Montag, 10. Dezember 2018
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Bayern >> Donnerstag, 07. Juni 18

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Medienprofessor Hohlfeld am Podium mit Journalistinnen vom Magazin "Focus" (l.) und dem Russland-Portal "Decoder": Gudrun Dameteit und Tamina Kutscher. (Foto: Tobias Köhler)
Journalismus im Fokus

Verlorene Wertschätzung im Westen, verlorene Unabhängigkeit im Osten

Darf ein Journalist, der sich von der Politik instrumentalisieren lässt, überhaupt noch Journalist nennen? Kann er sich mit gutem Gewissen auf die Pressefreiheit berufen oder sich als Opfer eines Mangels derer beklagen lassen? Bei der Podiumsdiskussion an der Uni "Pressefreiheit Ost und West" sind gerade nach dem Fall Batschenko neue Fragen aufgeworfen worden.

„In keiner anderen Weltregion hat sich die Lage der Pressefreiheit im vergangenen Jahr so stark verschlechtert wie in Europa. Journalistinnen und Journalisten sind dort zunehmend medienfeindlicher Hetze durch Regierungen oder führende Politiker ausgesetzt. Das schafft ein feindseliges, vergiftetes Klima, das oft den Boden für Gewalt gegen Medienschaffende oder für staatliche Repression bereitet.“

So beschreibt die internationale Organisation "Reporter ohne Grenzen" die aktuelle Lage der Pressefreiheit. Insbesondere in Osteuropa könnten Journalisten immer weniger frei berichten, namentlich in den EU-Ländern Malta, Tschechien, der Slowakei sowie in Serbien sei die Pressefreiheit im vergangenen Jahr drastisch eingeschränkt worden. Die Universität Passau hat dieses Thema mit Podiumsvertretern aus Wissenschaft und Medienpraxis aufgegriffen.

"Kritische Berichterstattung ohne Breitenwirkung"

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Podium zur "Pressefreiheit Ost und West" (v.l.): Dameteit, Hohlfeld, Kutscher, Karina. Per Bildtelefon zugeschaltet: Grotzky. (Foto: Tobias Köhler)
Egal ob in Ost oder West, die Medien steckten in einer Vertrauenskrise, meint Politikwissenschaftler und EU-Experte Dr. Andreas Kalina. Nur die Stellung der Medien unterscheide sich. Zugeschaltet per Video war Johannes Grotzky, Journalist und Honorarprofessor der Universität Bamberg. Dieser pflichtet Kalina bei: Die individuelle Meinungsfreiheit sei in den einzelnen osteuropäischen Ländern zwar gegeben, die veröffentlichten Meinungen könnten aber nicht gegen die der herrschenden Regierung antreten. Auch in Russland gebe es kritische Berichterstattung, jedoch ohne Breitenwirkung.

Die Politikexpertin vom Magazin "Focus", Gudrun Dameteit, kritisierte die Stellung der Journalisten in Osteuropa. Diese seien oft eher politisch Handelnde als objektive Beobachter. So auch im prominenten Fall des ukrainischen Journalisten Babtschenko, dessen vorgetäuschter Mord vergangene Woche für Wirbel sorgte. Babtschenko sei keineswegs ein Bilderbuchjournalist gewesen, sondern habe sich eindeutig auf eine Seite gestellt, das russische Regime als faschistisch charakterisiert. „Für mich ist er kein Opfer der Pressefreiheit“, sagte sie.

Die Journalistin Tamina Kutscher, die als Chefredakteurin des Portals "dekoder.org" kritische russische Berichterstattungen zusammenstellt, pflichtete ihr bei: Babtschenko habe mit seiner Show dafür gesorgt, dass den Medien noch weniger vertraut werde. Sie habe gerade an einem Nachruf für Babtschenko gearbeitet, als öffentlich wurde, dass dieser noch am Leben ist. Journalisten seien als politische Agitatoren nicht von der Pressefreiheit gedeckt, ergänzte von der Leinwand Grotzky.

Hohlfelds schützende Hand

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Der Sitzungssaal 403 im Uni-Nikolakloster mit 40 Plätzen war voll besetzt. (Foto: Tobias Köhler)
Es sei zu einfach und arrogant aus der westlichen Sichtweise eine objektive Bericherstattung von den östlichen Kollegen einzuforden, befand Moderator und Medienprofessor Ralph Hohlfeld. Die Gesellschaften dort seien noch jung und beispielsweise in der Ukraine wäre es schwer angesichts der russischen Propagnda neutral zu bleiben.

Ein weiteres Problem sei der hohe Einfluss von Oligarchen auf die osteuropäische Presse, der staatlich kaum regulierbar sei. Dem tschechischen Premier Andrej Babis gehörten demnach zwei der größten Landeszeitungen. Als er noch Finanzminister war diskutierte man seinen Einfluss auf die Medien im Parlament. Babis habe daraufhin den Großteil seiner Zeitungsanteile an einen Treuhandfond abgegeben, so Kalina. Angesichts der sinkenden Werbeeinnahmen seien osteuropäische Zeitungen jedoch auf Oligarchen angewiesen.

„Die klassischen Medien haben ihre Meinungshoheit verloren“, problematisierte Gudrun Dometeit über das Thema hinaus und erhielt Zustimmung. Es gebe immer mehr „Trumps“, die klassische Medien übergingen und auf eigenen Websites oder Twitter-Accounts ihre gefühlten Wahrheiten äußerten. Gerade der Umgang mit der Wahrheit sei bedenklich.

Hohlfeld sprach vom „postfaktische Zeitalter“ das herrsche, wo Emotionen mehr zählten als Wahrheiten. Soziale Medien hätten den Filterblasen- oder Echokammer-Effekt. Da jede Meinung im Internet vertreten sei, finde sich jederzeit diejenige, die das Weltbild des Suchenden bestätigt. Eine bedenkliche Entwicklung, so Hohlfeld, die durch die Algorythmen der sozialen Medien verstärkt werde.

Tamina Kutscher meinte dazu: „Man muss der Leserschaft bewusst machen, dass gute Berichterstattung kostet!“

Ben Balzereit

 
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