Freitag, 06. Dezember 2019
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Bayern >> Sonntag, 17. November 19

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Der österreichische Kaiser (Reinhard Peer) und sein Hofstaat lauschen einer Mozartoper. (Foto: Peter Litvai)
Nachtkritik

Atemberaubender Amadeus

Es ist eine Theaterpremiere gewesen, nach der man sich w├╝nschte, auch das Schauspielensemble h├Ątte in Passau seinen Sitz. Dann w├Ąre der Reisebus mit den B├╝hnenstars des Abends nicht um 22.25 Uhr gen Landshut abgefahren und man h├Ątte mit ihnen im Foyer des Opernhauses feiern, sie mit einer tiefen Verbeugung verehren und begl├╝ckw├╝nschen k├Ânnen. Ovationen wie sie Musikensemble und Orchester nach Opern- und Musicalpremieren oft erleben.

Es war ein grandioses Schauspiel! Es spielte in einem grandiosen Ambiente! Das Passauer Opernhaus, ein historisches Kleinod f├╝r B├╝hnenkunst, passte perfekt zu den gepuderten Gesichtern, Barockper├╝cken und Reifr├Âcken. Und ├╝berhaupt, diese geschichtliche N├Ąhe: Als der sechsj├Ąhrige Mozart in Passau vorspielte, der die Kunst geringsch├Ątzende F├╝rstbischof dessen Vater ver├Ąrgerte, stand dieses Haus bereits als Ballhaus; zum heutigen Opernhaus umgebaut wurde es 20 Jahre sp├Ąter.

An diesem Samstagabend, 257 Jahre nach Mozarts Besuch, haben sich im Parkett und auf den Balkonen Frauen und M├Ąnner von den St├╝hlen erhoben, um st├╝rmisch der K├╝nstlertrag├Âdie "Amadeus" zu applaudieren. Mit Bravorufen und trampelnden F├╝├čen holen sie die elf Schauspieler, allen voran Mozartdarsteller Julian Ricker und Jochen Decker, der in der Hauptrolle den kaiserlichen Hofkomponisten mimt, immer wieder an den B├╝hnenrand. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, f├╝nfmal. Sie schenken ihnen und den Mitwirkenden die Gewissheit: Eure Kunst ist uns wichtig und das Theater darf nicht sterben!

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Hofkomponist Antonio Salieri (Jochen Decker) versucht Mozarts Gemahlin Konstanze (Ell Schulz) zu verf├╝hren. Als Gegenleistung f├╝r den Ehebruch stellt er ihr in Aussicht, Mozart aus der Finanzklemme zu helfen. (Foto: Peter Litvai)
Nat├╝rlich schwingt an diesem hochemotionalen Abend die Solidarit├Ąt des Publikums mit. Hatte doch Schauspieler Joachim Vollrath vor Beginn der Auff├╝hrung im Barockkost├╝m ÔÇô er mimt den Wiener Opernhausdirektor - um Unterschriften gebeten f├╝r die Bittschrift, dass das stillgelegte Landshuter Stadttheater endlich saniert werde. Die Stadtv├Ąter dort zieren sich. Wie w├╝rdelos, ja besch├Ąmend ist es, die darstellende Kunst in ein Zirkuszelt zu verbannen, ohne ein Ende des Provisoriums in Aussicht zu stellen. Zum Verst├Ąndnis: Das niederbayerische Landestheater ist ein Dreist├Ądtetheater, in einem Zweckverband getragen von Passau, Landshut, Straubing und dem Bezirk.

Hier die armen K├╝nstler, dort die geizigen M├Ąchtigen. Das St├╝ck zeigt unfreiwillig Parallelen. Wie Mozart seinerzeit, wohl aus Neid um sein Talent, eine angemessene Zuwendung versagt geblieben ist, so darbt das Landestheater gerade an der mangelnden Wertsch├Ątzung durch die Verantwortlichen der Kommunalpolitik.

Wie Neid den Menschen zerfrisst steht im Mittelpunkt der Trag├Âdie. Der Wiener Hofkomponist Antonio Salieri lebt in den Diensten des Kaisers eigentlich sorgenfrei. Da f├╝hlt er sich pl├Âtzlich von Gott verh├Âhnt, als dieser ihm das Genie Mozart vorsetzt und er sein Mittelma├č erkennt. Sein Zorn steigt ins Unermessliche. Dass er Mozart vergiftet habe, ist eine von der Wissenschaft widerlegt, aber eine bereits 1830 vom russischen Dichter Alexander Puschkin aufgegriffene Legende. Die Fiktion des britischen Dramaturgs Peter Shaffler, der 2016 im Alter von 90 Jahren starb, wurde 1984 verfilmt und mit den Tony Award ausgezeichnet.

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Wolfgang Amadeus Mozart (Julian Ricker) in seinem Totenbett. Sterbebegleiter ist der Neid zerfressene Rivale, Hofkomponist Salieri (Jochen Decker). (Foto: Peter Litvai)
Regiesseur Stefan Tilch zeigt Shaffers Mozart in vielen Facetten. Der verspielte und vulg├Ąre l├Ąsst sich von seiner Geliebten (Ella Schulz) neckisch den nackten Hintern versohlen oder schl├╝pft anst├Â├čig unter deren Rock; der verarmte kr├╝mmt den R├╝cken wie ein Bettler; doch sobald sich Mozart ans Klavier setzt, wird er zum Gottgleichen, der mit seinen Noten die Menschheit in Liebe umf├Ąngt. Julian Ricker ist die Rolle auf den Leib geschneidert, denn vor seiner Schauspielkarriere pflegte er als Siebenj├Ąhriger sein musikalisches Talent beim T├Âlzer Knabenchor. Das Klavierspiel beherrscht er. Die Technik muss kein Playback einspielen, wenn Mozart sich an den wei├čen Fl├╝gel setzt und die Tasten tanzen l├Ąsst.

Notenbl├Ątter flattern zu Boden, das erkrankte Genie zuckt im Totenbett und diktiert in den letzten Atemz├╝gen ein Requiem. Die Feder in die Tinte taucht der Mann, der in diesem K├╝nstlerdrama gem├Ą├č der Verschw├Ârungstheorie sein Giftm├Ârder ist. Decker spielt in Hochform den Hin- und hergerissenen zwischen Erl├Âsung und Leid.

Mozart starb mit 35. Seine unsterbliche Musik liefert die Untermalung zu diesem Theaterst├╝ck. Es l├Ąsst den Gottgeliebte zu den Kl├Ąngen seines eigenen Requiems sterben. Ein Mozart, der doppelt unter die Haut geht.    

HJD

Diese bebilderte Nachtkritik entstand zwischen 23 und 1.30 Uhr.

Der Hinweis gilt inbesonderen den Finanzbeamten, die seit September B├╝rgerblick und seinen Herausgeber nach einer anonymen Anzeige bis hinein in die Privatsph├Ąre seiner Wohngemeinschaft ├╝berpr├╝fen. Sie stellten ernsthaft die Behauptung auf: Ein Theaterbesuch ist f├╝r den Journalisten ein "privater Kunstgenuss" und deshalb als Gesch├Ąftsausgabe nicht anrechenbar.   

 
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