Donnerstag, 23. Februar 2017
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Meinung >> Mittwoch, 28. Dezember 16

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Unschuldig am Medienpranger: Die "Welt" zeigt den Festgenommenen, wie er in einem Polizeitransporter weggebracht wird. (Quelle: Welt)
Festgenommener FlĂĽchtling

Berlin-Anschlag: Nach Medienpranger unter Polizeischutz

Vom Terrorverdächtigen zum Opfer des Medienprangers: Der 23-jährige Mann, der nach dem Berlin-Anschlag als mutmaßlicher Täter festgenommen worden war, hat nur auf dem Papier seine Freiheit zurückbekommen. Er musste die Weihnachtstage unter Polizeischutz an einem geheimen Ort verbringen; selbst seine Familie hat kaum Telefonkontakt zu ihm.

Die Behörden befürchten offenbar, dass der junge Flüchtling aus Pakistan nach Terrorverdacht und Medienrummel derzeit seines Lebens nicht sicher ist. Angehörige erheben deshalb gegen Polizei und Behörden Vorwürfe: Warum ist nie klargestellt worden, dass Naveed B. mit dem Verbrechen absolut nicht zu tun hat, dass sich der Verdacht als falsch herausgestellt hat? Pressemitteilungen im Juristendeutsch, die von einer Freilassung mangels dringendem Tatverdacht sprechen, dienen der Reinwaschung nicht.

Der 23-Jährige war nach dem Lkw-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt etwa zwei Kilometer vom Tatort entfernt an der Siegessäule festgenommen worden. Er habe bei Rot eine Ampel überquert, mehr habe er sich nicht zu Schulden kommen lassen, erzählt ein Bekannter. Er habe die Festnahme und die Verhöre geduldig über sich ergehen lassen, weil er darauf hoffen konnte, dass sich alles aufklärt.

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Focus lässt keine Unschuldsvermutung gelten, wohl aber die schnelle Schuldzuweisung: "Terrorverdächtiger streitet Tat ab". (Quelle: Focus)
Medien wie „Focus“ hatten den Festgenommen schon nach kurzer Zeit zum „Terrorverdächtigen“ gestempelt. Die „Welt“ veröffentliche ein Video, dass den „verdächtigen Pakistani“ zeigt, wie er von Einsatzkräften in einen Polizeitransporter gebracht wird, sein Kopf verhĂĽllt mit einer weiĂźen Decke. Im Text werden die Vorurteile bedient: FlĂĽchtlingsunterkunft, Balkanroute, ĂĽber Passau eingereist. Die unterschwellige Botschaft: ein Krimineller, den uns Merkels FlĂĽchtlingspolitik beschert hat. 

Es waren falscher Alarm, grundlose Hetze und falsche Aussagen. „Wie kann ein Pakistani einen Asylantrag stellen?“, fragten AfD-Anhänger zurecht im Netz. Aufklärung: Der Festgenommene war und ist kein Pakistani.  Er ist Balutsche, gehört einer ethnischen Minderheit, die in Pakistan verfolgt wird. Etwa 100 Balutschen haben Asylantrag in Deutschland gestellt.

Die Journalisten der genannten Blätter haben keine Zeilen und Zeit aufgebracht, dies richtig zu stellen. Der junge Flüchtling, der erst in der Polizeizelle und dann am Medienpranger landete, ist offenbar Geschichte von gestern, vergessen.

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Welt-Korrespondent Clemens Wergin springt auch voreilig auf: Der Fahrer aus Pakistan sei als Flüchtling Februar 2016 eingereist. "Merkels Tote!", schallt es im Netz. Fakten später: Kein Pakistani, kein Flüchtling, den Merkels Grenzöffnung brachte. (Quell
Ein Sprecher der Balutschen schildert Bürgerblick, dass sein 23-jährigen Landsmann noch immer unter Polizeibewachung stehe. Seiner Familie habe man gesagt, sie könnten ihn nicht freilassen. Es werde befürchtet wird, dass er wegen der falschen Anschuldigungen und Medienveröffentlichungen vor Angriffen nicht sicher ist. Die Behörden seien selbst nicht glücklich darüber.

Der Kontaktmann und die Familie wünschen sich, dass die deutschen Behörden offiziell verlautbaren lassen, dass der Festgenommene nicht in den Angriff am Weihnachtsmarkt verwickelt war, dass er als Balutsche selbst unter dschihadistischen Gruppen leidet, welche in Pakistan sein Volk terrorisieren.

Die offiziellen Verlautbarungen entbehren solcher Klarstellung: "Die bisherigen Ermittlungsergebnisse ergaben keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten", teilte beispielsweise der Generalbundesanwalt mit. Die Bundesanwaltschaft hatte erklärt, ein "festgenommener Verdächtiger ist wieder frei gelassen worden". Auch dies war nur die halbe Wahrheit. Denn frei ist er nicht.

 
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