Dienstag, 11. August 2020
·
·

Regionales >> Sonntag, 22. Juli 12

bild_klein_0000006289.jpg
Der Fotobeweis für den Bischof: Mindestens 500 Menschen versammelten sich zum Plädoyer für eine moderne Kirche. Mit Klick zur Fotogalerie (Alexander Eckmeier für Bürgerblick).
500 Rebellen aller Generationen

Bunte Demo gegen Passauer Bischof

Passau – Eine Schar Mädchen und Burschen wirft wütend Ministrantenkutten vor die Tür des Bischöflichen Ordinariats. Unter einem neuen Pfarrer wollen sie nicht dienen. Hunderte Männer und Frauen verkleben sich symbolisch den Mund und ziehen im Schweigemarsch zum Domplatz.

Rund 500 Katholiken aus dem Pfarrverband Ruhstorf an der Rott demonstrierten am Sonntag gegen die Kirchenpolitik des Passauer Bischofs Wilhelm Schraml.

Das 77-jährige Kirchenoberhaupt hat die Gläubigen im Rottal (Landkreis Passau) gegen sich aufgebracht. Deren Herz hängt an dem 52-jährigen Priester Andreas Artinger, der beim Bischof wegen eines Betrugsdelikts in Ungnade gefallen ist. Sie kämpfen nicht nur um ihn, sondern auch für Reformen, hinter denen dieser Pfarrer steht. Er schloss sich bekanntlich der österreichischen Priester-Initiative "Aufruf zum Ungehorsam" an.

„Gleichberechtigung: Frauen in das Priesteramt“, steht auf ihren Transparenten. Oder „Zwängt die junge Kirche nicht in alte Bräuche!“ Aber auch weiterhin Proteste wegen der Absetzung ihres straffällig gewordenen Rebellen-Priesters: „Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Und direkte Worte an den Passauer Bischof: „Herr Schraml machen Sie eine Neuanfang, schnell und weit weg!"

Nach dem Schweigemarsch durch Fußgängerzone und Altstadt machen sie auf dem Domplatz ihrem Ärger Luft. Sie singen Lieder wie „Füllt den neuen Wein nicht in die alten Schläuche“ oder „"Kriecht aus Eurem Schneckenhaus, zieht die alten Kleider aus…“. Die Kirche brauche dringend ein "Update", hat ein Schüler auf sein Plakat geschrieben.

Es gibt eine Besonderheit, eine „Bannmeile“ vor dem Dom. „Unsere Grenze ist das Max-Denkmal“, erklärt der Organisator. Die Statue des ersten bayerischen Königs Maximilian Joseph I., wegen seiner Handbewegung auch der "Regenprüfer" genannt.  Aber sie müssen doch ein Stück weiter Richtung Dom ausweichen, weil der Platz mit Autos vollgeparkt ist. Symbolisch gesehen ist seine Majestät auf der Seite des Rebellenvolkes. Sie wendet dem Bischofsdom den Rücken zu.

Generalvikar guckt aus dem Fenster

Der Bischof selbst stellt sich taub, hat sich offiziell in Urlaub verabschiedet, weilt angeblich im Salzburger Land. Im Bischöflichen Ordinariat, Luftlinie 60 Meter vom Max-Denkmal entfernt, geht kurz ein Fenster auf. Der 47-jährige Generalvikar Dr. Klaus Metzl, Vertreter des Bischofs, beobachtet skeptisch den Menschenauflauf. Er wendet sich sofort ab, als Kameras und Augen plötzlich auf ihn gerichtet sind.

Während im Dom rund 100 Gläubige eine Heilige Messe feiern, sprechen die Glaubensbrüder vor den Portalen Fürbitten für Papst und Bischöfe. Diese mögen endlich die Zeichen der Zeit erkennen und nicht auf alten Dogmen beharren. „Wir bitten Dich, erhöre uns!“ Als die Domglocken – mehr zufällig, weil zur Mittagsmesse geläutet wird – die Redner unterbrechen, halten die Kirchenrebellen dagegen mit rhythmischem Applaus und Pfeifkonzert. Katholische Demonstranten lärmen gegen Domglocken. Ein verstörender Moment.

Nur einmal muss eine Wache der Domaufsicht tätig werden. Demonstranten  haben sich in die Kathedrale "verirrt". Sie wollten erkunden, ob die Domglocken  aus Schikane länger läuten als üblich. "Wir haben die Anweisung, niemanden eintreten zu lassen, der Aufkleber oder Plakate trägt", erklärt der Leiter der Domaufsicht, warum er die ungebetenen solche Gäste wieder entfernen ließ. abweisen musste.

Die Rottaler, darunter erstaunlich viele junge Menschen, kamen mit dem Zug, mit dem Auto, mit dem Linienbus. Es waren nach ersten Schätzungen der Polizei rund 500 Teilnehmer, vielleicht auch ein bisschen mehr. Die Heimatzeitung, die sich bis dahin bei der Berichterstattung über die Rebellen zurückhielt (und danach dem Thema Titelseite und Seite 3 widmet) , greift die Angaben des Veranstalters auf, der von bis zu 800 Teilnehmern spricht.

Zum Schluss der eineinhalbstündigen Protestveranstaltung ist die Stimmung so besinnlich-fröhlich wie auf einem kleinen Kirchentag. Sie singen und schunkeln zur Zugabe, dem Schneckenhaus-Lied. 

„Mal sehen, ob wir die 200 knacken“, war einer der beiden Initiatoren der unheiligen Demo, ein 41-jähriger Elektromaschinenbauer, Vater von vier Kindern am Voraband noch skeptisch. Er meint die Zahl der Teilnehmer. Denn die Anreise musste jeder selbst organisieren. Busfahrten wurden  keine angeboten. Die Veranstalter, dazu gehört auch ein 48-jähriger Polizeibeamter und Marktgemeinderat,  wollten sich nicht zusätzliche Verantwortung aufbürden.

Dieser Sonntag war auf alle Fälle ein ungewöhnlicher für die Bischofsstadt an den drei Flüssen. Während sich im  Stephansdom Katholiken Kirche zur Messfeier versammeln, treffen sich draußen vor den Portalen ihre Glaubensbrüder und protestieren. Gegen die Kirchenobrigkeit, die ihrer Meinung nach scheinheilig Barmherzigkeit predigt, Gehorsam vor Gnade gehen lässt und an nicht mehr zeitgemäßen Hierarchien festhält.

Alles entzündete sich an einem straffällig gewordenen 52-jährigen Priester, der vom Bischof zum Abtritt gezwungen wurde oder – wie die Heimatzeitung stets im Sinne der Pressestelle der Diözese betont – „freiwillig“ seinen Rücktritt anbot.

Längst geht es nicht mehr um das Strafdelikt des Pfarrers, seine Dummheit, blind vor Liebe einer ehemaligen leitendenden Kirchenangestellten beim Betrug zum Schaden der Diözese geholfen zu haben, sondern um Grundsätzliches: Dieser Geistliche, ein bekennender Reformer  (gegen Zölibat und Stigmatisierung von Geschiedenen, für Frauen im Priesteramt und Laienprediger auf der Kanzel) ist mit seiner offenen Art zum Liebling des Rottaler Volkes geworden - und zum theologischen Erzfeind des Bischofs.

Bischof schafft "vollendete Tatsachen"

Der Bischof hat noch vor seinem Urlaub „vollendeten Tatsachen“ geschaffen: Der gefallene Geistliche wird als Seelsorger in den Bayerischen Wald  versetzt, der Dekan von Hauzenberg (Landkreis Passau)  bekommt die undankbare Aufgabe, die aufrührerische Gemeinde zu betreuen. Der Bischofssprecher verschickte parallel zur Demo am Sonntag die offizielle Pressemitteilung: Zum 1. November tritt Stadtpfarrer und Dekan Josef Tiefenböck (51) aus Hauzenberg in Ruhstorf an. Der „profilierte Geistliche“ habe sich persönlich um die ausgeschriebene Stelle beworben. Zusammen mit Kaplan Alexander Aulinger (36) aus dem Pfarrverband Eichendorf und einer Gemeindereferentin werde ein „kompetentes und engagiertes Seelsorgeteam für den Pfarrverband“ gebildet.

Die Süddeutsche Zeitung weiß, dass auch diese Mitteilung wieder nicht ganz der Wahrheit entspricht. Es habe bei der Ausschreibung für die Stelle in Ruhstorf keine Bewerber gegeben. Der Dekan aus Hauzenberg folge vielmehr dem Wunsch des Bischofs. Möglicherweise sind die Hauzenberger Katholiken die nächsten, die in Passau protestieren.

Pfarrer Artinger, der darum gebeten hat, bei dieser Demonstration völlig herausgehalten zu werden, wird sich bis zu seinem Dienstantritt im Bayerischen Wald eine zwei- bis dreimonatige persönliche Auszeit nehmen und seine neue Dienstwohnung in Regen Ende August beziehen.

"Es wird nicht die einzige Aktion bleiben!", kündigen die Demo-Veranstalter an.

 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

Hier Ihre Anzeige?
Kontaktieren Sie uns!

 

Unsere News und Bilder
finden Sie wieder:
 
Tageszeitung

 

Wochenzeitung

 

Illustrierte

 

TV & Radio
ARD
ZDF
Bayerisches Fernsehen
 
Agenturen

 

Ausland

 

Internet
Google
Yahoo
Passau Bilder