Dienstag, 26. September 2017
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Elmar Slama lädt zum Benefizkonzert in den Freudenhain-Schlossgarten. (Fotos: Tobias Köhler)
Freudenhain fĂŒhlt mit Erdbebenopfern

Konzert fĂŒr Nursia

Am Geburtsort des Heiligen Benedikt hat die entfesselte Naturgewalt fast keinen Stein mehr auf dem anderen gelassen. Die Abtei San Benedetto hat Dach und Seitenmauern verloren.  Den Glockenturm der Klosterkirche haben Feuerwehrleute einer Notoperation unterzogen, in der Hoffnung, dass er zu retten ist. Sie haben das mit armdicken Rissen durchzogene Mauerwerk bandagiert, zur Entlastung mit einem Kran die Glocken herausgeholt. Die traurigen Bilder von Nursia mit seinem berĂŒhmten Kloster gingen nach dem verheerenden Erdbeben vom vergangen Herbst um die Welt. Dann geriet dieses abgeschiedene StĂŒck Italien in Vergessenheit. „Die SchĂ€den sind schlimmer, als wir uns vorstellen können“, sagt Elmar Slama. Der heilige Ort zĂ€hle 30 Kirchen, davon seien 20 zerstört. Es gab Hunderte Nachbeben. Bewohner harren bis heute in Wohnwagen und Containern aus, sie wissen nicht, ob sie je in ihre HĂ€user zurĂŒckkehren können.  â€žBei der Vielzahl der GebĂ€ude, die in den italienischen Erdbebengebieten betroffen sind, können die statischen Untersuchungen Jahre dauern“, schĂ€tzt er.

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Das Erinnerungsfoto vom letzten Meisterkurs: Freudenhain-SchĂŒler in der Kirche „San Francesco“ zu Nursia, August 2016. Wenige Wochen spĂ€ter zerstörte ein Erdbeben den Bau; das Marienbild blieb heil.
Slama, ein 50-jĂ€hriger Konzertpianist, ist Musiklehrer am Passauer Gymnasium Freudenhain. Das Schicksal von Nursia nimmt ihn mit, weil dieser charismatische Ort in den Bergen der Provinz Perugia fĂŒr ihn die letzten 20 Jahre auch ein StĂŒck Heimat war. „Wir haben dort jedes Jahr musiziert, gefeiert und die Gastfreundschaft genossen“, erzĂ€hlt er. Er könne jetzt nicht einfach so tun, als gehe ihn das nichts mehr an.  Seine SchĂŒler fĂŒhlen mit ihm mit: Nursia war das jĂ€hrliche Sommerziel des Klaviermeisterkurses, den Slama hier zum Festival „Umbria Classica“ abhielt, zuletzt im August des Vorjahres; wenige Wochen vor der Katastrophe. Slama zeigt das Erinnerungsbild: Seine SchĂŒler hatten sich, wie viele Freudenhain-Klassen zuvor, im Musiksaal „San Fransesco“ unter dem majestĂ€tischen Altarbild fĂŒrs Gruppenfoto versammelt. Das fast vier Meter hohe Fresko von 1541 zeigt die Krönung der Jungfrau Maria.
 

DAS KLEINE MARIENWUNDER
„San Francesco“ ist fĂŒr Nursia so etwas wie die Heiliggeistkirche fĂŒr Passau, eines der bedeutendsten Bauwerke der gotischen Kunst. Diese profanierte Klosterkirche dient ebenso als Musik- und Konzertsaal. Sie liegt vom berĂŒhmten Benediktinerkloster im Ortskern zwei Gehminuten entfernt.

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"San Francesco" mit dem Marienbild nach dem Beben.
Am 30. Oktober des Vorjahres haben ErdstĂ¶ĂŸe der StĂ€rke bis zu 6,6 nicht nur das Heiligtum der Benediktiner zerstört, sondern auch diese gotische Kirche.  Dach und WĂ€nde stĂŒrzten ein. Slama hat sich im Internet durch Bilder der Feuerwehr geklickt, welche die SchĂ€den zeigen. Es mutet ihn wie ein Wunder an: „Unserem MariengemĂ€lde ist nichts passiert“, erzĂ€hlt er. Die Altarwand ist stehengeblieben. Die Helfer haben das Kunstwerk jetzt abgestĂŒtzt.

Welche kostbaren EindrĂŒcke die Passauer von diesem umbrischen Dörfchen mitnahmen, veranschaulicht vielleicht ein Text, den Markus Decker, ein Berliner Journalist und Kenner dieser Landschaft, nach dem Erdbeben schrieb: "Liebliche Landschaften, wunderbare Kathedralen... Eine einspurige Straße schlĂ€ngelt sich durch eine herrlich grĂŒne Mittelgebirgslandschaft, an deren Ende man an der Stadtmauer zum Stehen kommt. Wer die zahlreichen LĂ€den hinter einem der Eingangstore mit ihren ebenso ĂŒppigen wie einladenden Auslagen an TrĂŒffeln, WĂŒrsten und Linsen hinter sich gelassen hat, steht sehr bald auf der Piazza San Benedetto mit der gleichnamigen Basilika-heute muss man starr vor Schrecken sagen: stand. Das GebĂ€ude aus dem 13. Jahrhundert mit der gotischen Fassade strahlte im Inneren WĂ€rme aus. Vor allem konnte man hier den Glauben nicht nur sehen, sondern hören.“
 

DEN GASTGEBERN ETWAS ZURÜCKGEBEN
Wie traurig es um dieses mittelalterliche Erbe steht, wurde Elmar Slama bewusst, als er die Einladung zum diesjĂ€hrigen Festival „Umbria Classica“ erhielt. „Es kann in Nursia nicht mehr stattfinden, sie haben es in eine Nachbarstadt verlegt“. Nursia abhaken, einfach vergessen, das kann er nicht. Er will den Bewohnern, die „vorbildliche Gastgeber“ waren, etwas zurĂŒckgeben. Slamas SchĂŒler, deren Eltern, die Lehrerkollegen, die Musikerfreunde, alle waren von seiner Idee sofort begeistern: „Wir organisieren ein Benefizkonzert fĂŒr Nursia!“

FREILUFTKONZERT AM 8. JULI IM SCHLOSSGARTEN

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Der Hauptplatz von Nursia am Tag nach dem Erdbeben. Feuerwehrleute bergen mit einem Kran die Glocken der Benediktinerabtei. (Foto: dpa)
Wenn das Wetter mitspielt, wird das großes Freiluftkonzert am 8. Juli im Schlossgarten von Freudenhain stattfinden; AusweichstĂ€tte wĂ€re die Turnhalle. „Als Musiker hat man ein großes Netzwerk, auf das man sich bei solchen Anliegen verlassen kann“, sagt Slama. Das Programm reicht von Klassik bis Rock, von Schauspiel bis Tanz. Mehrere Dutzend Mitwirkende haben zugesagt; befreundete KĂŒnstler, ehemalige und aktuelle Freudenhain-SchĂŒler. Slama schĂ€tzt, dass eine Spende von 5.000 Euro zusammenkommen könnte. Aber um die Höhe der Summe geht es ihm nicht. Es soll eine nette Geste, ein kleiner Trost, ein Dankeschön aus Passau nach Nursia sein. Die deutsche Partnerstadt von Nursia, Ottobeuren im AllgĂ€u, hat Slama geholfen, den Kontakt herzustellen. Auf dem Wunschzettel der BĂŒrger dort stehen Ausstattungen fĂŒr Schule und Kindergarten, beispielsweise neue Musikinstrumente.

Die Mitwirkenden
Steffi Rösch (Liedermacherin), Ana-Laia König (Geige), Theresa KrĂŒgl und Elisabeth Jehle (Gesangsduo), Elisabeth Thoma (Flöte), Manuel Wagner (Akkordeon), Philipp Ortmeier (Komponist), Maxi Lindinger und Max Do (Piano), Regisseurin Steffi Holly mit der Theatergruppe Freudenhain, Margit Weinberger mit dem Streichquartett Freudenhain, Leni BĂ€umler (TĂ€nzerin), Karin und Gotthard Seidl (Gitarrenduo), Sonja Ortmeier mit dem Kinderchor der Grundschule Hacklberg, Elmar Slama (Pianist).  

Beitrag erschienen im BĂŒrgerblick Heft Nr. 106, Juni 2017

 
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