Donnerstag, 19. Oktober 2017
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Meinung >> Donnerstag, 25. Mai 17

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"Der Vater": Das Stück dreht sich um dem demenzkranken Witwer André (Klemes Neuwirth). (Foto: Peter Litvai)
"Der Vater" am Landestheater

Ein GefĂĽhl von Demenz

„Du bist verloren, wenn der Kopf nicht mehr mitmacht. Kaputt“, sagte Schauspieler Harald Juhnke einst, als er an Demenz erkrankt war. Wie schwer dieses Leiden tatsächlich ist, kann der Gesunde nicht erahnen. Ein Gefühl dafür liefert das Stück „Vater“ des französischen Theaterautors Florian Zeller; der 37-Jährige zählt zu den begabtesten Zeitgenossen seines Fachs. Aus der Perspektive eines alternden Mannes erzählt er dessen Leidensgeschichte, zwischen Humor und Traurigkeit, mit dem tragischen Ende eines vernebelten Verstandes.

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"Der Vater": Der Demenzkranke (Klemens Neuwirth) und sein Schwiegersohn (Olaf SchĂĽrmann). (Foto: Peter Litvai)
Der 80-jährigen Witwer André, gespielt von Klemens Neuwirth, ist ein Greis mit kahlem Kopf, stattlich gekleidet in Anzug und Einstecktuch. Er wohnt bei seiner Tochter Anne (Antonia Reidel), alleine schafft er es nicht mehr. Unentwegt bemüht sich Anne um eine Pflegerin, von denen der alte Mann eine nach der anderen vergrault. Vier hat er verjagt, stolz, stur und uneinsichtig ist er; andererseits unfähig, seine Uhr zu finden. Die Demenz greift um sich. Annes Ehemann Pierre (Olaf Schürmann) drängt darauf, ihn ins Heim zu geben.

Die GlaubwĂĽrdigkeit AndrĂ©s, an der ein mitfĂĽhlender Zuschauer zunächst vielleicht festhält, schwindet spätestens bei der Begegnung mit Laura (Ella Schulz), Pflegerin Nummer fĂĽnf: AndrĂ©, im Pyjama, will die reizende Blondine von seinen tänzerischen Talenten ĂĽberzeugen. Er steht jedoch nur mit ausgebreiteten Armen und verschlossenen Augen regungslos da und lacht. Wie ein unwissendes Kind bekommt er tröstenden Beifall von Laura und Anne. Eine tragikomische Szene. 

Schwarze Bilder, ausgelöschte Erinnerungen
Das Bühnenbild bleibt in diesem 90-Minuten-Stück fast unverändert. Ein Wohnzimmer mit Esstisch, Perserteppich, ein beigefarbener Ohrensessel, auf dem André gerne sitzt, und eine mit Bildern geschmückte Wand. Um das Zimmer herum ein Treppenlauf mit Stühlen, auf denen im Halbdunkel die Figuren verharren, die in der laufenden Szene nicht beteiligt sind. Gegen Ende des Stücks rücken sie immer näher in die Handlungswelt, so wie Andrés Verstand die Grenzen zwischen Gedankenwelt und Außenwelt verschwimmen lässt. Die Bilder an der Wand werden nach und nach umgedreht, zu sehen bleibt die leere, schwarze Rückseite. Eine einfache Metapher für die ausgelöschten Erinnerungen.

Im Verlauf des Stücks verlieren die Szenen an Schärfe, die Handlungen erscheinen konfus. Andrés zweite Tochter (Laura Puschek), die keinen Namen hat, deckt für den kranken Vater den Esstisch, spricht mit ihm über ihre Ehe. Erst später wird klar, dass sie schon vor Jahren an einem Autounfall gestorben ist; die Szene muss Andrés krankem Gehirn entsprungen sein.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

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"Der Vater": Der Demenzkranke (Klemens Neuwirth) und sein Feindbild (Andreas Schneider). (Foto: Peter Litvai)
Ein anderes Mal tritt ein Mann (Andreas Schneider) auf, der den alten Mann ohrfeigt und ihn bezichtigt, seine Krankheit nur vorzuspielen. Man vermutet in dem Grobian den Ehemann der toten Tochter. Später tritt derselbe Mann als Arzt auf; die gewalttätige Beschimpfung scheint wohl nur eine Wahnvorstellung gewesen zu sein. Der Zuschauer muss in Teilen an sich selbst zweifeln, beginnt der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Das Theaterspiel nimmt ihn mit in Andrés Welt: ein Gefühl von Demenz.

„Mama, ich will weg von hier. Ich will, dass man mich hier wegholt. Ich will nach Hause“, fleht André im letzten Akt. Zurückversetzt in ein frühkindliches Stadium hält sich der schwerkranke Mann an seinem Rollator fest. Sein Gedächtnis ist ausgelöscht, aber für den Zuschauer stellt sich die Realität wieder scharf, er erkennt, was in den wild verschachtelten Szenen Wahn war und was Wirklichkeit.

Morgen letzte Vorstellung
Florian Zeller ist mit „Vater“ ein Stück gelungen, das mitnimmt und lehrt ohne dabei laut oder aufdringlich zu sein. Regie (Claus Tröger) und ein starkes Schauspielensemble haben den Stoff beeindruckend umgesetzt. Eine letzte Vorstellung findet am Freitag, 26. Mai im Opernhaus statt. Beginn: 19.30 Uhr.

Tobias Mayerhofer

 
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