Dienstag, 16. Juli 2019
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Lokalnachrichten >> Donnerstag, 20. Juni 19

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Leser*innenbrief

Gender-Umfrage gibt ZĂŒndstoff

Ein Lehrprofessor wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Passau hat auf den Online-Beitrag im BĂŒrgerblick „Studierendenbefragung: Welcher Fisch sind Sie?“ von Anfang Mai jetzt mit einem Leserbrief reagiert, der aus dem Ungleichgewicht geraten ist. Den 3.000 Zeichen des Journalisten stehen 7.000 des Lehrprofessor fĂŒr Sozialforschung gegenĂŒber. Der Leserbriefschreiber begegnet dem BĂŒrgerblick-Journalisten mit einem entliehenen Zitat „Einfach mal die Fr... halten!“, vergleicht diesen mit Putin und Trump und sieht darin einen neuen Fall „Relotius“. Sie sehen, es geht ans Eingemachte.

Nachtrag: Der Hintergrund der VerĂ€rgerung erhellte sich heute bei einem persönlichen GesprĂ€ch. Der Uni-Mitarbeiter sieht ein anerkanntes, wissenschaftliches Umfrageinstrument in den Schmutz gezogen, zumal der Journalist die Studie mit einem flapsigen Kommentar zur Genderdebatte vermengt hat. Aufgestachelt war er bereits vor dem Beitrag, weil die Verantwortlichen bei dieser Befragung nicht auf die Kompetenz des eigenen Hauses zuzurĂŒckgegriffen hatten. Die Umsetzung - ersichtlich an Reaktionen der Befragten - war wohl unglĂŒcklich. Auf Bitte des Absenders haben wir sein Foto wieder entfernt.  

Hier die Zuschrift:

"Sehr geehrter Herr Denk u.a. Mitarbeiter*innen der Redaktion BĂŒrgerblick, ich habe Ihren oben, im Betreff genannten Artikel mit Gewinn gelesen und halte das Gros der Kritik, der darin zum Ausdruck kommt, fĂŒr durchaus nicht unberechtigt. Jedoch mit dem Titel, dem AufhĂ€nger und dem Abschluss des Artikels, die alle das graphische Element des "Fischschwarms" aus einer aktuellen Befragung der UniversitĂ€tsfrauenbeauftragten aufgreifen, schießen Sie mit Ihrer Kritik aus fachlich-methodischer Sicht, die ich hier vertreten möchte, ĂŒber jedes Ziel hinaus.

Ich erlaube mir, Sie bzw. Ihren Artikel selbst zu zitieren: "Welcher Fisch sind Sie? Welcher Fisch wĂ€ren Sie gerne?“, lautet die erste Frage der Umfrage und nennt fĂŒnf Möglichkeiten. In der Zeichnung eines Schwarms gilt es sich einzuordnen: AnfĂŒhrer oder NachzĂŒgler? Ein einsamer Fisch, der gegen den Strom schwimmt ist links oben zu sehen. Er wird wie sein alleinstehender farbfremder Artgenosse der „Besondere Fisch“ genannt." Und an anderer Stelle: "Wer die Reaktionen im Netz studiert, findet zu dieser Aktion wenig Applaus. Es hagelt Kritik. Vor allem die MĂ€nner scheinen genervt, nicht nur wegen der Papierverschwendung, sondern des Umstands, dass an der Passauer UniversitĂ€t ein hoher FrauenĂŒberschuss und weibliche FĂŒhrung herrscht; die MĂ€nner gefĂŒhlt das schwĂ€chere Geschlecht sind."

Ich habe wirklich keine bessere Möglichkeit gefunden, um Sie bloßzustellen, als Ihren Artikel wortwörtlich zu zitieren: "Wer die Reaktionen im Netz studiert"? Sollen wir neuerdings unsere Forschungsinteressen davon abhĂ€ngig machen, dass diese im Netz - z.B. auf der Plattform "Jodel" - mehrheitsfĂ€hig sind? Oder: "die MĂ€nner gefĂŒhlt das schwĂ€chere Geschlecht sind"? Ach so, Ihnen geht es um gefĂŒhlte RealitĂ€ten. Sind Sie AnhĂ€nger von Wladimir Putin oder von Donald Trump, dass Sie sich derart fĂŒr das Konzept "alternativer Fakten" aussprechen, das von beiden Staatenlenkern so vehement propagiert wird?

Im Gegensatz zu solchen "Fake News" - herzlichen GlĂŒckwunsch ĂŒbrigens, dass sich jetzt auch noch der BĂŒrgerblick in die illustre Reihe hipper, moderner aber unzuverlĂ€ssiger Journalisten ĂĄ la Claas Relotius einreiht - ist es allerdings eine ĂŒberprĂŒfbare Tatsache, dass das Befragungsinstrument "Fischschwarm" von Jutta Allmendinger zusammen mit den beiden Kolleginnen, Sophie Krug von Nidda und Vanessa Wintermantel, an der Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Bayern entwickelt und anschließend fĂŒr eine Umfrage zu den "LebensentwĂŒrfen junger Frauen und MĂ€nner in Bayern" verwendet wurde. Diese Umfrage wurde gemeinsam vom BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung und vom Wissenschaftszentrum Berlin fĂŒr Sozialforschung (WZB) organisiert und vom infas Institut fĂŒr angewandte Sozialwissenschaft GmbH im Sommer 2015 durchgefĂŒhrt (vgl. Allmendinger/Krug von Nidda/Wintermantel 2016).

Bei diesem "Fischschwarm"-Modell handelt sich ĂŒbrigens um eine sozialwissenschaftliche Anwendung des aus der Programmierung stammenden "artifical fish swarm algorithm" kurz AFSA. Zudem wurde im Rahmen einer Qualifikationsarbeit an der Lehrprofessur fĂŒr Methoden der empirischen Sozialforschung an der UniversitĂ€t Passau im Sommer 2017 mit Hilfe einer qualitativen Evaluation bestĂ€tigt, dass dieses Erhebungsinstrument eine hohe inhaltliche GĂŒltigkeit (InhaltsvaliditĂ€t) fĂŒr sich beanspruchen kann.

Es handelt sich also mitnichten um eine bloße "akademische Spinnerei", wie Sie in Ihrem Artikel (implizit) zu unterstellen belieben, sondern im Gegenteil um ein interdisziplinĂ€r entwickeltes, elaboriertes sowie bereits mehrfach getestetes und bewĂ€hrtes Erhebungsinstrument. Zugegebenermaßen fĂ€llt die QualitĂ€t der Darstellung des "Fischschwarms", der in der Umfrage der UniversitĂ€t Passau (in grĂŒn und gelb) verwendet wurde, gegenĂŒber der ursprĂŒnglichen Entwicklung deutlich ab (vgl. Allmendinger/Krug von Nidda/Wintermantel 2016: 54). Doch die Ă€ußere Struktur (Anordnung und Richtung der Fische) ist identisch. Überdies empfiehlt es sich nach den existierenden Empfehlungen zur "Dramaturgie von Umfragen" nicht, ein solches (streitbares bzw. umstrittenes) Instrument an den Anfang eines solchen Fragebogens zu stellen. DafĂŒr ist es dann doch zu ungewöhnlich und regt zu sehr zu Widerspruch an, wie Ihr eigener Artikel ja beweist. An dieser Stelle wĂ€re jedoch nicht zu kritisieren, dass die UniversitĂ€t Passau ein innovatives Fragebogeninstrument verwendet, sondern dass dabei nicht auf universitĂ€tsintern wie -extern bereits bestehende Erkenntnisse zurĂŒckgegriffen wurde.

Alles in allem nutzt das Instrument "Fischschwarm" eine aus der Kognitionspsychologie, Neurologie und Verhaltensforschung stammende (ĂŒbrigens sehr alte) Erkenntnis: NĂ€mlich dass Bilder eher den affektiven emotionalen Aspekt der menschlichen Persönlichkeit ansprechen und nicht den Intellekt. Aus dem gleichen Grund verwenden Sie ĂŒbrigens im BĂŒrgerblick neben dem Text auch Fotos und Abbildungen, um die Wirkung Ihrer Artikel zu steigern. FĂŒr die Erkenntnis, dass (alle) Menschen, derart emotional getriggert, spontaner und somit ehrlicher auf Herausforderungen reagieren, wurde dem israelisch-US-amerikanischen Psychologen Daniel Kahnemann im Jahr 2002 zusammen mit Vernon L. Smith der Alfred-Nobel-GedĂ€chtnispreis fĂŒr Wirtschaftswissenschaften verliehen.

Wie Sie sehen, wÀren (fast) alle Informationen, die ich Ihnen zusammen mit dieser E-Mail zukommen lasse, leicht im Internet zu recherchieren gewesen. Der inhaltliche AufhÀnger und das Ende des im Betreff genannten Artikels zeichnen sich somit durch eine starke Meinung aber leider durch nur sehr wenig Kenntnis und noch weniger durch sorgfÀltige journalistische Recherche aus.

Aus diesen GrĂŒnden möchte ich Ihnen zunĂ€chst mit einer Fabel von Iwan A. Krylov antworten:

Der Hahn und die Perle
Beim WĂŒhlen in der DĂŒngerpfĂŒtze
fand eine Perle einst der Hahn
und sprach: "Was ist denn da daran?
Das Ding ist gar nichts nĂŒtze!
Ist s eine Torheit nicht, daß man so hoch es schĂ€tzt?
Mich hĂ€tte in der Tat unendlich mehr ergötzt ein Gerstenkorn – wenn s auch den Glanz nicht hat, es macht doch satt.
So urteilt auch der Ignorant: Wovon er nichts versteht, das ist ihm bloßer Tand.


Damit Sie meine Intention, aus welcher heraus ich Ihnen diese eMail geschrieben habe, aber auch absolut richtig verstehen, werde ich fĂŒr Sie noch deutlicher, indem ich den Kabarettisten Dieter Nuhr zitiere ( [0.24 - 0:34]): "Man darf in der Demokratie eine Meinung haben, aber man muss nicht. Das ist ganz wichtig, das sich das mal rumspricht. Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal die Fr... halten!" Ich selbst wĂŒrde das selbstverstĂ€ndlich anders formulieren. Allerdings finde ich, das Zitat von Dieter Nuhr bringt meine persönliche Meinung zum AufhĂ€nger Ihres Artikels viel besser zum Ausdruck. Beste GrĂŒĂŸe Christian Rademacher.

Ende der Zuschrift.

Der Journalist hat die Zuschrift, die sechs Wochen nach Veröffentlichung des Beitrags eintraf, wie folgt beantwortet:

"Lieber Herr Rademacher, vielen Dank fĂŒr Ihre Zuschrift. Es war ein Online-Beitrag auf der kostenlosen Plattform "BĂŒrgerblick". Der "Kritik im Netz", auf die ich stieß, ging der Unmut analoger Kritiker hervor, die mich inspirierten. Es handelte sich um keine wissenschaftliche Abhandlung. Der Unterzeichner hat versucht, den Text bis zu Ende zu lesen. Sein Eindruck: Hier will jemand eine Fliege auf der Elefantenwaage messen. Sie sehen in diesem Beitrag wegen der aus Ihrer Sicht fĂ€lschlichen Fischbetrachtung den "Relotuis"-Fall im BĂŒrgerblick. Diese Ehre gebĂŒhrt dem Beitrag nicht, dafĂŒr ist er zu belanglos, aber im Kern korrekt: Ich habe den Test selbst mitgemacht und fĂŒhlte mich manipuliert, Klischees zu bestĂ€tigen.

Der Unterzeichner hĂ€tte Ihre Zuschrift gerne als Leserbrief abgedruckt, aber dafĂŒr ist diese etwas zu lang geraten. Wenn die Kritik lĂ€nger ist als der kritisierte Text, offenbart der Verfasser, dass seine Motivation tiefer liegt. Den 3.000 Zeichen des Journalisten stehen 7.000 des Lehrprofessors gegenĂŒber. Es muss ein großer Wurm ihn diesem genagt haben. Oder fischt er nach Lorbeeren von höherer Stelle?

Ich fĂŒge Ihre Zuschrift Online fĂŒr alle sichtbar ein, hebe ihn vielleicht sogar als Meinungsbeitrag prominent ins Netz. Denn wie Sie selbst sinngemĂ€ĂŸ erklĂ€ren, ist das Netz geduldiger als Papier und sollte nicht zu ernst genommen werden. In große Sorge, dass Zeit vergeudet und ĂŒbers Ziel hinausgeschossen wordne ist. Beste GrĂŒĂŸe, Hubert Jakob Denk."

Rademacher ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter fĂŒr Sozialforschung an der Uni Passau tĂ€tig. Er hat an der Uni in Halle-Wittenberg promoviert. TransparenzerklĂ€rung: Sein Doktorvater war Soziologie-Professor Dr. Reinhold Sackmann, gebĂŒrtiger Passauer, der mit dem BĂŒrgerblick-Schreiberling einst am Gymnasium die Schulbank teilte. Es haben vor diesem Beitrag keine RĂŒcksprachen stattgefunden.

Ja, die Welt ist klein.



 

 
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