Dienstag, 22. August 2017
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Bayern >> Freitag, 28. Juli 17

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Unter der Rinde einer befallenen Fichte zeigen sich die Schädlinge: Käfer, Larven, Frassgänge. (Photo: Tobias Köhler)
Klimawandel beschleunigt Borkenkäferplage

Löchrig wie des Bettelmanns Rock

Der Klimawandel beg√ľnstigt einen Sch√§dling, der zum Schrecken der privaten Waldbauern und staatlichen Forstleute geworden ist: Vom Borkenk√§fer werden neue Rekordzahlen (siehe Grafiken) gemeldet.

Wohin mit dem vielen K√§ferholz? Wie kann verhindert werden, dass der Wald immer mehr L√∂cher bekommt? Wird 2017 ein neues Katastrophenjahr? Wer F√∂rster oder Waldbauern beim Erkundungsgang begleitet, erlebt bange Gesichter und h√∂rt von Notst√§nden, f√ľr die es keine L√∂sungen gibt.

Der ungew√∂hnlich warme M√§rz hat dazu gef√ľhrt, dass die erste Generation der Borkenk√§fer sehr fr√ľh geschl√ľpft ist. Schlimmstenfalls k√∂nnte es dazu kommen, dass heuer erstmals vier Generationen ausschw√§rmen, sagt ein Passauer Revierf√∂rster.

Das Problem mit der Erbengeneration
Das Waldgebiet in Stadt und Landkreis Passau teilt sich in sieben Reviere auf. Die gesamte Waldfl√§che misst rund 44.000 Hektar, etwas gr√∂√üer als die Fl√§che von Wien. Davon sind 7.000 Hektar Staatsforst, 36.000 Hektar Privatwald und 1.000 Hektar Gemeindewald. Der Privatwald mit seinen 18.000 Waldbesitzern ist bei der Ausbreitungsgefahr das gr√∂√üte Sorgenkind. Die alten, naturkundigen Waldbauern sterben weg, den jungen Erben fehlt Zeit oder Lust, sich zu k√ľmmern. Es soll nicht wenige Waldbesitzer geben, die nicht einmal wissen, wo die Grenzen ihres W√§ldchens sind, erz√§hlt ein Forstmann.

Monatliche Kontrollgänge notwendig

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W√∂chentlich werden in Duftfallen die Kupferstecher gez√§hlt: Fangzahlen jenseits der 50.000 St√ľck lassen sich in der Grafik nicht mehr darstellen - es gab Spitzenwerte bis 170.000! Schauplatz ist Aldersbach. (Grafik: LWF)
Um in akuten Borkenk√§ferjahren wie heuer rechtzeitig eingreifen zu k√∂nnen, um gr√∂√üeren Schaden zu verhindern, m√ľssten Kontrollg√§nge monatlich unternommen werden. Doch welcher Waldbesitzer nimmt sich noch die Zeit daf√ľr? Wenn der Befall dann mehr oder minder zuf√§llig entdeckt wird, m√∂glicherweise von einem Nachbarn, der um seine eigene B√§ume f√ľrchtet, beginnt der Wettlauf mit der Zeit. Woher die Holzf√§ller oder die Erntemaschine nehmen? Wo das gef√§llte K√§ferholz in sicherem Abstand lagern? Die S√§gewerke, es gibt in unserer Region nur mehr zwei gro√üe Vertreter, sind √ľberlastet. Sie k√∂nnen maximal 6.000 Festmeter Holz am Tag verarbeiten. Die privaten Waldbauer m√ľssen hinten anstehen. Osteurop√§ische Gro√ülieferanten und staatliche Betriebe werden vorrangig bedient.

Immer mehr Todesfälle bei Holzarbeit

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Ein befallener Baum wird gefällt: Holzarbeiter vom Staatsforst bei der Arbeit. (Photo: Tobias Köhler)
Holzf√§llerarbeit ist Schwerstarbeit und f√ľr Laien gef√§hrlich. ‚ÄěK√§ferb√§ume sind t√ľckisch, weil sie mangels Gewicht in den Kronen anders fallen als erwartet‚Äú, sagt ein Forstexperte. Wenn Borkenk√§fer und Windbruch die Arbeit im Holz mehren, steigen die Unf√§lle. 16 get√∂tete Holzarbeiter galt es in Bayern 2015 zu beklagen, 12 im Vorjahr, die heurige Statistik l√§sst Schlimmstes bef√ľrchten: 16 bis zum heutigen Tag. So lesen sich die Protokolle: Ein vom Harvester gef√§llter K√§ferbaum bringt eine weitere Fichte zu Fall, welche den benachbarten 57-j√§hrigen Waldbesitzer trifft und t√∂tet, der gerade seine Waldgrenze abgegangen ist; von einem gef√§llten K√§ferbaum, den ein junger Holzarbeiter mit einer Seilwinde zu Boden bringt, bricht ein zw√∂lf Meter langes, d√ľrres Wipfelst√ľck ab, das seinen die Motors√§ge f√ľhrenden Vater erschl√§gt.

Kupferstecher und Buchdrucker
Wenn sich die Fichtenkronen verf√§rben, ist es zu sp√§t. Ein K√§ferloch im Endstadium. In den Kronen und √Ąsten knabbert der Kupferstecher, in die Rinde am Stamm bohrt sich der Buchdrucker. Wie dramatisch sich das Waldsterben derzeit ausbreitet, ist schwer √ľberschaubar. Ein Passauer Revierf√∂rster, der 5.600 Hektar Wald betreut, erz√§hlt, dass er wegen Borkenk√§ferbefalls derzeit mit 70 bis 80 Waldbesitzern in Kontakt steht. ‚ÄěDazu kommen die F√§lle, welche noch nicht entdeckt sind oder solche, die private Waldbesitzer eigenst√§ndig bearbeiten‚Äú, sagt er.

Millionenverluste f√ľr Forstwirtschaft
Wer durch die niederbayerische Landschaft f√§hrt, mit kundigem Auge die bewaldeten H√ľgel betrachtet, die Stellen der verf√§rbten B√§ume z√§hlt, erschrickt ob der H√§ufigkeit. Die Beobachtungen der Revierf√∂rster hochgerechnet: 1.000 L√∂cher im Wald von Stadt und Landkreis Passau allein heuer sind gut m√∂glich. Dies bedeutet Verluste von mehreren Millionen Euro f√ľr die Forstwirtschaft, gerodete Waldfl√§chen, die Erholungssuchende beklagen, wenn sie die Brachen in der N√§he von Wanderrouten entdecken.

"Wie des Bettelmanns Rock"
‚ÄěNur die Natur oder ein Wetterumschwung kann uns helfen‚Äú, sagt ein betroffener Waldbesitzer. Doch der Klimawandel spielt dem K√§fer in die Karten: Er mag Hitze und Trockenheit. Den √Ąlteren fallen dazu die Prophezeihungen des M√ľhlhiasl wieder ein: ‚ÄěDer Wald wird so licht werden, wie des Bettelmanns Rock‚Äú.        

Ein K√§ferloch, wie zuletzt im Stadtgebiet nahe dem Abenteuerspielplatz in Passau-Grubweg, misst etwa die Gr√∂√üe eines Fu√üballfeldes; rund 200 Kubikmeter K√§ferholz fallen an, der Waldbesitzer b√ľ√üt durch den Wertverlust etwa 5.000 Euro ein.  

 
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