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Der "Joker": Joaqim Phoenix spielt den Verlierer Arthur Fleck (Quelle: Warner Bros)
Der neue "Joker" im Kino

Angestrengtes Lachen

"Das hast Du mir schon einmal erzählt", blocken wir Freunde ab, die wiederholt ihre Lieblingsgeschichte zum Besten geben. Neue Kinofilme sind manchmal wie solche Freunde, ihre Erzählungen wiederholen sich. Aber die Neugierde treibt uns trotzdem vor die Leinwand. "Joker" ist so ein Fall, ich habe ihn mir angesehen.

Altbackenes aufzuw√§rmen scheint ein gutes Rezept im Kino des dritten Jahrtausend zu sein: Musikfilme √ľber Queen, Elton John und die Beatles; sogenannte Sequels, Fortf√ľhrungen erfolgreicher Filme wie Star Wars, der neunte Teil erscheint im Januar, oder die franz√∂sische Kom√∂die Monsieur Claude, Teil 2 folgt demn√§chst; alte Filme wie Rambo erleben mit einem neuen Make up ihren zweiten Fr√ľhling; daneben platzieren sich sogenannte Spin-Offs, in denen die Fans erfahren, was die Nebencharaktere ihres Lieblingsfilms privat machen.

"Joker" ist so ein Spin-Off, und, das sei vorausgeschickt, ein sehr gut gemachter. Die Figur des Super-Anti-Helden entsprang dem Batman-Universum. Den Ausspruch ‚ÄĚ√ľber beide Backen grinsen‚ÄĚ nimmt sie w√∂rtlich. Kaum ein B√∂sewicht wird derart oft zitiert wie "Joker". Obwohl: Clown-Kollege Pennywise aus der ‚ÄúEs‚ÄĚ-Romanverfilmung von Stephen King gerade dabei ist, ihm seine Rolle als Alpha-Grusel-Spa√ümacher strittig zu machen.

W√§hrend "Joker" in den Vorfilmen als das ultimative, irre B√∂se galt, gestaltet er sich im Spin-Off anders. Die Kamera begleitet den Prozess, wie sich dieser Charakter radikalisierte, vom sch√ľchternen Miet-Clown, der tags√ľber mit Schilder jongliert, abends r√ľhrend seine senile Mutter in der Badewanne einseift und schlie√ülich zum geisteskranken M√∂rder wird.

Von Anfang an erz√§hlt: Das Leben meint es nicht gut mit Arthur Fleck (Joaqim Phoenix). Auf der Arbeit wird er gemobbt und grundlos von jungen Kollegen verm√∂belt. Er wohnt bei seiner Mutter in prek√§ren Verh√§ltnissen, seine Therapeutin h√§tte Arthurs suizidale Absichten vermutlich nicht mal erkannt, wenn er sie nicht auf der Stirn t√§towiert tr√ľge. Trost findet der Verzweifelte nur, wenn er sich mit seiner altersschwachen Mutter vor dem Fernseher in ihren Lieblingsshow verliert oder sich seine Nachbarin herbeifantasiert.

F√ľr den armen Arthur geht es weiter abw√§rts, als ihm ein Clownkollege ungefragt eine Waffe √ľbergibt; seine Therapie wird eingestellt, sein Tablettenzugang versiegt und die unkontrollierten Lachkr√§mpfe, diezu den ung√ľnstigsten Momenten eintreffen, werden immer schlimmer. Dann passiert es: W√§hrend eines Auftritts im Krankenhaus vor krebskranken Kindern rutscht dem Clown die Pistole aus der Hose. Er verliert den Job und die Kontrolle √ľber sich...

Kurz zusammengefasst handelt es sich bei  diesem "Joker" um den prototypischen Verlierer: misshandelt, ausgegrenzt, abgeh√§ngt, das Meiste davon fremdverschuldet. Dementsprechend bemitleidenswert ist diese Clownfigur. Joaqim Phoenix gl√§nzt in dieser Rolle, am Boden der Gesellschaft. Und Robert DeNiro gibt einen √ľberaus authentischen Talkshow-Gastgeber ab. Kost√ľme und Ausstattung entf√ľhren in den Gro√üstadtsumpf von Gotham Anfang der 1980er Jahre. Die Gesellschaft beobachtet einen Verlierer beim Verlieren. Aber wie den Charakter des Verlierer glaubhaft gestalten? Die Macher von ‚ÄúJoker‚ÄĚ haben sich f√ľr die logische Variante gew√§hlt und eine Art Oliver Twist erschaffen, der seine Rachsucht an der Gesellschaft ausl√§sst.

Sollte man das Ph√§nomen Joker √ľberhaupt erkl√§ren, die Kunstfigur vermenschlichen? Stellen sie sich vor Sherlock Holmes Auffassungsgabe w√ľrde durch Ritalin-Missbrauch erkl√§rt, Supermans Kraft durch jahrelanges Muskeltraining. Das versetzt die Personen zwar in die Realit√§t, aber der Charme bleibt auf der Strecke.

Ben Balzereit

 
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