Mittwoch, 16. Juni 2021
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Bayern >> Sonntag, 09. Mai 21

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Wenn Schönheit und abklingende Pandemie an diesem Sonntag das Muttertagsherz erfassen: Zwei Rentnerinnen sitzen auf einer Parkbank, beide schweigend, beide wie gebannt den Blick auf die Stadt gerichtet.
Kritischer Blick auf die Lage

Corona und Impfen: Europa schaut neidvoll auf Passau

Ein italienischer Erasmus-Student, 21, der in Passau Wirtschaft studiert, sonnt sich am Innufer, schl√ľrft einen Aperol-Sprizz. Er schickt seinen Eltern ein Selfie nach Mailand, hinterher ein Bildschirmfoto von der deutschen RKI-Statistik: "Schaut mal, wie gut ich es hier getroffen habe!" Wer in Passau Zuhause ist, kann derzeit den Neid in der Welt erwecken. Die Pandemie liegt am Boden, die Freiheit steigt.

Dennoch: Covid-19 hat seine Schrecken nicht verloren, auch nicht in einer Stadt, die bei Inzidenz von unter 30 vor Freude tanzt: Unter den Sterbef√§llen, die deutschlandweit sich allein seit Freitag auf 649 summieren, ist ein 47-j√§hriger Passauer. 

74-70-68-49-34-30-21-27. Das ist die Talfahrt in der Pandemie, die Passau seit Maibeginn erlebt. Im Klinikum ist die Belegung auf der Isolierstation im Vergleich zur tragischsten Zeit auf ein Siebtel gesunken. Dennoch hat sich an der Gef√§hrlichkeit des Virus nichts ge√§ndert, im Gegenteil: Jeder dritte der vierzehn Corona-Patienten liegt auf intensiv, vier k√§mpfen wie wahrscheinlich zuletzt der 47-J√§hrige an der Beatmungsmaschine um ihr Leben. Dies sollten vor allem diejenigen lesen, die sich im Netz immer noch br√ľsten, sie w√ľrden Corona lieber testen als sich impfen lassen. Es kursiert in bestimmten Kreisen eine Plakette mit der Aufschrift: ‚ÄěIch bin nicht geimpft. Ich bin in der Kontrollgruppe des Experiments.‚Äú Diese Blase sollte auch die Geschichte von dem 27-j√§hrigen Passauer kennen, bei dem das Virus erst das Herz, dann die Lunge angriff. Der Amateursportler schwebte tagelang zwischen Leben und Tod. Er √ľberlebte und gilt als genesen.

Mehr als jeder Zweite erstgeimpft
Die Freiheiten, die locken, haben den Anteil der Impfunwilligen und Impfskeptiker abschmelzen lassen. Passau, das am Samstag mit einer Inzidenz von 20,8 den niedrigsten RKI-Wert der Bundesrepublik aufzeigte, heute mit 26,5 auf Platz 3, erreicht laut einer Pressemitteilung des Rathauses an diesem Wochenende eine Quote der Erstgeimpften von √ľber 50 Prozent. 2.500 Stadtbewohner erhalten in der kommenden Woche ihre Zweitimpfung. ‚ÄěUnser Ziel ist nach wie vor, bis Ende Mai eine Impftquote von bis zu 65 Prozent zu erreichen‚Äú, schreibt der Oberb√ľrgermeister. Im st√§dtischen Impfzentrum sind 20.000 Dosen verabreicht worden. Die Dreifl√ľssesadt z√§hlt 52.800 Einwohner.

Pluspunkte einer Provinzmetropole

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Was die beiden Rentnerinnen erblicken: Passau, die Ansicht vom S√ľden √ľber den Inn.
Warum die Impfkampagne in der Dreifl√ľssestadft so hervorragend klappt und wirkt, haben wir mehrmals geschrieben: Die Haus√§rzte sind von Anfang an eingebunden worden; die Impfreihenfolge wurde von einem krisenerprobten OB konsequent eingehalten; Extra-Impfdosen f√ľr Risikogebiete in Grenzlage. Passau genie√üt zudem ein gro√ües Plus: Es verf√ľgt √ľber die Infrastruktur einer Metropole, ist aber an der Einwohnerzahl gemessen eher ein Dorf.

Der Muttertagssonntag beschert das Wetter, das sich die Betreibenden der Freiluftgastronomie fortan t√§glich w√ľnschen. Ab morgen d√ľrfen sie unter bestimmten Voraussetzungen (Registrierungspflicht, Testpflicht bei mehr als einen Haushalt, maximal f√ľnf Personen) G√§ste begr√ľ√üen. Ab Dienstag treten weitere Lockerungen in Kraft. Die sogenannten Corona-Genesen und Zweitgeimpften z√§hlen wie Kinder unter 14 nicht mit. Sie sind zudem von Testpflicht befreit. 

Wirte zwischen Krise und Karibik

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RKI-Grafik vom 9. Mai.
So wie die staatliche Fluthilfe 2013 ganz Passau zu einem Sanierungs- und Versch√∂nerungsschub verhalf, erleben wir durch die Coronahilfen nach der Pandemie herausgeputzte Wirtsh√§user. Sanierungs- und Modernisierungskosten wurden den Zwangsstillgelegten wie laufende Kosten bei den Zuwendungen angerechnet. Der Lockdown war eine gute Gelegenheit, Aufgeschobenes anzupacken. Die Lage in der Gastronomie zeigt viele Facetten, von denen nicht alle durch die Lobbypolitik des Hotel- und Gastst√§tternverbandes sichtbar wurden. Die einen wurden tats√§chlich gebeutelt durch hohe Mietkosten oder bestehende Schuldentilgungen oder, weil das Gesch√§ft bereits vor der Pandemie nicht gut lief; andere wurden bestraft f√ľr ihre Schwarzkassen, weil sie hilfebringende Ums√§tze oder Gewinne nicht belegen konnten; wiederum anderen sp√ľlten die staatlichen Unterst√ľtzungen, allen voran die Novemberhilfe, so viel Geld in die Kasse, dass sie sich eine Auszeit in der Karibik nahmen. Unter diesen Inselurlaubern finden sich auch welche aus unserer Region.

Kultur bl√ľht auf
Theoretisch k√∂nnten ab morgen in Passau Theater, Kinos Museen und Opernh√§user f√ľr registrierte Besucher mit Testergebnis, vollst√§ndig Geimpfte und sogenannte Corona-Genesenen wieder √∂ffnen. Wie sich die Betreiber entscheiden, ab welcher Besucherzahl sich der Betrieb f√ľr sie lohnt, wird sich zeigen und jeder f√ľr sich kalkulieren. Die Kulturschaffenden der Europ√§ischen Wochen und des Eulenspiegel-Festivals blicken zuversichtlich wie nie auf den Passauer Sommer.

Grunds√§tzlich gilt f√ľr alle Begegnungen in den genannten Einrichtungen dasselbe wie in der Gastronomie: Registrierungspflicht, Testpflicht bei mehr als zwei Haushalten, Gruppen begrenzt auf f√ľnf Personen. Zweitgeimpfte und sogenannte Corona- Genesene z√§hlen nicht mit und sind vom Test befreit. Bei Letzteren darf das positive Testergebnis nicht √§lter als sechs Monate zur√ľckliegen. Eine einmalige Impfung nach sechs Monaten stellt Corona-Genesene mit vollst√§ndig Geimpften gleich. 

Nachtrag: Nachdem die Inzidenz stabil unter 50 geblieben ist, entf√§llt die Testpflicht ab Dienstag und kontaktfreier Sport ist im Freien f√ľr bis zu zehn Erwachsene oder zwanzig Kinder erlaubt. Im Handel entfallen Testpflicht und Anmeldung. Kitas und Schulen d√ľrfen wieder regul√§r √∂ffnen, soweit die Hygienema√ünahmen umgesetzt werden k√∂nnen. Nach wie vor gilt f√ľr Sch√ľlerinnen und Sch√ľler "zweimal die Woche testen". Hier zur Pressemitteilung vom Sonntag, 9. Mai.

Dutzende Teststationen (hier zur Karte), von der Apotheke bis zum Schnelltestbus, bereiten sich im Stadtgebiet auf einen m√∂glichen Ansturm am Montag vor. Neu ist eine Teststation an der Donaul√§nde, die von Rettungsdiensten betrieben wird. 

Amseln jubilieren in den Wipfeln einer Winterlinde, aus den offenen Fenstern einer Wohnung am Jugendzentrum erklingt der "Tango To Evora" von der kanadischen Komponistin Loreena McKennitt. Freude und Wehmut, Trauer und Jubel sind in Krisenzeiten eng verbunden.

 
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