Montag, 18. Dezember 2017
·
·

Meinung >> Donnerstag, 25. Mai 17

bild_klein_0000011863.jpg
"Der Vater": Das Stück dreht sich um dem demenzkranken Witwer André (Klemes Neuwirth). (Foto: Peter Litvai)
"Der Vater" am Landestheater

Ein GefĂŒhl von Demenz

„Du bist verloren, wenn der Kopf nicht mehr mitmacht. Kaputt“, sagte Schauspieler Harald Juhnke einst, als er an Demenz erkrankt war. Wie schwer dieses Leiden tatsĂ€chlich ist, kann der Gesunde nicht erahnen. Ein GefĂŒhl dafĂŒr liefert das StĂŒck „Vater“ des französischen Theaterautors Florian Zeller; der 37-JĂ€hrige zĂ€hlt zu den begabtesten Zeitgenossen seines Fachs. Aus der Perspektive eines alternden Mannes erzĂ€hlt er dessen Leidensgeschichte, zwischen Humor und Traurigkeit, mit dem tragischen Ende eines vernebelten Verstandes.

bild_klein_0000011864.jpg
"Der Vater": Der Demenzkranke (Klemens Neuwirth) und sein Schwiegersohn (Olaf SchĂŒrmann). (Foto: Peter Litvai)
Der 80-jĂ€hrigen Witwer AndrĂ©, gespielt von Klemens Neuwirth, ist ein Greis mit kahlem Kopf, stattlich gekleidet in Anzug und Einstecktuch. Er wohnt bei seiner Tochter Anne (Antonia Reidel), alleine schafft er es nicht mehr. Unentwegt bemĂŒht sich Anne um eine Pflegerin, von denen der alte Mann eine nach der anderen vergrault. Vier hat er verjagt, stolz, stur und uneinsichtig ist er; andererseits unfĂ€hig, seine Uhr zu finden. Die Demenz greift um sich. Annes Ehemann Pierre (Olaf SchĂŒrmann) drĂ€ngt darauf, ihn ins Heim zu geben.

Die GlaubwĂŒrdigkeit AndrĂ©s, an der ein mitfĂŒhlender Zuschauer zunĂ€chst vielleicht festhĂ€lt, schwindet spĂ€testens bei der Begegnung mit Laura (Ella Schulz), Pflegerin Nummer fĂŒnf: AndrĂ©, im Pyjama, will die reizende Blondine von seinen tĂ€nzerischen Talenten ĂŒberzeugen. Er steht jedoch nur mit ausgebreiteten Armen und verschlossenen Augen regungslos da und lacht. Wie ein unwissendes Kind bekommt er tröstenden Beifall von Laura und Anne. Eine tragikomische Szene. 

Schwarze Bilder, ausgelöschte Erinnerungen
Das BĂŒhnenbild bleibt in diesem 90-Minuten-StĂŒck fast unverĂ€ndert. Ein Wohnzimmer mit Esstisch, Perserteppich, ein beigefarbener Ohrensessel, auf dem AndrĂ© gerne sitzt, und eine mit Bildern geschmĂŒckte Wand. Um das Zimmer herum ein Treppenlauf mit StĂŒhlen, auf denen im Halbdunkel die Figuren verharren, die in der laufenden Szene nicht beteiligt sind. Gegen Ende des StĂŒcks rĂŒcken sie immer nĂ€her in die Handlungswelt, so wie AndrĂ©s Verstand die Grenzen zwischen Gedankenwelt und Außenwelt verschwimmen lĂ€sst. Die Bilder an der Wand werden nach und nach umgedreht, zu sehen bleibt die leere, schwarze RĂŒckseite. Eine einfache Metapher fĂŒr die ausgelöschten Erinnerungen.

Im Verlauf des StĂŒcks verlieren die Szenen an SchĂ€rfe, die Handlungen erscheinen konfus. AndrĂ©s zweite Tochter (Laura Puschek), die keinen Namen hat, deckt fĂŒr den kranken Vater den Esstisch, spricht mit ihm ĂŒber ihre Ehe. Erst spĂ€ter wird klar, dass sie schon vor Jahren an einem Autounfall gestorben ist; die Szene muss AndrĂ©s krankem Gehirn entsprungen sein.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

bild_klein_0000011865.jpg
"Der Vater": Der Demenzkranke (Klemens Neuwirth) und sein Feindbild (Andreas Schneider). (Foto: Peter Litvai)
Ein anderes Mal tritt ein Mann (Andreas Schneider) auf, der den alten Mann ohrfeigt und ihn bezichtigt, seine Krankheit nur vorzuspielen. Man vermutet in dem Grobian den Ehemann der toten Tochter. SpĂ€ter tritt derselbe Mann als Arzt auf; die gewalttĂ€tige Beschimpfung scheint wohl nur eine Wahnvorstellung gewesen zu sein. Der Zuschauer muss in Teilen an sich selbst zweifeln, beginnt der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Das Theaterspiel nimmt ihn mit in AndrĂ©s Welt: ein GefĂŒhl von Demenz.

„Mama, ich will weg von hier. Ich will, dass man mich hier wegholt. Ich will nach Hause“, fleht AndrĂ© im letzten Akt. ZurĂŒckversetzt in ein frĂŒhkindliches Stadium hĂ€lt sich der schwerkranke Mann an seinem Rollator fest. Sein GedĂ€chtnis ist ausgelöscht, aber fĂŒr den Zuschauer stellt sich die RealitĂ€t wieder scharf, er erkennt, was in den wild verschachtelten Szenen Wahn war und was Wirklichkeit.

Morgen letzte Vorstellung
Florian Zeller ist mit „Vater“ ein StĂŒck gelungen, das mitnimmt und lehrt ohne dabei laut oder aufdringlich zu sein. Regie (Claus Tröger) und ein starkes Schauspielensemble haben den Stoff beeindruckend umgesetzt. Eine letzte Vorstellung findet am Freitag, 26. Mai im Opernhaus statt. Beginn: 19.30 Uhr.

Tobias Mayerhofer

 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

Hier Ihre Anzeige?
Kontaktieren Sie uns!

 

Unsere News und Bilder
finden Sie wieder:
 
Tageszeitung

 

Wochenzeitung

 

Illustrierte

 

TV & Radio
ARD
ZDF
Bayerisches Fernsehen
 
Agenturen

 

Ausland

 

Internet
Google
Yahoo
Passau Bilder