Donnerstag, 19. Oktober 2017
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Bayern >> Sonntag, 13. August 17

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Dieses Amateurfoto zeigt die Festnahme des Tatverdächtigen von Charlottesville: Er sitzt am Boden, sie legen ihm Handschellen an, am Straßenrand der graue "Dodge Challenger".
Die Neonazis und der Autoanschlag

Warum Charlottesville Passauer ganz besonders berĂŒhrt

Der Fahrer eines silbergrauen „Dodge Challenger“, Baujahr 2010, motorisiert mit einem V6-Motor, 3,5 Liter Hubraum, 258 PS, Kennzeichen „GVF 1111“, ist in der Kleinstadt Charlottesville, die 40.000 Einwohner und 20.000 Studenten zĂ€hlt, im Bundesstaat Virginia, 190 Kilometer von Washington entfernt, in eine Gruppe von BĂŒrgern gerast, die gegen einen Aufmarsch von Neonazis („Alt-Right“) und AnhĂ€ngern des rassistischen Ku-Klux-Klans demonstriert haben.

Warum wir dies auf einer niederbayerischen Lokalseite erzĂ€hlen? Dieses amerikanische StĂ€dtchen Charlottesville hat markante Parallelen zu Passau, schöne und hĂ€ssliche: Die UniversitĂ€t und ihre Studenten prĂ€gen das Stadtbild und haben wirtschaftliche BlĂŒte gebracht; der Denkmalschutz hĂ€lt seine Hand ĂŒber den hĂŒbschen alten Ortskern mit den FußgĂ€ngerzonen; es gibt und gab dunkle Flecken aus rassistischer Vergangenheit.

Passau hat Straßen und HĂ€user umbenannt, die Nibelungenhalle abgerissen. Charlottesville will sich gerade von seinem Makel der Geschichte trennen: Hier steht eines von vier DenkmĂ€lern im Land fĂŒr den umstrittenen General Robert E. Lee (1807-1870), der im amerikanischen BĂŒrgerkrieg fĂŒr den Fortbestand der Sklaverei kĂ€mpfte. Wie in New Orleans bereits geschehen, soll sein Monument in Charlottesville abgebaut werden; der Stadtratsbeschluss fiel im April; der Name des Parks, in dem Lees Denkmal steht, ist bereits umgewidmet worden in "Park der Emanzipation".

Ausnahmezustand wegen braunen Spuks
Es gibt in Passau wie in Charlottesville eine breite BĂŒrgerschaft, die sich gegen rechtsextreme AufmĂ€rsche wehrt. Große Polizeiaufgebote haben in der Vergangenheit in Passau dafĂŒr gesorgt, dass es zwischen den Gruppen zu fast keinen BerĂŒhrungen kam. Die Polizei baute Blockaden mit Fahrzeugen und Absperrgittern auf, die Gewaltbereitschaft war auf beiden Seiten zum GlĂŒck sehr gering. Die einen brĂŒllten ihre rechten Parolen, die anderen streckten ihnen rote Karten entgegen.

Die Passauer haben mehrere solcher Demonstrationen erlebt. Der braune Spuk zĂ€hlte in Passau maximal ein paar Hundert Köpfe, zuletzt im Jahr 2009; bei diesem Aufmarsch war von dem damals Leitenden Polizeidirektor ĂŒber die DreiflĂŒssestadt an einem Samstag ein sechs Stunden langer Ausnahmezustand verhĂ€ngt worden. Hauptverkehrswege und InnbrĂŒcke waren gesperrt, 1.200 Polizeibeamte im Einsatz. Die Passauer nahmen es murrend, aber geduldig hin, formierten sich in Rufweite zur Gegendemo. 1.000 BĂŒrger und Antifa-AnhĂ€nger gegen 260 Neonazis - so stand man sich in Passau damals gegenĂŒber.      

Sie kamen zum dritten Mal
Die BĂŒrger von Charlottesville hatten erstmals im Mai, einen Monat nach dem Stadtratsbeschluss, mit rechten Demonstranten Erfahrungen gemacht. Ein NeonazifĂŒhrer organisierte nachts mit seinen AnhĂ€ngern einen Fackelmarsch in den ehemaligen Lee-Park. Die "Alt-Right"-Gruppe wurden von einheimischen Gegendemonstranten erwartet. Die Konfrontation blieb gewaltlos. ZunĂ€chst. Im Juni standen dann 50 AnhĂ€nger des Ku-Klux-Klans mehreren Hundert BĂŒrger und Antifa-Aktivisten gegenĂŒber. Es kam zu  Auseinandersetzungen. Die Polizei musste die Parteien unter Einsatz von TrĂ€nengas trennen, es gab 43 Festnahmen.

Auto als Terrorwaffe

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Auf Handyfotos ist der Moment festgehalten, als der Wagen in die Menge rast.
An diesem Wochenende rotteten sich die "Alt-Right"-Bewegung und der Ku-Klux-Klan zusammen, mehrere Hundert oder gar Tausend fielen in das UnistĂ€dtchen ein. Die US-Polizei war mit 1.000 Beamten fast so stark vertreten wie in Passau 2009. Aber wer sollte das einkalkulieren: ein einzelnes Auto aus dem Hinterhalt. Dass ein Fahrzeug als Terrorwaffe verwendet wird, erlebten die EuropĂ€er erstmals mit dem Lkw-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016; in den Jahren zuvor gab es Auto-AnschlĂ€ge auf FußgĂ€ngergruppen in Jerusalem.  

Zum Auto-Anschlag in Charlottesville: Der Wagen fuhr gegen 13.30 Uhr, wie zwei verschiedene Videoaufnahmen zeigen, mit hoher Geschwindigkeit ĂŒber eine Strecke von mehreren Blocks durch die Einbahnstraße „4th North-East“, die vom Norden nach SĂŒden verlĂ€uft und die alte FußgĂ€ngerzone mit der historischen Einkaufspassage kreuzt. Auf den letzten hundert Metern marschierten die Teilnehmer der Anti-Rassismus-Demo zwischen Gehwegen und einer Reihe parkender Autos auf engem Raum. Ein Pressefotograf hĂ€lt den bizarr-schrecklichen Moment fest, wie ein Schwarzer vom Auto des Angreifers getroffen durch die Luft fliegt, dahinter ragt aus der Menge das Plakat eines Demonstranten: „Schwarzes Leben zĂ€hlt!“.

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Opfer des Autoanschlags auf die Gegendemonstranten: Die 32-jÀhrige Rechtsanwaltsfachangestellte Heather Heyer, die aus der Gegend von Charlottesville stammt.
Kurz vor der EinmĂŒndung in die Hauptstraße „Water Street East“ kracht der "Dodge Challenger" in einen hellen Wagen, der wegen der Demo sehr langsam gefahren ist, schiebt diesen auf den Vordermann. WĂ€hrend Menschen in Panik weglaufen, in Seitenstraßen flĂŒchten, Verletzte auf dem Boden liegen oder im Schock von der Fahrbahn kriechen, stĂ¶ĂŸt der Fahrer seine rollende Waffe zurĂŒck, trifft abermals Hilflose und flĂŒchtet mit hoher Geschwindigkeit. Aufnahmen zeigen, wie der schnell rĂŒckwĂ€rtsfahrende Wagen seine herabgefallene Stoßstange, Karosserieteile und Stofffetzen, die von Kleidung oder Transparenten herrĂŒhren, mitschleift.

Wie US-Medien berichten, ist eine 32-jĂ€hrige Frau getötet worden, 19 Menschen wurden verletzt. Der Fahrer des "Dogde Challenger", ein 20-jĂ€hriger Teilnehmer der Neonazidemo, ist kurz darauf festgenommen worden, zwei Kilometer vom Ort des Anschlags entfernt, auf dem halben Weg zum Highway "I-64". 

Bereits am Vortag hatte es schwere Auseinandersetzungen zwischen den teilweise martialisch auftretenden Rassisten und den Gegendemonstranten gegeben. Flaschen gefĂŒllt mit Urin flogen, sie prĂŒgelten sich mit FĂ€usten und Holzstangen, hielten sich mit Stichflammen aus Spraydosen auf Distanz. Es gab ein Dutzend Verletzte. „Nazis raus!“ skandierten die einen, „Ihr werdet uns nicht vertreiben!“, riefen die anderen bei einem Fackelmarsch. 

"Wir fĂŒhren Passau am Nasenring!", triumphierte nach dem Aufmarsch von Januar 2009 ein NeonazifĂŒhrer in Passau. Niederbayern sind zum GlĂŒck nicht die neuen USA, deshalb blieb es leeres Getue.

hud

http://www.nydailynews.com/news/national/white-nationalist-rally-virginia-triggers-state-emergency-article-1.3405906

 
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