Nach der Zerschlagung der Passauer Lokalredaktion, vier Wochen vor Weihnachten, bangen Redakteure aus dem gesamten Verbreitungsgebiet um ihre Zukunft. Die Reaktionen auf den Medien-Coup sind unerwartet heftig. Betriebsrat, Journalisten und Bürger wehren sich gegen das „unmenschliche Verhalten“ der Verlagsleitung. Ob die junge Verlegerin das wirklich so gewollt hat? Der
Bayerische Rundfunk (
Audio-Datei hier zum Download) boykottiert mit öffentlicher Ankündigung eine Veranstaltung des Passauer Medienzentrums zum Thema „Moral in der Gesellschaft“. Für ihre Reihe „Menschen in Europa“ hatte Alt-Verlegerin Angelika Diekmann am Freitag den Münchner Erzbischof Dr. Reinhard Marx und den Präsidenten der
Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Randolf Rodenstock, aufs Podium geholt. Das öffentlich-rechtliche Radio in der Person von Niederbayern-Korrespondentin Heidi Wolf blieb fern: Man könne nicht in einem Haus auf hohem Niveau bei Häppchen und Sekt über Moral und Ethik diskutieren, wenn diese Begriffe dort keinen Platz mehr hätten, erklärte Moderator Heiner Müller die Beweggründe der Journalistin.
Innerhalb weniger Stunden waren am Mittwoch in Passau der Redaktionsleiter Helmuth Rücker, sein Stellvertreter und drei Mitarbeiter nach Hause geschickt worden. Urlaub im Ungewissen darüber, wie es weiter geht. Der Rathausreporter durfte wieder einscheren, weil ein Wunschkandidat aus einer anderen Abteilung seinen Platz nicht einnehmen wollte. "Es ist erfreulich, dass nicht jeder aus Angst um dem Arbeitsplatz mit sich umspringen lässt", sagt eine Kollegin.
Die Maßnahme soll erst der Anfang sein – alle Redaktionsleiter des Verbreitungsgebietes mussten in den letzten Wochen beim neuen Redaktionsberater Rudolf Kollböck antreten. Der ehemalige PNP-Chefredakteur genießt offenbar das uneingeschränkte Vertrauen der jungen Verlegerin Simone Tucci-Diekmann (33) und hält einen Beratervertrag bis mindestens Februar. Er soll die Lokalzeitung fit für die Zukunft machen und den Rückgang der Abonnenten stoppen.
Betriebsrat verbietet Dienstantritt des Nachfolgers
Schon morgen soll der bisherige Boulevard-Chef des Gratisblattes „Am Sonntag“, Michael Koch, das Ruder in der Stadtredaktion übernehmen.
Es wird spannend, denn die rechtliche Grundlage für seinen neuen Arbeitsvertrag fehlt noch: „Wir haben unsere Unterschrift verweigert, weil gegen das Betriebsverfassungsgesetz verstoßen wurde“, sagt Betriebsratsvorsitzender und Sportredakteur Reinhard Wilhelm. Die Redakteure nach Hause zu schicken, sei eine „Disziplinarmaßnahme“, von der man nicht informiert gewesen sei, erklärt er. Solange über das Schicksal der Beurlaubten nicht entschieden sei, könne man nicht anders. Dem Betriebsrat stehe ein gesetzliches Mitbestimmungsrecht zu – dies sei völlig übergangen worden.
Auch Chefredakteure übergangenNach Informationen des
Bayerischen Rundfunks wurden PNP-Chefredakteur Hans Schregelmann und sein Vize Konrad Kellermann auch nicht gefragt. Sie sahen sich weder hausintern noch nach außen hin imstande, Erklärungen abzugeben. Als Werkzeug für den Medien-Coup diente der zuständige Geschäftsführer Reiner Fürst, der eine bedauernswerte Rolle spielte.
Wie prekär die Situation ist, zeigt dieser Vorgang von heute: Der „Am-Sonntag“-Chef erkundigte sich persönlich beim Betriebsratsvorsitzenden, der als Sportredakteur im Medienzentrum Dienst tat, ob er aus Sicht des Betriebsrates morgen in der Stadtredaktion arbeiten dürfe. Er bekam als Antwort ein klares „Nein!“
Die Anweisung der Verlegerin steht Koch mit Sicherheit näher, aber zur Erklärung dieser Szene sollte man wissen: Wilhelm und Koch sind alte Schulkameraden, die 1983 gemeinsam Abitur machten.
Helmuth Rücker, der geschasste Lokalchef, sitzt derweil zuhause bei seiner Familie. Er sortiert den Inhalt der fünf Kartons, die er bei der Räumung seines Schreibtischs packte, und bereitet einen Vortrag für die Uni vor. Im „Institut für Journalistenausbildung“ ist er nach wie vor Geschäftsführer. „Ich übe mich in Optimismus“, sagt er.
"Es gibt keine PNP-Familie mehr"
Der offensichtliche Alleingang der Jungverlegerin Simone Tucci-Diekmann (die Altverleger weilten in Dubai, als die Aktion anlief) und ihres neuen Redaktionsberaters bringen eine Unruhe ins Haus, die man so noch nie erlebt hat. Die Angst geht um, wer wann und wie noch um- oder freigesetzt wird. Es sei fast „Psychoterror“, dass es keinerlei konkrete Hinweise gebe, was von den Journalisten falsch gemacht worden ist. „Die viel beschworene PNP-Familie gibt es längst nicht mehr“, klagt ein Mitarbeiter.
Das Ende der PNP-Familie begann schon vor mehr als vier Jahren, als die Altverleger das Verbreitungsgebiet der Tageszeitung in Gesellschaften aufsplitteten. Nach dem Motto „Teile und herrsche“ wurden Rechte und Ansprüche aufgelöst. „Ein Jungredakteur verdient heute 500 Euro unter Tarif“, prangert ein Betriebsrat an.
Weil Zugehörigkeit zur Gewerkschaft
ver.di oder dem
Bayerischen Journalistenverband (BJV) von Verlegerseite nicht gerne gesehen werden, schrumpfte in dem konservativen Haus die Zahl der organisierten Redakteure. Das könnte bald anders werden: Am Montagabend muss der BJV ein Sondergremium einberufen, damit Aufnahmeanträge aus Passau im Eilverfahren bearbeitet werden können. Die Zahl der Aufnahmewilligen ist bereit zweistellig.
"Unmögliches Verhalten"„Das Verhalten Mitarbeitern gegenüber ist einfach unmöglich“, sagt die Münchner Geschäftsführerin des
Bayerischen Journalistenverbandes, Frauke Ancker, im Rundfunk. Es sei rücksichtslos, so mit langjährigen Mitarbeitern umzugehen. Sie will nach Passau reisen, um sich selbst ein Bild zu machen. Bereits am 4. Dezember findet die Betriebsversammlung der
Verlagsgruppe Passau statt, fünf Tage später die Betriebsversammlung der betroffenen
Donau Wald Presse GmbH, der die Stadtredaktion angehört.
Empörte Reaktionen soll es auch von Lesern, darunter namhafte Bürger geben, die mit einer telefonischen Protestnote ihr Zeitungsabo abbestellten.
Als einzige lokale Informationsquelle dient bislang der Online-Auftritt des unabhängigen Stadtmagazins
Bürgerblick. Der
BR berichtet überregional auf allen Programmen. Im „Passauer Tölpel“, einer traditionellen PNP-Samstagskolumne, die unter anderem von einem der betroffenen Redakteure geschrieben wird, waren Andeutungen zu finden, die nur Insider verstehen. Ein Gedicht von Hermann Hesse wurde zitiert: „Seltsam, im Nebel zu wandern! ...“
"Ist der lokale Fernsehsender auch schon von der PNP gekauft?", wundert sich ein Leserbrief-Schreiber.
TRP1 verlor über die Vorgänge bei der Presse keine Silbe.
Umso deftiger kommt Kritik von den „freien Stimmen“, wie
Scharfrichterhaus-Original Walter Landshuter. Er betitelt im
Bayerischen Rundfunk die „Am Sonntag“ als „Schundblatt“ und hebt den Zeigefinger: „Wenn dieses Niveau Einzug halten soll und man hofft, dass die Auflagen steigen, indem man das Niveau absenkt – dann gute Nacht!‘“
Nur ein Schritt zum ArbeitsgerichtDer Gewerkschaftsfunktionär und SPD-Landtagsabgeordnete Bernhard Roos lobt den kalt gestellten Lokalchef als „hervorragenden Journalisten“. „Ich hatte den Eindruck, dass diese Redaktion mit allen Seiten einen sehr offenen Dialog gepflegt hat und sich eine eigenständige Linie bewahrte“.
Der Passauer Gewerkschaftssekretär Hartmut Veitengruber warnt: „Ich glaube, dass hier ein Stück Informationskultur zu Ende geht“.
Von Verlagsseite ist bislang keine Stellungnahme zu bekommen. Simone Tucci-Diekmann befindet sich im „Sitzungsmarathon“, wenn man den Ansagen ihrer Sekretärin folgt.
Ob sich Boulevard-Chef Michael Koch um 10 Uhr in der Stadtredaktion einfinden wird, ist nicht zu bezweifeln. Der Betriebsrat hat einen „Kontrollbesuch“ angekündigt. Der Weg zur Klage wäre nicht weit: Die Tür zum Arbeitsgericht befindet sich gleich im Gebäude nebenan.