Dienstag, 16. Juli 2019
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Carola Jungwirth beim Amtsantritt (Foto: Stephan Gauer)
Misstrauen und Mobbing

Uni-PrÀsidentin in Not

PrĂ€sidentin Carola Jungwirth hat in einem Rundschreiben die fĂŒhrenden Mitglieder der UniversitĂ€t gebeten, ihr Image zu retten. Umfragen und Kritiker bescheinigen ihr FĂŒhrungsschwĂ€che und Selbstherrlichkeit. Was ist da wirklich los?

Die Mitglieder des Deutschen Hochschulverbandes werden turnusmĂ€ĂŸig befragt, wie zufrieden sie mit ihren Rektoren sind. An der UniversitĂ€t Passau, 124 Professoren, 27 angehende Professoren und 24 Privatdozenten, sind 119 Mitglied in diesem Verband und wurden angeschrieben. 41 haben an der Umfrage teilgenommen, das Ergebnis ist fĂŒr die PrĂ€sidentin niederschmetternd: Sie landete im unteren Drittel. Dazu muss man wissen: PrĂ€sidentin Carola Jungwirth legt auf Ranglisten hohen Wert. Sie stehen bei der leidenschaftlichen Betriebswirtin wegen der Imagepflege an oberster Stelle: „Rankings gehören zu den wichtigsten Instrumenten der Außendarstellung einer UniversitĂ€t“, behauptet sie in einem ihrer regelmĂ€ĂŸigen Auftritte vor den Kameras im Uni-TV. Doch wer ist diese Frau?

Jungwirth, eine Wirtschaftswissenschaftlerin, verheiratet, Mutter einer Tochter, ist seit 1. April 2016 im Amt. Sie hatte sich bei den Wahlen im Juni 2015 gegen den amtierenden Informatikprofessor Burkhard Freitag durchgesetzt. Ihr Sieg war „hauchdĂŒnn“, aber das Aufatmen laut hörbar. Jungwirth hatte mit ihrem Programm viele Freunde gewonnen: QualitĂ€t statt QuantitĂ€t. Mehr Mitspracherecht. Was ist davon geblieben? „Wir sind vom Regen in die Traufe gekommen“, wird einer ihrer Kritiker in der „Passauer Neuen Presse“ zitiert. „Schlechte Stimmung an der Uni Passau“, titelte die „SĂŒddeutsche Zeitung“. Die Sprecherin des Allgemeinen Studierendenausschusses und verschiedene Vertreter der FakultĂ€ten hatten sich gegenĂŒber dieser Zeitung mit VorwĂŒrfen ĂŒber die Unileitung geĂ€ußert: Intransparenz, mangelnde Konsensbereitschaft, problematischer Umgang mit Gremien; manche beklagten EinschĂŒchterungsversuche. Jungwirth regiert demnach wie eine Patriarchin oder wird als solche gesehen.

Gute Christin und FDP-AnhÀngerin

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GefĂ€llige Architektur, gelegen am grĂŒnen Inn: Die Passauer UniversitĂ€t glĂ€nzt nach außen hin durch Harmonie. (Foto : Tobias Köhler)
Ihre Entscheidungen seien unvorhersehbar und willkĂŒrlich, oft entgegengesetzt zu vorherigen Absprachen, erzĂ€hlt ein Betroffener. Die 52-jĂ€hrige Jungwirth gibt sich als gute Christin, fordert beispielsweise in Rundmails ihre Untergebenen auf, an der Fronleichnamsprozession teilzunehmen, was manche als BelĂ€stigung auffassen. Sie zeigt sich umweltfreundlich und nahbar, bewegt sich mit dem Fahrrad durch die Stadt. Als oft gesehene PremierengĂ€ngerin im Theater demonstriert sie kulturelle Aufgeschlossenheit. Sie folgt eifrig gesellschaftlichen und politischen Einladungen wie zuletzt dem Neujahrsempfang der CSU; sie selbst steht, wie Publikationen belegen, der FDP nahe.

Die Darstellungen der SĂŒddeutschen nennt Ethikprofessor Christian Thies von der philosophischen FakultĂ€t ĂŒbertrieben. Ein Klima der Angst herrsche nicht, wohl aber Misstrauen. Er selbst nennt sich einen strengen Kritiker der PrĂ€sidentin. Das Misstrauen verstĂ€rkt haben dĂŒrfte ein Auftritt Jungwirths in Budapest. Unter Professoren berichtete sie ĂŒber ihre Erfahrung im deutschen Uniwesen. Ihre Aussagen haben in Passau Empörung ausgelöst. Sie stellte es so dar, als mĂŒsse sie dagegen ankĂ€mpfen, dass die Passauer UniversitĂ€t nicht abgestuft werde zur Fachhochschule.

Mehr Forschung statt Lehre mĂŒsse die Anstrengung sein. Eine Selbstdarstellung auf Kosten ihres Personals zuhause? Ihr schlechtes Abschneiden bei der jĂŒngsten Umfrage des Deutschen Hochschulverbands hat Jungwirth damit erklĂ€rt, dass die UniversitĂ€t in der „Umstrukturierung“ sei. Die Umstellung von einer „distributiven auf eine allokative Ressourcenverteilung.“ Was damit gemeint ist, bleibt nicht nur den Lesenden, sondern auch den meisten Professoren fremd. So wie sich Ärzte vor ihren Patienten gerne mit Latein verstecken, schirmt sie sich ab mit Wirtschafts-kauderwelsch.

In ihrer Antwort an die Pressevertreter, die sie den fĂŒhrenden Mitgliedern der UniversitĂ€t mitteilt, beruft sie sich auf die Entscheidungskompetenz, welche das Hochschulgesetz ihr einrĂ€ume, nennt Beispiele, wie sie grĂ¶ĂŸere Transparenz geschaffen habe und schreibt zum brisantesten Punkt: „Die VorwĂŒrfe im Hinblick auf EinschĂŒchterungsversuche sind mir hingegen nicht bekannt, so dass ich mich hierzu nicht Ă€ußern kann.“

Heikler Eingriff in die Ethik-Kommission
Die tatsĂ€chlichen HintergrĂŒnde des Stimmungswandels, des Gegenwinds, den die PrĂ€sidentin verspĂŒrt, sind bisher nicht erzĂ€hlt worden, weil ein Fall, der dazu beitrug, zu heikel ist, nie an die Öffentlichkeit gelangte. Im Kreise des Senats und der Professorenschaft werden seine Auswirkungen heftig diskutiert. Die Kettenreaktionen, die er hervorrief, brachten anscheinend das Fass zum Überlaufen. Die schlechten Umfragewerte waren ein willkommener Anlass fĂŒr Betroffene und GeschĂ€digte, den autokratischen FĂŒhrungsstil der PrĂ€sidentin anzuprangern und die Medien einzuschalten. Der letzte eigenmĂ€chtige Akt der PrĂ€sidentin betraf die Ethikkommission, ein Kontrollorgan, das Forschung auf einen moralischen und sicherheitsrelevanten PrĂŒfstand stellt. An UniversitĂ€ten, wo es um menschliche Risiken oder möglichen Missbrauch von Technik geht, spielt sie eine große Rolle. In Passau weniger.

Hier ist sie mit vier Köpfen und deren Stellvertretern besetzt; jede FakultĂ€t bestimmte ihren Gesandten. So war es, als die Ethikkommission im Oktober 2016 unter Jungwirth eingerichtet wurde. Plötzlich mischte sie sich ein, entzog den FakultĂ€ten ihr Mitspracherecht, besetzte die Positionen neu; Professorinnen wurden teilweise zwangsverpflichtet. Den Wenigsten erschloss sich, was der Sinn ihres Eingriffs war, zumal - wie genannt - die Arbeit des Gremiums an dieser Uni eher im Hintergrund steht. Mit ihrem ĂŒberraschenden, eigenmĂ€chtigen Handeln hat sie vor allem die Kommission verprellt. Die Frauenquote fĂŒhrte sie offiziell als BegrĂŒndung an. TatsĂ€chlich stehen jetzt in erster Reihe drei Professorinnen neben einem Professor. Mit der tatsĂ€chlichen Geschlechterverteilung unter den Professoren hat dies wenig zu tun. Die Zerschlagung der Ethikkommission förderte die Stimmungslage, wie sie sich jetzt in der Umfrage widerspiegelte.

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UniversitÀt Passau (Foto: Tobias Köhler)
Die Eingeweihten in eine Vorgeschichte, die vor zweieinhalb Jahren begann, gehen davon aus, dass hinter Jungwirths Aktion eine Maßregelung steckt, die einen bestimmten Professor in dieser Kommission treffen sollte. Sie wollte ihn offenbar um jeden Preis absetzen. Dieser hatte sich nach einer vagen VerdĂ€chtigung einem Disziplinarverfahren stellen mĂŒssen; auf Betreiben der PrĂ€sidentin sollte er gezwungen werden, sich einer amtsĂ€rztlichen Untersuchung zu unterziehen. Er wehrte sich, wie unsere Recherchen ergaben, erfolgreich mit einem Eilantrag beim Verwaltungsgericht in Regensburg; letztendlich gingen alle Verfahren zu seinen Gunsten aus. Das Disziplinarverfahren wurde eingestellt. „Ich ging durch die Hölle“, hat der Familienvater spĂ€ter seinem engen Umkreis anvertraut.

Sex-Mobbing-Verleumdung beschÀftigt Staatsanwalt
Der Professor war dem Sex-Mobbing einer Mitarbeiterin ausgesetzt gewesen. Deren Lebenspartnerin trat als Belastungszeugin auf und ist heute, wie die Staatsanwaltschaft Passau bestĂ€tigt, Beschuldigte eines Ermittlungsverfahrens wegen falscher VerdĂ€chtigungen. „Etwas bleibt immer hĂ€ngen“, hat sich fĂŒr den Betroffenen bewahrheitet. Die PrĂ€sidentin soll ihre Haltung ihm gegenĂŒber bis heute nicht geĂ€ndert haben. Unsere Nachfrage, worum es bei dem Disziplinarverfahren gehe und wie viele Disziplinarverfahren in ihrer Amtszeit anhĂ€ngig geworden seien, lĂ€sst Jungwirth unbeantwortet und verweist auf die Persönlichkeitsrechte. „Zum Bericht in der SĂŒddeutschen Zeitung Ă€ußern wir uns nicht“, schreibt zudem ihre Pressesprecherin.

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Audimax der UniversitÀt: 12.500 MÀnner und Frauen sindeingeschrieben. Die Unileitung setzt auf Wachstum (Foto: Pressestelle UniversitÀt Passau)
Mit einem Rundschreiben an die Spitzenvertreter der Uni hatte Jungwirth versucht, Mitstreiter zu finden, die den Journalisten ein anderes Bild liefern. Nach ihrem Aufruf hat sich aus dem Kreis des UniversitĂ€tsrates ein Berliner gemeldet, Professor Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der GedenkstĂ€tte des deutschen Widerstandes. Rankings gehören seiner Meinung nach zu den „problematischen Instrumenten der Reputationszuschreibung.“ Damit will er Jungwirth entlasten und stellt gleichzeitig deren Lieblings-instrument der Außendarstellung infrage. Er sieht Umfragen kritisch. „Mir fĂ€llt nur Lenins Warnung ein: Sage mir, wer Dich lobt, ich sage Dir, was Du falsch gemacht hast“, aber das gelte auch umgekehrt: „Wer einen Sumpf trockenlegt, soll nicht die Frösche befragen.“

"Humor und Stehvermögen"
Wenige Tage bevor durch Medienberichte das Imagedesaster ĂŒber Jungwirth hereinbrach, hat die Zeitschrift „Forschung und Lehre“ ein Kurzinterview mit ihr veröffentlicht. Wie sich ihr Schritt zur Hochschulleitung ergeben habe, erklĂ€rt sie wie folgt: „Über eine lange Karriere in der akademischen Selbstverwaltung, die mich von der ‚Mittelbausenatorin‘ ĂŒber die Ämter der Studiendekanin, UniversitĂ€tsfrauenbeauftragten und Dekanin der Wirtschaftswissenschaftlichen FakultĂ€t fĂŒr das PrĂ€sidentenamt qualifiziert hat.“ Als die wichtigsten FĂ€higkeiten und Persönlichkeitsmerkmale nennt sie fĂŒr diese Position „Humor und Stehvermögen“. Über eine Quote zur Steigerung des Frauenanteils in FĂŒhrungspositionen sagt sie: „Ja, diesen Weg muss Deutschland gehen.“

Ein vollkommen anderes Bild, das von den internen VorgĂ€ngen unberĂŒhrt scheint, zeichnen der Wikipedia-Eintrag und der Internetauftritt der UniversitĂ€t. Dort hat Jungwirth als wichtigste Eigenschaft der Passauer UniversitĂ€t verankern lassen: „Laut internationalem Times-Higher-Education-Ranking 2017 belegt die UniversitĂ€t einen Rang zwischen 200 und 250 in der Liste der weltbesten UniversitĂ€ten.“ Hinter der Studie steht ein britischer Verlag, der sich umgekehrt mit hohen Klickzahlen brĂŒstet; der behauptet, mit seinem Unibewertungssystem der meistzitierte und kompetenteste der Welt zu sein. Auf der Netzseite wird jeder berufene Besucher ermuntert, sich im Uni-Bewerten zu beteiligen. Zu bestimmten Themen werden zu einem Land der Wahl acht UniversitĂ€ten angefĂŒhrt und der Befragte darf sie sortieren. Als Belohnung wird unter allen Teilnehmern ausgelost: In seinem Namen wird eine Spende ĂŒber 250 britische Pfund an eine Stiftung gegeben, die politisch verfolgte Forscher unterstĂŒtzt.Im Juli steht die Neuwahl fĂŒr das PrĂ€sidentenamt der UniversitĂ€t Passau an. Die Amtszeit, das wurde unter ihren VorgĂ€ngern bereits diskutiert und in ihrer Amtszeit entschieden, ist dem Hochschulgesetz gemĂ€ĂŸ auf sechs Jahre verlĂ€ngert worden. Carola Jungwirth glaubt fest an ihre Wiederwahl. Sie hat die Stelle fĂŒr die Stellvertreterin, die an ihrer Stelle den Lehrstuhl der Wirtschaftswissenschaften leiten soll, bereits ausgeschrieben.

Abonnenten und Leser kennen diesen Beitrag aus der Printmagazin Nr. 124 / April 2019.

 
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