Montag, 21. Oktober 2019
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Bayern >> Dienstag, 15. Mai 07

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Bilder ohne Köpfe, dann gibt auch keinen Ärger wegen der Persönlichkeitsrechte. Auch leitende BILD-Redakteure im Nadelstreifenanzug waren unter den Zuhörern. (Foto: Tim Lilling)
Journalistentag

Medienmarkt: Gut, besser, Boulevard?

Siemens spendiert eine Saftbar mit einem singenden Barkeeper. Die Lautsprecherboxen sind gerade auf leise gedreht. Denn auf der Bühne um die Ecke spricht der rasende Ex-Reporter Udo Röbel (57) kritisch über seine Zeit beim Revolverblatt BILD.

Auf der Nürnberger Messe traf sich beim Süddeutschen Journalistentag die vierte Gewalt im Staat und diskutierte bei alkoholfreien Cocktails und Latte Macchiato über das Gestern, Heute und Morgen der Zunft.

Was nehmen wir nach sechs Stunden mit?

  • Der Journalist des neuen Jahrtausends muss multifunktional sein: Er beliefert die Zeitung, deren Onlineauftritt und das Lokalradio mit Text, Ton und Bild.
  • Während der Leserreporter fürs Foto mit fetten Honoraren entlohnt wird, bekommt der Pressefotograf nur magere Pauschalen. Er macht zwar schönere Bilder, trägt aber zur Leser-Blatt-Bindung nicht unbedingt bei – und seinen Bildern fehlt das Ursprüngliche der laienhaften Schnappschüsse.
  • Das Internet ist als Informationslieferant für die Jungen allmächtig geworden. Die Macht der Gewohnheit lässt Schlimmes für die Zukunft der traditionellen Medien befürchten: Wer in jungen Jahren vor der Glotze saß, macht dies auch im Alter. Wer zwischen Google und Wikipedia groß geworden ist, liest Nachrichten immer online.
  • Der immer wieder verpönte BILD-Stil ist überall angekommen. „Der Boulevard hat gesiegt“, sagte Röbel. Er beherrscht die „Qualitätszeitungen“, greift selbst nach der letzten feinen Dame Tagesschau.

„Es geht nur noch im die Verpackung, darum, Duftmarken zu setzen“, erklärt der Ex-Chefredakteur. Die Zeiten der exklusiven Geschichten seien im Zeitalter der schnellen digitalen Nachrichten- und Bilderflut vorbei.

Über seinen ehemaligen Arbeitgeber BILD sagt er: "Das ist jetzt nicht abwertend gemeint, aber Bild ist eine Hure." Sie liefere das, was die Leute wollen. Das Geheimnis des Erfolgs, jeden Tag am Kiosk neu gekauft zu werden.

Doch das Begehren der Leser müsse hinterfragt werden. "Hier liegen die neuen Chancen", legt er den Kollegen nahe. Es könnte der Weg aus dem Boulevard sein, denn der sei, nachdem alle ihn imitieren, "beliebig, langweilig und uninteressant" geworden.

Wir haben verstanden. Der Journalist muss sich jeden Tag neu die Sinnfrage seiner Aufgabe stellen: Bringen wir das, was die Leser wollen, damit sie sie gerne nach unseren Zeilen greifen? Oder doch lieber das, was wir ihnen schuldig sind: Sauberen, ehrlichen Journalismus?

Erst wenn die Menschen merken, dass sich aufmerksames Lesen, Zuhören und Schauen lohnt, weil der Inhalt mehr bewegt als die Verpackung, werden sie die vierte Gewalt im Staat wieder wertschätzen.

Der singende Saftschüttler hat den Ausschaltknopf seiner Musikbox gedrückt. Zeit zum Aufbruch. Schön, dass es Berufe gibt, bei denen man einfach abschalten kann.
 
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