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Das Lokalmagazin >> Sonntag, 21. Oktober 07

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Zensiert: "Diner for thirteen" wurde aus der Ausstellung auf Betreiben der Kirche entfernt. (Mit Klick aufs Bild zur Fotogalerie)
Schweinzeit 2007

Klerus lässt Kunstwerke abhängen

Wenn sich Kunst an der Kirche reibt, ist dies vor allem im tiefkatholischen Niederbayern ein heikles Thema.  Weil ein Wiener Grafiker "Das Letzte Abendmahl" von Leonardo da Vinci verfälschte, musste es auf Druck des Passauer Klerus abgehängt werden. Betroffen ist eines der gerade populärsten bayerischen Kunstprojekte - "Schweinzeit 2007".

Das niederbayerische Kunstprojekt "Schweinzeit 2007" fand weltweit Niederschlag in den Medien. Vor allem wegen des Motivs eines bekannten Wieners: Nino Holm (56), Diplomgrafiker und Mitgründer der Austro-Pop-Band Erste Allgemeine Verunsicherung ("Ich bin der Märchenprinz") verpasste der berühmten Mona Lisa einen Saurüssel und taufte sie "Mona Lisau". Saukomisch diese Ausstellung im Kloster Asbach von Rotthalmünster, einem Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums. Doch jetzt ist das Lachen verstummt: Die Kirche in Passau betrieb Zensur! Sie ließ ein Bild des Österreichers wieder abhängen: Sein Motiv "Diner für 13", in dem er das ebenso berühmte Abendmahl-Gemälde von Leonardo da Vinci verfälscht, sei Gotteslästerung, befand das Presseorgan des Passauer Bischofs.

Maria Bruckbauer aus Landshut, die Schöpferin des Kunstprojektes "Schweinzeit 2007, will über diesen Vorgang am liebsten nicht reden. „Sonst bekommen diese Moralapostel eine Plattform und nehmen sich noch wichtiger". Passau habe sich als Provinz wieder einmal lächerlich gemacht.

Der chinesische Mondkalender 2007, das Jahr des Schweines, brachte Bruckbauer auf die Idee, in Niederbayern, wo Schweinezucht eine große Rolle spielt, das Kunstspektakel zu starten: 60 bayernweite Veranstaltungen, Förderung von der Bezirksregierung, Resonanz von Berlin bis Madrid.

Künstler folgten einem Aufruf des Berufsverbands Bildender Künstler Niederbayern im Internet und beschäftigten sich mit dem Schwein in allen Formen und Lebenslagen. Die Ausstellung im Klostermuseum Asbach (150 Exponate) gehört zu den Höhepunkten des Projektes und ist eigentlich zum Quieken. Doch: Darf sich solch "schweinische" Kunst auch an der Kirche reiben?

Der Wiener Nino Holm nahm sich humorvoll große Werke vor. Mona Lisa, Freiheitsstatue, Jesus und seine Jünger - er tauschte Menschen- gegen Schweineköpfe. Die Kirchenobrigkeit in Passau war plötzlich über das verfremdete "Letzte Abendmahl" tierisch empört.

„Ich sehe keine Blasphemie“, verteidigt sich der für die Ausstellung verantwortliche Kulturreferent des Landkreises, Dr. Wilfried Hartleb. "Schweine sind doch positiv gestimmte Wesen. Warum sollten sie sich nicht bei einem gemeinsamen Essen unterhalten?". Jetzt fühlt er sich als Prügelknabe. Sein Dienstherr, Landrat Hanns Dorfner, ordnete letzte Woche persönlich an, dieses Gemälde wieder abzuhängen.

Ein Frauenakt mit dem Titel "Schweinebauch", ein Selbstportrait der oberbayerischen Künstlerin Gisela Hellinger (56), fiel auch der Zensur zum Opfer. Der katholische Frauenbund hatte sich aufgeregt.

"Dem Landrat lag für beide Fälle eine schriftliche Beschwerde des Bistumsblattes vor", erklärt Hartleb. In dem Presseorgan des Bischofs waren die Bilder als gotteslästerlich und geschmacklos verurteilt worden.

Den Zeigefinger hob vor allem Domvikar Dr. Bernhard Kirchgessner: „Man stelle sich vor, Holm hätte ein zentrales Geheimnis des jüdischen oder muslimischen Glaubens in dieser Weise persifliert. Ein Aufschrei der Gesellschaft wäre ihm gewiss gewesen!". Der Landrat versprach im Bistumsblatt: "Wenn hier religiöse Gefühle verletzt werden, kommt das Gemälde aus dem Museum".

Kunstreferent Dr. Hartleb wundert es, dass sich wochenlang (die Schau läuft seit 24. September) niemand mokiert hat. Im Gegenteil: Im Feuilleton der „Passauer Neue Presse“ wurde die Schau als „beste Ausstellung für die ganze Familie“ mit „hohem Unterhaltungswert“ gelobt. Dann kam das Kirchenblatt und es hagelte Kritik.

Gut möglich, dass vor allem der Ort der Ausstellung eine besondere Rolle spielt. In den Klosterräumen nebenan befindet sich die ebenfalls vom Landkreis organisierte Ausstellung "Glaube und Bild", die sich mit der Volksfrömmigkeit befasst. "Vielleicht waren wir da zu wenig sensibel", überlegt Hartleb.

Aber eigentlich, so meint er, sollte in Niederbayern die Devise vorherrschen "Leben und leben lassen". Die Ausstellung läuft noch bis 31. Oktober 2007.

 
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