Mittwoch, 23. Oktober 2019
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Lokalnachrichten >> Donnerstag, 20. Juni 19

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Leser*innenbrief

Gender-Umfrage gibt Z├╝ndstoff

Ein Lehrprofessor wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Passau hat auf den Online-Beitrag im B├╝rgerblick ÔÇ×Studierendenbefragung: Welcher Fisch sind Sie?ÔÇť von Anfang Mai jetzt mit einem Leserbrief reagiert, der aus dem Ungleichgewicht geraten ist. Den 3.000 Zeichen des Journalisten stehen 7.000 des Lehrprofessor f├╝r Sozialforschung gegen├╝ber. Der Leserbriefschreiber begegnet dem B├╝rgerblick-Journalisten mit einem entliehenen Zitat ÔÇ×Einfach mal die Fr... halten!ÔÇť, vergleicht diesen mit Putin und Trump und sieht darin einen neuen Fall ÔÇ×RelotiusÔÇť. Sie sehen, es geht ans Eingemachte.

Nachtrag: Der Hintergrund der Ver├Ąrgerung erhellte sich heute bei einem pers├Ânlichen Gespr├Ąch. Der Uni-Mitarbeiter sieht ein anerkanntes, wissenschaftliches Umfrageinstrument in den Schmutz gezogen, zumal der Journalist die Studie mit einem flapsigen Kommentar zur Genderdebatte vermengt hat. Aufgestachelt war er bereits vor dem Beitrag, weil die Verantwortlichen bei dieser Befragung nicht auf die Kompetenz des eigenen Hauses zuzur├╝ckgegriffen hatten. Die Umsetzung - ersichtlich an Reaktionen der Befragten - war wohl ungl├╝cklich. Auf Bitte des Absenders haben wir sein Foto wieder entfernt.  

Hier die Zuschrift:

"Sehr geehrter Herr Denk u.a. Mitarbeiter*innen der Redaktion B├╝rgerblick, ich habe Ihren oben, im Betreff genannten Artikel mit Gewinn gelesen und halte das Gros der Kritik, der darin zum Ausdruck kommt, f├╝r durchaus nicht unberechtigt. Jedoch mit dem Titel, dem Aufh├Ąnger und dem Abschluss des Artikels, die alle das graphische Element des "Fischschwarms" aus einer aktuellen Befragung der Universit├Ątsfrauenbeauftragten aufgreifen, schie├čen Sie mit Ihrer Kritik aus fachlich-methodischer Sicht, die ich hier vertreten m├Âchte, ├╝ber jedes Ziel hinaus.

Ich erlaube mir, Sie bzw. Ihren Artikel selbst zu zitieren: "Welcher Fisch sind Sie? Welcher Fisch w├Ąren Sie gerne?ÔÇť, lautet die erste Frage der Umfrage und nennt f├╝nf M├Âglichkeiten. In der Zeichnung eines Schwarms gilt es sich einzuordnen: Anf├╝hrer oder Nachz├╝gler? Ein einsamer Fisch, der gegen den Strom schwimmt ist links oben zu sehen. Er wird wie sein alleinstehender farbfremder Artgenosse der ÔÇ×Besondere FischÔÇť genannt." Und an anderer Stelle: "Wer die Reaktionen im Netz studiert, findet zu dieser Aktion wenig Applaus. Es hagelt Kritik. Vor allem die M├Ąnner scheinen genervt, nicht nur wegen der Papierverschwendung, sondern des Umstands, dass an der Passauer Universit├Ąt ein hoher Frauen├╝berschuss und weibliche F├╝hrung herrscht; die M├Ąnner gef├╝hlt das schw├Ąchere Geschlecht sind."

Ich habe wirklich keine bessere M├Âglichkeit gefunden, um Sie blo├čzustellen, als Ihren Artikel wortw├Ârtlich zu zitieren: "Wer die Reaktionen im Netz studiert"? Sollen wir neuerdings unsere Forschungsinteressen davon abh├Ąngig machen, dass diese im Netz - z.B. auf der Plattform "Jodel" - mehrheitsf├Ąhig sind? Oder: "die M├Ąnner gef├╝hlt das schw├Ąchere Geschlecht sind"? Ach so, Ihnen geht es um gef├╝hlte Realit├Ąten. Sind Sie Anh├Ąnger von Wladimir Putin oder von Donald Trump, dass Sie sich derart f├╝r das Konzept "alternativer Fakten" aussprechen, das von beiden Staatenlenkern so vehement propagiert wird?

Im Gegensatz zu solchen "Fake News" - herzlichen Gl├╝ckwunsch ├╝brigens, dass sich jetzt auch noch der B├╝rgerblick in die illustre Reihe hipper, moderner aber unzuverl├Ąssiger Journalisten ├í la Claas Relotius einreiht - ist es allerdings eine ├╝berpr├╝fbare Tatsache, dass das Befragungsinstrument "Fischschwarm" von Jutta Allmendinger zusammen mit den beiden Kolleginnen, Sophie Krug von Nidda und Vanessa Wintermantel, an der Landeszentrale f├╝r politische Bildung Bayern entwickelt und anschlie├čend f├╝r eine Umfrage zu den "Lebensentw├╝rfen junger Frauen und M├Ąnner in Bayern" verwendet wurde. Diese Umfrage wurde gemeinsam vom BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung und vom Wissenschaftszentrum Berlin f├╝r Sozialforschung (WZB) organisiert und vom infas Institut f├╝r angewandte Sozialwissenschaft GmbH im Sommer 2015 durchgef├╝hrt (vgl. Allmendinger/Krug von Nidda/Wintermantel 2016).

Bei diesem "Fischschwarm"-Modell handelt sich ├╝brigens um eine sozialwissenschaftliche Anwendung des aus der Programmierung stammenden "artifical fish swarm algorithm" kurz AFSA. Zudem wurde im Rahmen einer Qualifikationsarbeit an der Lehrprofessur f├╝r Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universit├Ąt Passau im Sommer 2017 mit Hilfe einer qualitativen Evaluation best├Ątigt, dass dieses Erhebungsinstrument eine hohe inhaltliche G├╝ltigkeit (Inhaltsvalidit├Ąt) f├╝r sich beanspruchen kann.

Es handelt sich also mitnichten um eine blo├če "akademische Spinnerei", wie Sie in Ihrem Artikel (implizit) zu unterstellen belieben, sondern im Gegenteil um ein interdisziplin├Ąr entwickeltes, elaboriertes sowie bereits mehrfach getestetes und bew├Ąhrtes Erhebungsinstrument. Zugegebenerma├čen f├Ąllt die Qualit├Ąt der Darstellung des "Fischschwarms", der in der Umfrage der Universit├Ąt Passau (in gr├╝n und gelb) verwendet wurde, gegen├╝ber der urspr├╝nglichen Entwicklung deutlich ab (vgl. Allmendinger/Krug von Nidda/Wintermantel 2016: 54). Doch die ├Ąu├čere Struktur (Anordnung und Richtung der Fische) ist identisch. ├ťberdies empfiehlt es sich nach den existierenden Empfehlungen zur "Dramaturgie von Umfragen" nicht, ein solches (streitbares bzw. umstrittenes) Instrument an den Anfang eines solchen Fragebogens zu stellen. Daf├╝r ist es dann doch zu ungew├Âhnlich und regt zu sehr zu Widerspruch an, wie Ihr eigener Artikel ja beweist. An dieser Stelle w├Ąre jedoch nicht zu kritisieren, dass die Universit├Ąt Passau ein innovatives Fragebogeninstrument verwendet, sondern dass dabei nicht auf universit├Ątsintern wie -extern bereits bestehende Erkenntnisse zur├╝ckgegriffen wurde.

Alles in allem nutzt das Instrument "Fischschwarm" eine aus der Kognitionspsychologie, Neurologie und Verhaltensforschung stammende (├╝brigens sehr alte) Erkenntnis: N├Ąmlich dass Bilder eher den affektiven emotionalen Aspekt der menschlichen Pers├Ânlichkeit ansprechen und nicht den Intellekt. Aus dem gleichen Grund verwenden Sie ├╝brigens im B├╝rgerblick neben dem Text auch Fotos und Abbildungen, um die Wirkung Ihrer Artikel zu steigern. F├╝r die Erkenntnis, dass (alle) Menschen, derart emotional getriggert, spontaner und somit ehrlicher auf Herausforderungen reagieren, wurde dem israelisch-US-amerikanischen Psychologen Daniel Kahnemann im Jahr 2002 zusammen mit Vernon L. Smith der Alfred-Nobel-Ged├Ąchtnispreis f├╝r Wirtschaftswissenschaften verliehen.

Wie Sie sehen, w├Ąren (fast) alle Informationen, die ich Ihnen zusammen mit dieser E-Mail zukommen lasse, leicht im Internet zu recherchieren gewesen. Der inhaltliche Aufh├Ąnger und das Ende des im Betreff genannten Artikels zeichnen sich somit durch eine starke Meinung aber leider durch nur sehr wenig Kenntnis und noch weniger durch sorgf├Ąltige journalistische Recherche aus.

Aus diesen Gr├╝nden m├Âchte ich Ihnen zun├Ąchst mit einer Fabel von Iwan A. Krylov antworten:

Der Hahn und die Perle
Beim W├╝hlen in der D├╝ngerpf├╝tze
fand eine Perle einst der Hahn
und sprach: "Was ist denn da daran?
Das Ding ist gar nichts n├╝tze!
Ist s eine Torheit nicht, da├č man so hoch es sch├Ątzt?
Mich h├Ątte in der Tat unendlich mehr erg├Âtzt ein Gerstenkorn ÔÇô wenn s auch den Glanz nicht hat, es macht doch satt.
So urteilt auch der Ignorant: Wovon er nichts versteht, das ist ihm blo├čer Tand.


Damit Sie meine Intention, aus welcher heraus ich Ihnen diese eMail geschrieben habe, aber auch absolut richtig verstehen, werde ich f├╝r Sie noch deutlicher, indem ich den Kabarettisten Dieter Nuhr zitiere ( [0.24 - 0:34]): "Man darf in der Demokratie eine Meinung haben, aber man muss nicht. Das ist ganz wichtig, das sich das mal rumspricht. Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal die Fr... halten!" Ich selbst w├╝rde das selbstverst├Ąndlich anders formulieren. Allerdings finde ich, das Zitat von Dieter Nuhr bringt meine pers├Ânliche Meinung zum Aufh├Ąnger Ihres Artikels viel besser zum Ausdruck. Beste Gr├╝├če Christian Rademacher.

Ende der Zuschrift.

Der Journalist hat die Zuschrift, die sechs Wochen nach Ver├Âffentlichung des Beitrags eintraf, wie folgt beantwortet:

"Lieber Herr Rademacher, vielen Dank f├╝r Ihre Zuschrift. Es war ein Online-Beitrag auf der kostenlosen Plattform "B├╝rgerblick". Der "Kritik im Netz", auf die ich stie├č, ging der Unmut analoger Kritiker hervor, die mich inspirierten. Es handelte sich um keine wissenschaftliche Abhandlung. Der Unterzeichner hat versucht, den Text bis zu Ende zu lesen. Sein Eindruck: Hier will jemand eine Fliege auf der Elefantenwaage messen. Sie sehen in diesem Beitrag wegen der aus Ihrer Sicht f├Ąlschlichen Fischbetrachtung den "Relotuis"-Fall im B├╝rgerblick. Diese Ehre geb├╝hrt dem Beitrag nicht, daf├╝r ist er zu belanglos, aber im Kern korrekt: Ich habe den Test selbst mitgemacht und f├╝hlte mich manipuliert, Klischees zu best├Ątigen.

Der Unterzeichner h├Ątte Ihre Zuschrift gerne als Leserbrief abgedruckt, aber daf├╝r ist diese etwas zu lang geraten. Wenn die Kritik l├Ąnger ist als der kritisierte Text, offenbart der Verfasser, dass seine Motivation tiefer liegt. Den 3.000 Zeichen des Journalisten stehen 7.000 des Lehrprofessors gegen├╝ber. Es muss ein gro├čer Wurm ihn diesem genagt haben. Oder fischt er nach Lorbeeren von h├Âherer Stelle?

Ich f├╝ge Ihre Zuschrift Online f├╝r alle sichtbar ein, hebe ihn vielleicht sogar als Meinungsbeitrag prominent ins Netz. Denn wie Sie selbst sinngem├Ą├č erkl├Ąren, ist das Netz geduldiger als Papier und sollte nicht zu ernst genommen werden. In gro├če Sorge, dass Zeit vergeudet und ├╝bers Ziel hinausgeschossen wordne ist. Beste Gr├╝├če, Hubert Jakob Denk."

Rademacher ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter f├╝r Sozialforschung an der Uni Passau t├Ątig. Er hat an der Uni in Halle-Wittenberg promoviert. Transparenzerkl├Ąrung: Sein Doktorvater war Soziologie-Professor Dr. Reinhold Sackmann, geb├╝rtiger Passauer, der mit dem B├╝rgerblick-Schreiberling einst am Gymnasium die Schulbank teilte. Es haben vor diesem Beitrag keine R├╝cksprachen stattgefunden.

Ja, die Welt ist klein.



 

 
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