpolitik stehen Provokationen wahrscheinlich noch bevor. Wer hat das Zeug gegen Dupper anzutreten: Putzke oder Dickl? Was bringt mehr: Im WĂ€hlerteich der GrĂŒnen oder der AfD zu fischen? Hat CSU-Landtagskandidat Kneidinger einen Konkurrenten von den GrĂŒnen zu befĂŒrchten?

Text/ Fotos: Ben Balzereit/ Hubert J. Denk

 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

Hier Ihre Anzeige?
Kontaktieren Sie uns!

 

Unsere News und Bilder
finden Sie wieder:
 
Tageszeitung

 

Wochenzeitung

 

Illustrierte

 

TV & Radio
ARD
ZDF
Bayerisches Fernsehen
 
Agenturen

 

Ausland

 

Internet
Google
Yahoo
Passau Bilder