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Atommüll: ein wachsendes Risiko. Luftlinie 100 Kilometer entfernt liegt das tschechische Atomkraftwerk Temelin. (Quelle: Bürgerblick Nr. 140)
Wohin mit dem StrahlenmĂŒll?

Das MĂ€rchen vom sauberen Atomstrom

1957 ging in MĂŒnchen-Garching der erste deutsche Atomreaktor in Betrieb. Die „saubere Atomenergie“ hat uns ein schwieriges Erbe hinterlassen. In FĂ€ssern gerechnet 134.000. Wohin mit dem StrahlenmĂŒll?

(Dieser Beitrag erschien im Novembermagazin 2020. Aus aktuellem Anlass zum AtommĂŒllbeitrag von Jan Böhmermann im letzten "ZDF-Magazin Royal" hier kostenlos zum Nachlesen)

Unsere Spezies existiert seit 300.000 Jahren. Ihr Erfindergeist und Energiehunger haben in den letzten sieben Jahrzehnten etwas Unvorstellbares erreicht. Sie muss sich die Frage stellen: „Wo ist der radioaktive Abfall unserer Atomkraftwerke fĂŒr eine Million Jahre sicher?“ Mal davon abgesehen, dass diese Fragestellung untertrieben ist. Der Rohstoff Uran 238 beispielsweise hat eine Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren. Bedeutet: Die Menge der zerstörerischen Strahlung sinkt in dieser Zeit auf die HĂ€lfte, nach 9 Milliarden Jahren auf ein Viertel und so weiter.

2017 ist die Suche fĂŒr ein neues Endlager gestartet worden. Der Salzstock in Gorleben erweist sich aus heutiger Sicht als ungeeignet. (Anm. d. Red.: Der Standort war eine politische Entscheidung, die GrenznĂ€he zur DDR). Bei der Endlagersuche gehe es ausschließlich um die hoch radioaktiven AbfĂ€lle, erklĂ€rt uns Pressesprecherin Lisa Ahlers vom Bundesamt fĂŒr die Sicherheit der nuklearen Entsorgung auf Anfrage. Sie benennt die Mengen. Wenn bis 2022 alle Atomkraftwerke abgeschaltet sind, werden rund 1.900 BehĂ€lter angefallen sein. Inhalt: benutzte Brennelemente und AbfĂ€lle der Wiederaufarbeitung. Volumen: 27.500 Kubikmeter, entsprechend einer Schwermetallmasse von 17.000 Tonnen.

Wie muss man sich den Inhalt der BehĂ€lter, dessen Beschaffenheit vorstellen? Abfall, das sind die verbrauchten BrennstĂ€be oder Brennelementekugeln. Die StĂ€be sind bis zu fĂŒnf Meter lange metallische Rohre, ein bis anderthalb Zentimeter dick, gefĂŒllt mit Uran- und Plutoniumoxid, graue Farbe. Aus schwarzem Grafit bestehen die knapp tennisballgroßen Kugeln, in denen Partikel aus Uran- und Thoriumoxid eingebettet sind. Zudem fĂ€llt radioaktive Asche an, die, in Glas eingegossen, in eineinhalb Meter lange Edelstahlrohre verbracht wird.

WĂ€re es nicht einfacher, die Zwischenlager zu behalten und beizeiten die BehĂ€lter zu erneuern? „Zwischenlager sind oberirdische Hallen, in denen die hoch radioaktiven AbfĂ€lle fĂŒr einen begrenzten Zeitraum gelagert werden können. Die Genehmigungen sind bewusst auf 40 Jahre befristet erteilt, damit nicht der Eindruck entsteht, Zwischenlager könnten zu Endlagern werden“, antwortet Ahlers. Der Aufwand fĂŒr Technik, Stacheldraht, Schutzmauern und Wachpersonal entfalle bei unterirdischen Lagern.

Das MĂ€rchen von der „sauberen Kernenergie“ war spĂ€testens aufgeflogen, als die Suche nach einem „Atomklo“ begann. Der Salzstock von Gorleben wurde ein Schauplatz wie heute der Hambacher Wald. Vor 40 Jahren sind Atomkraftgegner aus der ganzen Bundesrepublik angereist, um die Bohrstelle zu besetzen. Tausende Beamte waren im Einsatz, die Baustelle zu rĂ€umen. Jeder Castor-Transport, der Gorleben beschicken sollte, wurde zur Herausforderung. Die Atomkraftgegner besetzten Schienen und kippten Mist auf Kreuzungen.

Der erste AtommĂŒlltransport mit leicht radioaktivem Material rollte im Oktober 1982 nach Gorleben. Vier Jahre spĂ€ter ereignete sich in der Ukraine das UnglĂŒck von Tschernobyl. Den Menschen wurde vor Augen gefĂŒhrt, was die unsichtbare Gefahr anrichten kann. Einer der vier Reaktorblöcke war in Brand geraten. Zwei Explosionen schleuderten radioaktives Material hoch in die AtmosphĂ€re. Der Niederschlag verseuchte Mitteleuropa, radioaktiver Regen ging insbesondere in den östlichen Teilen Bayerns nieder.

Passauer Feuerwehrleute, geĂŒbt im Umgang mit Feuer und Hochwasser, mussten erstmals mit GeigerzĂ€hler und SchutzanzĂŒgen ausrĂŒcken. Vor allem Luftfilter in Schiffen und Fahrzeuge, die aus Osteuropa eintrafen, waren stark kontaminiert. Beamte der Grenzpolizei kontrollierten mit MessgerĂ€ten Körper und Kleidung der Einreisenden. In der Not lagerten die Passauer das strahlende Zeugs anfangs im Schlauchturm der Hauptfeuerwehrwache, spĂ€ter auf SondermĂŒlldeponien.

Das radioaktive Isotop CĂ€sium 137 gelangte ĂŒber Pflanzen und Tiere in den Nahrungskreislauf. Es strahlte in Milch und Wein, in Pilzen und Wildschweinen; in letzteren bis heute. Die Strahlkraft halbiert sich alle 30 Jahre.

Die Standortwahl fĂŒrs Endlager soll heute fĂŒr alle nachvollziehbar und einsehbar sein. Das Verfahren liegt in den HĂ€nden des „Bundesamtes fĂŒr die Sicherheit der nuklearen Entsorgung“. Es gibt eine Parallele zu Corona: Nicht der politische Wille, sondern die Erkenntnisse der Wissenschaft sollen zum Ergebnis fĂŒhren. Das wird selbst von den ehemals rĂŒhrigsten Atomkraftgegnern begrĂŒĂŸt.

Die GrĂŒnen kĂ€mpfen seit ihrer GrĂŒndung gegen die Nutzung von Atomkraft. Das UnglĂŒck von Fukushima beschleunigte ihr Ziel. Ein Tsunami hatte am 11. MĂ€rz 2011 das Atomkraftwerk an der japanischen KĂŒste getroffen. Stromausfall. Die ReaktorkĂŒhlungen fielen aus. Kernschmelze. In Passau hat ein Lkw-Bauer daran mitgewirkt, Betonspritzfahrzeuge umzubauen, damit sie am UnglĂŒcksort als Löschkanonen eingesetzt werden konnten. In Japan entscheidet die Regierung, ob 1,2 Millionen Tonnen belastetes Wasser ins Meer abgelassen werden sollen.

Der Freyunger Kreisrat und Abgeordnete Toni Schuberl schreibt heute zur Endlagerdebatte: „Ich bin ĂŒberzeugt davon, dass diese ‚Deponie-Entscheidung‘ nur aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen und nicht durch kurzfristige Parteipolitik nach dem Sankt-Florian-Prinzip getroffen werden kann.“ Die 90 niederbayerischen GrĂŒnen verfassten in ihrer Herbsttagung einstimmig in diesem Sinne eine Resolution. Die Bayerische Staatsregierung könne sich nicht aus der Verantwortung nehmen, denn schließlich komme ein Viertel des AtommĂŒlls aus bayerischen Atomkraftwerken.

Wie zerklĂŒftet ist der Saldenburger Granit?

Ende September ist eine Karte veröffentlicht worden, sie zeigt alle in Deutschland grundsĂ€tzlich geeigneten Gebiete: Granit, Ton, Salzstöcke. Selbst dicht besiedelte Regionen kommen infrage. Die Bevölkerungsdichte spielt bei der Benennung zunĂ€chst keine Rolle, nur die Bodenbeschaffenheit. Jeder Untergrund hat Vor- und Nachteile. Das radioaktive Material ist tĂŒckisch, es kann hohe Temperaturen entwickeln.

Salzgestein hat eine kĂŒhlende Wirkung, schließt luftdicht ab, ist aber wasserlöslich: Gefahr fĂŒrs Grundwasser. Tongestein, wie es in Niederbayern westlich vom Inn vorkommt, dichtet gut ab, schĂŒtzt das Grundwasser, trocknet bei hohen Temperaturen aus und wird porös. Granit gehört zur stabilsten Gesteinsformation, ist hitzebestĂ€ndig, aber unberechenbar: Unentdeckte Spalten und KlĂŒfte können Gase und FlĂŒssigkeiten entweichen lassen.

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Blick ins BĂŒrgerblick-Archiv: Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011. (Quelle: BĂŒrgerblick Nr. 140)
Der Saldenburger Granit kam 1995 erstmals in die Diskussion. Die Bundesanstalt fĂŒr Geowissenschaften und Rohstoffe hatte im Auftrag des Bundesministeriums fĂŒr Umwelt und Forschung untersucht, ob er sich besser eigne als der Salzstock von Gorleben. AtommĂŒll soll sich – zum Beispiel im Fall neuer Erkenntnisse – laut einer Vorgabe selbst nach 500 Jahren problemlos bergen lassen. Granit erfĂŒllt diese Anforderung, Salzgestein nicht.

Martin Behringer, dem BĂŒrgermeister des Luftkurorts Thurmansbang, hat die aktuelle Standortsuche einen Auftritt in der Tagesschau beschert. Seine Gemeinde zĂ€hlt 2.500 Einwohner. Zusammen mit dem BĂŒrgermeister von Saldenburg tritt der Freie WĂ€hler seit jeher als AnfĂŒhrer der Gegner eines Atomendlagers im Saldenburger Granit auf. Die Erkenntnis, dass 54 Prozent von Deutschland infrage kĂ€men, das sei fĂŒr ihn „fĂŒnfte Klasse Erdkunde“, formuliert er ĂŒberspitzt. Er sorgt sich, dass seine Heimat „nicht aus dem Schneider“ ist. „Wir haben Kontakt mit der Bayerischen Staatsregierung, damit wir Hilfe bekommen und AuftrĂ€ge zur geologischen Untersuchung unseres Gebiets vergeben werden“, sagt er. Er will nachweisen, wovon er „felsenfest ĂŒberzeugt“ ist: dass der Saldenburger Granit unterirdisch stark zerklĂŒftet, also ungeeignet ist. Warum man nicht den Untersuchungen der BundesĂ€mter vertraue? Er lĂ€sst die Antwort offen und begrĂŒndet seine Skepsis: „Gorleben war auch immer als geeignet eingestuft und auf einmal ist es ungeeignet.“

Nach der Stadtflucht entdecken die Leute, von Corona bestĂ€rkt, wieder das Landleben. Behringer bestĂ€tigt den Trend, sieht ihn aber durch ein Endlager gefĂ€hrdet. „FĂŒr die Region wĂ€re ein Endlager der Totschlag hoch drei“, sagt er. Er könne sich nicht vorstellen, dass dann hier noch irgendjemand baue oder ein Haus kaufe. In seiner Gemeinde war 2008 der Tiefpunkt erreicht, Studien prophezeiten, dass sein Landkreis Freyung-Grafenau 10.000 Einwohner verlieren werde. „Das hat sich, Gott sei Dank, nicht bewahrheitet, ganz im Gegenteil, wir haben wieder Pluszahlen.“

Am Ende soll der Bundestag ĂŒber den Standort entscheiden – basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. 2031 soll der Standort gefunden sein, ab 2050 sollen BehĂ€lter mit strahlendem Abfall dort unterirdisch eingelagert werden.

M. Ortner, S. KrĂŒger, H.-J. Denk

 
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