Donnerstag, 23. Januar 2020
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Bayern >> Sonntag, 17. November 19

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Der österreichische Kaiser (Reinhard Peer) und sein Hofstaat lauschen einer Mozartoper. (Foto: Peter Litvai)
Nachtkritik

Atemberaubender Amadeus

Es ist eine Theaterpremiere gewesen, nach der man sich wĂŒnschte, auch das Schauspielensemble hĂ€tte in Passau seinen Sitz. Dann wĂ€re der Reisebus mit den BĂŒhnenstars des Abends nicht um 22.25 Uhr gen Landshut abgefahren und man hĂ€tte mit ihnen im Foyer des Opernhauses feiern, sie mit einer tiefen Verbeugung verehren und beglĂŒckwĂŒnschen können. Ovationen wie sie Musikensemble und Orchester nach Opern- und Musicalpremieren oft erleben.

Es war ein grandioses Schauspiel! Es spielte in einem grandiosen Ambiente! Das Passauer Opernhaus, ein historisches Kleinod fĂŒr BĂŒhnenkunst, passte perfekt zu den gepuderten Gesichtern, BarockperĂŒcken und Reifröcken. Und ĂŒberhaupt, diese geschichtliche NĂ€he: Als der sechsjĂ€hrige Mozart in Passau vorspielte, der die Kunst geringschĂ€tzende FĂŒrstbischof dessen Vater verĂ€rgerte, stand dieses Haus bereits als Ballhaus; zum heutigen Opernhaus umgebaut wurde es 20 Jahre spĂ€ter.

An diesem Samstagabend, 257 Jahre nach Mozarts Besuch, haben sich im Parkett und auf den Balkonen Frauen und MĂ€nner von den StĂŒhlen erhoben, um stĂŒrmisch der KĂŒnstlertragödie "Amadeus" zu applaudieren. Mit Bravorufen und trampelnden FĂŒĂŸen holen sie die elf Schauspieler, allen voran Mozartdarsteller Julian Ricker und Jochen Decker, der in der Hauptrolle den kaiserlichen Hofkomponisten mimt, immer wieder an den BĂŒhnenrand. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fĂŒnfmal. Sie schenken ihnen und den Mitwirkenden die Gewissheit: Eure Kunst ist uns wichtig und das Theater darf nicht sterben!

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Hofkomponist Antonio Salieri (Jochen Decker) versucht Mozarts Gemahlin Konstanze (Ell Schulz) zu verfĂŒhren. Als Gegenleistung fĂŒr den Ehebruch stellt er ihr in Aussicht, Mozart aus der Finanzklemme zu helfen. (Foto: Peter Litvai)
NatĂŒrlich schwingt an diesem hochemotionalen Abend die SolidaritĂ€t des Publikums mit. Hatte doch Schauspieler Joachim Vollrath vor Beginn der AuffĂŒhrung im BarockkostĂŒm – er mimt den Wiener Opernhausdirektor - um Unterschriften gebeten fĂŒr die Bittschrift, dass das stillgelegte Landshuter Stadttheater endlich saniert werde. Die StadtvĂ€ter dort zieren sich. Wie wĂŒrdelos, ja beschĂ€mend ist es, die darstellende Kunst in ein Zirkuszelt zu verbannen, ohne ein Ende des Provisoriums in Aussicht zu stellen. Zum VerstĂ€ndnis: Das niederbayerische Landestheater ist ein DreistĂ€dtetheater, in einem Zweckverband getragen von Passau, Landshut, Straubing und dem Bezirk.

Hier die armen KĂŒnstler, dort die geizigen MĂ€chtigen. Das StĂŒck zeigt unfreiwillig Parallelen. Wie Mozart seinerzeit, wohl aus Neid um sein Talent, eine angemessene Zuwendung versagt geblieben ist, so darbt das Landestheater gerade an der mangelnden WertschĂ€tzung durch die Verantwortlichen der Kommunalpolitik.

Wie Neid den Menschen zerfrisst steht im Mittelpunkt der Tragödie. Der Wiener Hofkomponist Antonio Salieri lebt in den Diensten des Kaisers eigentlich sorgenfrei. Da fĂŒhlt er sich plötzlich von Gott verhöhnt, als dieser ihm das Genie Mozart vorsetzt und er sein Mittelmaß erkennt. Sein Zorn steigt ins Unermessliche. Dass er Mozart vergiftet habe, ist eine von der Wissenschaft widerlegt, aber eine bereits 1830 vom russischen Dichter Alexander Puschkin aufgegriffene Legende. Die Fiktion des britischen Dramaturgs Peter Shaffler, der 2016 im Alter von 90 Jahren starb, wurde 1984 verfilmt und mit den Tony Award ausgezeichnet.

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Wolfgang Amadeus Mozart (Julian Ricker) in seinem Totenbett. Sterbebegleiter ist der Neid zerfressene Rivale, Hofkomponist Salieri (Jochen Decker). (Foto: Peter Litvai)
Regiesseur Stefan Tilch zeigt Shaffers Mozart in vielen Facetten. Der verspielte und vulgĂ€re lĂ€sst sich von seiner Geliebten (Ella Schulz) neckisch den nackten Hintern versohlen oder schlĂŒpft anstĂ¶ĂŸig unter deren Rock; der verarmte krĂŒmmt den RĂŒcken wie ein Bettler; doch sobald sich Mozart ans Klavier setzt, wird er zum Gottgleichen, der mit seinen Noten die Menschheit in Liebe umfĂ€ngt. Julian Ricker ist die Rolle auf den Leib geschneidert, denn vor seiner Schauspielkarriere pflegte er als SiebenjĂ€hriger sein musikalisches Talent beim Tölzer Knabenchor. Das Klavierspiel beherrscht er. Die Technik muss kein Playback einspielen, wenn Mozart sich an den weißen FlĂŒgel setzt und die Tasten tanzen lĂ€sst.

NotenblĂ€tter flattern zu Boden, das erkrankte Genie zuckt im Totenbett und diktiert in den letzten AtemzĂŒgen ein Requiem. Die Feder in die Tinte taucht der Mann, der in diesem KĂŒnstlerdrama gemĂ€ĂŸ der Verschwörungstheorie sein Giftmörder ist. Decker spielt in Hochform den Hin- und hergerissenen zwischen Erlösung und Leid.

Mozart starb mit 35. Seine unsterbliche Musik liefert die Untermalung zu diesem TheaterstĂŒck. Es lĂ€sst den Gottgeliebte zu den KlĂ€ngen seines eigenen Requiems sterben. Ein Mozart, der doppelt unter die Haut geht.    

HJD

Diese bebilderte Nachtkritik entstand zwischen 23 und 1.30 Uhr.

Der Hinweis gilt inbesonderen den Finanzbeamten, die seit September BĂŒrgerblick und seinen Herausgeber nach einer anonymen Anzeige bis hinein in die PrivatsphĂ€re seiner Wohngemeinschaft ĂŒberprĂŒfen. Sie stellten ernsthaft die Behauptung auf: Ein Theaterbesuch ist fĂŒr den Journalisten ein "privater Kunstgenuss" und deshalb als GeschĂ€ftsausgabe nicht anrechenbar.   

 
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